Schuldnerberatung in Westsachsen: Die Auswegsucher

Hinter Schuldenbergen stecken viele unterschiedliche Geschichten. Die Schuldnerberater der Caritas und der Arbeiterwohlfahrt versuchen jedes Jahr, rund 3000 Menschen davon herunterzubekommen.

Zwickau.

Ein gelber Brief im Briefkasten - das ältere Ehepaar hielt die Luft an. Post vom Gerichtsvollzieher. "Wir haben große Angst", verrät die Frau ihrer Schuldnerberaterin von der Caritas. "Und hier steht auch was von Inhaftierung", sagt sie mit zitternder Stimme.

Vor vielen Jahren hatten die beiden einem jungen Nachbarn beistehen wollen. "Er wollte sich selbstständig machen und einen Kredit aufnehmen, brauchte aber Bürgen. Wir halfen", erklärt der Mann. Die Firma lief nicht, dafür der junge Freund weg. "Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört." Als Bürgen haften sie. Seit Jahren zahlen sie den Kredit zurück. "Jetzt bin ich krank, wir schaffen es nicht mehr", erklärt der ältere Herr verzweifelt.

Ob garstig oder gutmütig, arm oder reich, Single oder Großfamilienoberhaupt - Schulden können laut Andreas Schäfer, Leiter der Caritas-Schuldnerberatung in Zwickau, jeden ereilen. Vor ihm und seinen fünf Kolleginnen und Kollegen in Westsachsen sitzen Arbeitslose und Ärzte, Kriminalbeamte und Betrüger, Politiker und Rentner, Ausländer, Lehrer, Studenten. "Wir fragen immer, wie die Schulden entstanden sind. Die wenigsten können erklären, was der Auslöser war. Es schleicht sich irgendwie ein." Insbesondere im Alter überschätzen viele Einnahmen und Ausgaben. Hier bringt ein Unfall alles durcheinander, dort eine Mieterhöhung oder eine defekte Waschmaschine. Dann stirbt der Partner, doch die vertraute große Wohnung will man nicht verlassen. Auch wenn das Ergebnis immer das gleiche ist - ein großer Schuldenberg -, die Geschichten dahinter sind oft sehr verschieden. Auf dieser Seite erzählen die in Westsachsen tätigen Schuldnerberater der Caritas einige von ihnen (siehe unten).

Die Zahl der Betroffenen in Westsachsen, die sich jährlich von den im Landkreis tätigen Schuldnerberatern der Caritas und der Arbeiterwohlfahrt helfen lassen, sind mit rund 3000 seit Jahren in etwa gleich hoch. Das liegt Schäfer zufolge daran, dass die Beraterzahl gleich geblieben ist und die Helfer gar nicht mehr Fälle annehmen könnten. Im Vorjahr waren es rund 1100 Menschen, die sich Hilfe bei den Caritas-Experten holten. Sie halfen rund 300 Frauen und Männern, das Giro- in ein pfändungssicheres P-Konto umzuwandeln. Auf einem solchen P-Konto ist dann grundsätzlich ein Guthaben in Höhe von 1178,59 Euro je Kalendermonat vor Pfändungen geschützt - um Miete, Strom und Nebenkosten abzusichern.

Mehr als ein Drittel der Klienten sind Schäfer zufolge Arbeitslosengeld-II-Empfänger, ein weiteres Drittel Menschen aus dem Niedriglohnsektor, die sich mühen, aber nicht auf die Füße kommen. Was Schäfer für bedenklich hält: "Manche fragen sich, ob sich das Arbeiten überhaupt lohnt." Sie rackern und haben zuletzt doch weniger im Portmonee als ein ALG-II-Empfänger.

Eine Sorge, die ein Großteil der Klienten von Sozialpädagogin Isabel Müller nicht mit sich herumtragen muss: Müller bietet seit April 2018 Sprechstunden in der Zwickauer Justizvollzugsanstalt an. Dort geht es meist um Krisenintervention. Viele sitzen als Untersuchungshäftlinge ein und werden dann in andere Gefängnisse verlegt. "Krisenintervention ist besonders arbeits- und zeitintensiv", sagt Müller. Daher musste sie im Januar eine Warteliste einführen. Theoretisch habe jeder, der im Gefängnis sitzt, Schulden. Allein die Gerichtsverhandlung koste eine Menge Geld, das viele nicht hätten. Wer zu Isabel Müller kommt, tut das jedoch freiwillig, daher macht sie den Job auch gern. "Die Klienten sind dankbar, dass jemand hilft, Ordnung ins Chaos zu bringen. Allerdings ziehen es die wenigstens durch."

Das ältere Ehepaar mit dem gelben Brief hat es durchgezogen. Die Schuldnerberaterin ermunterte die beiden, den Termin beim Gerichtsvollzieher unbedingt wahrzunehmen. Dort galt es auszuhandeln, ob man die ausstehende Summe sofort bezahlt, eine Rate vereinbart oder sämtliche persönliche Daten in Sachen Vermögen und Einnahmen offenlegt. Die Senioren legten Rentenbescheide, Mietvertrag, Kontoauszüge vor und gaben eine Vermögensauskunft ab. Damit war die Inhaftierung abgewandt. Über die Schulden mussten sie mit dem Kreditinstitut verhandeln. Das stimmte einer passenden Rate zu. Von Bürgschaften ist das Paar freilich auf alle Zeiten geheilt.

Schuldnerberatungen der Caritas, Reichenbacher Straße 36 in Zwickau, Burgstraße 32 in Werdau, Markt 9 in Glauchau, Poststraße 26 in Meerane; der Arbeiterwohlfahrt: Reichenbacher Straße 67 in Zwickau, Lungwitzer Straße 39 in Hohenstein-Ernstthal, Pleißaer Straße 13 a in Limbach-Oberfrohna, Kirchplatz 2 in Crimmitschau.


Was die Schuldnerberater im Landkreis Zwickau erleben

Die Rettung vorm Gefängnis

Eine Frau im Rentenalter fleht um Hilfe bei der Schuldnerberatung. "Ich muss in den Knast, dass geht doch nicht!", ruft sie, den Tränen nahe. Die Frau war wegen Betruges zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Eine Ratenzahlung war mit der Staatsanwaltschaft vereinbart. Doch sie kam in Verzug. Da Geldstrafen und Bußgelder bestrafenden Charakter haben sollen, gibt es wenig Spielraum für weitere Verhandlungen, klärt die Beraterin die Rentnerin auf. Die Tränen fließen, so war ihr das nicht bewusst gewesen. Sie sorgt sich weniger um sich selbst. Zu Hause hat sie einen kranken Mann und zwei Hunde zu versorgen.

Ein Anruf bei der Staatsanwaltschaft scheitert. Am anderen Ende ist eine Dame, die sich für die Geschichte der Klientin nicht wirklich interessiert und deren Handlungsbereich ausgeschöpft ist: entweder Zahlung der knapp 1000 Euro innerhalb von drei Tagen oder Gefängnis. Die Schuldnerberaterin versucht, einen Plan B für die Hunde und den Ehemann zu finden. Vielleicht kann die Tochter kurzfristig einziehen? In der Zwischenzeit telefoniert die Betroffene mit ihrem Cousin. Der lässt sich erweichen und zahlt das Geld an die Staatsanwaltschaft. Rettung in letzter Sekunde - eher selten in der Schuldnerberatung. (upa)


Das gepfändete Konto

Es klopft zaghaft. Die Beraterin rechnet mit einer zierlichen Frau. Stattdessen: ein Hüne von Mann, in Arbeitsklamotten, wie auf dem Sprung. Scheinbar ist es ihm gar nicht recht, dass sich die Tür öffnet, wahrscheinlich hätte er sich am liebsten gleich wieder aus dem Staub gemacht. Aber die Beraterin war schneller an der Tür als er wieder im Treppenhaus.

Der arme Kerl steht voll unter Druck, es sprudelt aus ihm heraus. Seit vier Monaten sei sein Konto gepfändet, weil er einer Forderung nicht nachgekommen war. Wie hat er die Zeit überstanden? Vorschuss vom Arbeitgeber, Geborgtes von Freunden, Muttern lässt ihn bei sich mit essen ... Der Strom ist gesperrt, nun auch die Wohnung gekündigt. Er weiß weder ein noch aus, die Hände zittern.

Der Stöpsel für den Abfluss dieses Problems: zur Bank gehen und das Konto in ein Pfändungsschutzkonto - kurz P-Konto - umwandeln. Das braucht zwei bis vier Tage. Mit dem P-Konto bleiben ihm monatlich 1178,59 Euro. Wenn dieses Geld fließt, werden Vermieter und Stromversorger sicher mit sich reden lassen, macht ihm die Beraterin Mut. Der Hüne fackelt nicht lange und macht sich auf den Weg zu seiner Bank. Und kommt nie wieder. (upa)


Die gekündigte Mietwohnung

Die junge Frau wirkt gehetzt und voller Sorge. Anklopfen und eintreten sind eins. "Hilfe, meine Wohnung!" Der Vermieter hat ihr fristlos gekündigt, am Morgen bekam sie die Post. "Das geht doch nicht! Darf der das einfach so?"

Wenn zwei Monatsmieten fehlen, darf der das, erklärt die Beraterin. Im Allgemeinen schickt er im Vorfeld Mahnungen. Sind die nicht angekommen? "Doch", murmelt die Frau schuldbewusst, "ich dachte, ich schaffe das. Und nun?" Sie schaut die Beraterin mit großen Augen an. Das sind jene Momente, in denen die Schuldnerberater verzweifelt nach einem Zauberstab oder zumindest einer kleinen Glaskugel suchen, leider aber nichts davon finden. Ja, was nun? In erster Linie: Vermieter kontaktieren - egal wie peinlich das scheint. Das sind schließlich keine Unmenschen und nicht in erster Linie an einer Räumungsklage interessiert. Die droht nämlich, wenn man weiter alle Schreiben des Vermieters ignoriert. Dann wird es zudem richtig teuer, denn auch das Gericht muss bezahlt werden.

Also Zähne zusammenbeißen und ab zum Vermieter - das sieht nun auch die junge Frau ein. Vorher besprechen beide den Haushaltsplan. Woran lag es, dass sie die Miete nicht zahlen konnte? Kann sie Sozialleistungen beantragen? Welche Rate kann sie dem Vermieter verlässlich jeden Monat zur Tilgung der Schulden zusätzlich zur regulären Miete anbieten?

Eine gute Vorbereitung auf das Gespräch mit dem Vermieter ist notwendig, damit eine konstruktive Lösung erarbeitet werden kann. Es stellt sich heraus, dass sich die junge Frau bei der Wohnungseinrichtung übernommen hat. Dafür borgte sie sich Geld von einem Kumpel, der das zurückforderte. Über all dem Hin- und Her-Rechnen sei ihr die Miete durchgerutscht.

Der Haushaltsplan ist eng, aber tragbar. Die junge Frau unterbreitet dem Vermieter ein Angebot. Die Schuldnerberaterin, die meinte, Vermieter seien keine Unmenschen, erweist sich als Prophetin: Der Deal gelingt. (upa)


(K)eine Phase zum Wohlfühlen

Finanzielle Sorgen, die ihn bis in seine Träume verfolgen, treiben einen Mann zur Schuldnerberatung. "Wo haben Sie denn den Zettel?", will er wissen. Die Beraterin schaut ihn fragend an. "Also", beginnt er, "der Bekannte der Freundin meines Bruders sagte, ich muss lediglich unterschreiben, Sie machen den Rest. Dann gibt es so eine Wohlfühlphase und ich bin meine Schulden los."

Die Beraterin schüttelt den Kopf. So geht das nicht. Am Anfang steht die Frage, ob das Einkommen für den täglichen Bedarf, Miete, Strom und Unterhaltszahlungen reicht. Dann sind alle offenen Forderungen aufzulisten. Es folgt der Versuch, sich mit den Gläubigern zu einigen. Gelingt das nicht, kann ein Verbraucherinsolvenzverfahren beantragt werden.

Drei Monate später: Der Einigungsversuch mit den Gläubigern ist gescheitert; der Schuldenberg zu groß. Nun kann Insolvenzantrag gestellt werden. Für sechs Jahre muss sich der Mann an den Insolvenzverwalter halten. Unterlagen und Informationen sind zeitnah beizubringen. Im ersten Abschnitt werden die Ersparnisse und alles Werthafte verwertet. Aber ihm bleibt, was zum Leben gehört. Doch auch im zweiten Abschnitt, der oft nach einem Jahr beginnt, wird der Insolvenzverwalter seinen Lohn beanspruchen. "Wie jetzt, ich denke, das ist die Wohlfühlphase?" fragt er entsetzt. Die Beraterin klärt auf. Diese Phase nennt sich Wohlverhaltensphase. In dieser überweist sein Arbeitgeber weiter nur das Pfändbare des Lohnes an den Verwalter, bei 1200 Euro sind das 14,99 Euro. Ob er sich in der Wohlverhaltensphase wohl fühlt, hängt ganz von ihm ab. (upa)


Leerer Akku: Vier Monate ohne Strom

Unangemeldet schlurft ein älterer Mann ins Büro der Schuldnerberater. "Ich konnte Sie nicht anrufen - der Akku meines Handys ist leer", nuschelt er. Sein Strom sei weg. "Einfach abgeklemmt!", erklärt der Mann.

Die Beraterin hegt ihre Zweifel, dass dies so über Nacht passieren konnte. Da gibt er zu, Mahnungen und auch die Sperrandrohung bekommen zu haben. Irgendwie dachte er, er hätte mehr Zeit, um sich darum zu kümmern. Kein Strom, das heißt auch: kein Licht, keine Heizung, kein warmes Wasser, kein warmes Essen, kein Fernsehen, keine gewaschene Wäsche... Wie lange dauert das schon? Vier Monate. Anfangs halfen Freunde. Doch die Scham stieg.

Der Rentenbescheid des Alleinlebenden verdeutlicht das Dilemma: 550 Euro erhält er monatlich. Nach Abzug aller Kosten bleibt ihm nichts. Wie es dazu kam? Er war im Krankenhaus, sein Herz ist nicht mehr das gesündeste, die Zuzahlungen hatte er selbstverständlich sofort beglichen. Dafür fehlte dann das Stromgeld.

Schuldnerberaterin und Mann füllen einen Antrag auf Sozialhilfe und auf ein Darlehen für die Stromschulden aus. Das Darlehen wird gewährt. Die Ratenzahlung ist für ihn, der nun auch Sozialleistungen erhält, kein Problem. Die Krankenkasse befreit ihn von der Zuzahlung - die weiteren stationären Aufenthalte kann er beruhigter angehen.

Zwei Wochen später klingelt das Telefon der Beraterin. "Ich habe gerade meine Wohnung gesaugt, da fiel mir ein, dass ich Sie noch anrufen wollte. Der Akku ist wieder voll. Haben Sie vielen Dank!" (upa)


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