Sie kämpfen gegen Windmühlen

In Reinsdorf wehrt sich eine Bürgerinitiative gegen den Bau von drei neuen Anlagen. Die Anwohner fühlen sich von der Politik übergangen.

Reinsdorf.

Lästig ist in erster Linie der Schatten. Wenn er auf den Garten fällt, dann sieht es so aus, als würde ständig jemand am Fenster vorbeigehen. So beschreibt das einer der Anwohner in der Friedrichsgrüner Siedlung. Und dann ist da das Geräusch. "Schlafen bei offenem Fenster geht gar nicht mehr", sagt Bernd Ficker. Den 76-Jährigen plagt der Lärm, ein permanentes, andauerndes Surren und Brummen, das eigentlich nie stoppt. Nur manchmal wird es überlagert vom Wummern der 42.000 Autos, die Tag für Tag auf der A 72 vorbeirauschen.

Drei Windanlagen haben die Anwohner schon jetzt mehr oder weniger vor der Haustüre. Drei weitere sind genehmigt, in einem Fall hat der Bau bereits begonnen. Wieso stören sich die Menschen dort eigentlich daran, dass nun weitere Anlagen dazukommen sollen? "Es muss irgendwann einmal gut sein", sagt Ficker. Allein die Anlage, die derzeit gebaut wird, hat einen Rotorblattdurchmesser von 126 Metern. 15 Meter höher als das komplette Windrad, das bisher am nächsten bei den Wohnhäusern steht.

Mit der Siedlergemeinschaft Härtensdorf/Friedrichsgrün hat Bernd Ficker schon einmal den ganzen Klageweg miterlebt. Vor zehn Jahren ging es bis zum Oberverwaltungsgericht. Danach blieben von fünf Anlagen drei übrig. Die Anwohner dachten damals, das sei es gewesen. Falsch gedacht. "Da möchte man irgendwann den Glauben ans Gute verlieren", sagt Ficker.

So sieht das auch Bernd Franke. Der Unternehmer spricht für die örtliche Bürgerinitiative "Gegenwind", die größtenteils aus Mitgliedern des Siedlervereins besteht. "Hier setzt man sich gnadenlos über die Interessen der Bürger hinweg", schimpft Franke. Mit Widersprüchen und Klagen hofft die Initiative, den Bau doch noch zu stoppen. Ein Kampf gegen Windmühlen, das wissen auch die Beteiligten.

Das Landratsamt hat sofortigen Vollzug angeordnet. Das bedeutet, dass Klagen das Aufstellen der Anlagen nicht verzögern können. "Sollte irgendwann ein Gericht entscheiden, dass wir Recht haben und hier nicht hätte gebaut werden dürfen, dann stehen die Dinger schon", sagt Franke. Er weiß, dass sie dann nicht einmal mehr abgerissen werden müssen. Das einfach hinzunehmen, kommt für ihn aber nicht infrage.

Die Hauptkritik entzündet sich am Umgang mit dem Regionalplan. Nach dem gültigen Papier aus dem Jahr 2000 dürfen im Windvorrang-Gebiet "GI Lohe" maximal fünf Anlagen aufgestellt werden. Mit den drei neuen kommt man aber auf sechs. "Da nimmt man dann plötzlich den neuen Regionalplan als Grundlage, der bis zu elf Anlagen vorsieht", sagt Franke. "Nur dass der noch gar nicht in Kraft ist." Gegen die neuen Bestimmungen haben seinen Angaben zufolge übrigens 638Bürger Einwände zu den Windkraft-Plänen erhoben. Gebracht hat das bisher nichts.

Nicht einmal die ablehnenden Ratsbeschlüsse der Gemeinde Reinsdorf haben etwas bewirkt. Der Landkreis Zwickau erteilte die Genehmigung trotzdem. Man habe nicht anders gekonnt, sagt Sprecherin Ilona Schilk: "Das Landratsamt war dazu verpflichtet, da die formellen und materiellen Voraussetzungen vorliegen. Ein Ermessen stand der Behörde nicht zu."

Dass sich Gemeinde und Kreis für machtlos erklären, will die Initiative nicht einfach hinnehmen. Es könne nicht sein, dass die Politik vor Ort keine Mitsprache habe. "Sonst muss sich kein Politiker mehr wundern", sagt Bernd Franke, "wenn niemand mehr zur Wahl geht."


Diese Bedenken haben die Anwohner

Lärm: Die vorhandenen Windenergieanlagen und die A 72 erzeugen schon jetzt einen errechneten Lärmpegel von 55 Dezibel. Tatsächlich gemessen haben die Anwohner bereits mehr als 75 Dezibel. Das entspricht der Obergrenze für Staubsauger-Lärm. Die Anwohner fürchten, dass die neuen Anlagen noch mehr Lärm erzeugen.

Gefahren: Die neue Anlage wird nahe zu einer Verbindungsstraße gebaut, die von Radfahrern und Spaziergängern genutzt wird. Anwohner halten es für eine potenzielle Gefahr, wenn im Winter Eis vom Rotorblatt fällt.

Naturschutz: Seit dem Fund toter Fledermäuse haben die Anwohner die Sorge, dass die Anlagen gefährlich für Tiere sind. (ael)

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