Sie reisen, arbeiten und lieben - ein Besuch bei geistig Behinderten

Als 1999 Menschen mit geistiger Behinderung im Wohngebiet Wiesenaue in Reinsdorf einzogen, gab es Skepsis bei Anwohnern. Inzwischen ist ein Miteinander entstanden. Das 20-jährige Bestehen wird gemeinsam gefeiert.

Reinsdorf.

Geistig behinderte Kinder werden von ihren Eltern oft besonders behütet. Sie aus ihrer Obhut zu entlassen, fällt Müttern und Vätern meist schwer. "Es gibt eine große Skepsis bei ihnen, ob die Kinder, auch wenn sie längst erwachsen sind, anderswo zurechtkommen", sagt Barbara Heuß, die Leiterin der Reinsdorfer Wohnstätte der Lebenshilfe Westsachsen. "Kürzlich ist ein 22-Jähriger eingezogen. Seine Mutter hat hart mit sich gerungen, ob sie ihn diesen Schritt gehen lassen soll. Wir haben Beratungsgespräche geführt. Und er hat erst einmal den Kurzzeitplatz in Anspruch genommen. Jetzt wohnt er bei uns, ist in der Gemeinschaft selbstständiger und selbstbewusster geworden. Und auch die Eltern sind glücklich."

Barbara Heuß weiß, dass es Skepsis im Wohngebiet gab, als die Stätte vor 20 Jahren eröffnet wurde. Doch mit Transparenz und Offenheit habe sich das Haus über die Jahre einen guten Ruf erarbeitet. Die meisten Bewohner gehen selbstständig in die Behindertenwerkstatt, die ganz in der Nähe liegt, zur Arbeit. Axel Kleinhempel war früher tagsüber auch dort. Inzwischen ist der 68-Jährige Rentner, vertreibt sich seine Zeit gern mit Steckspielen oder verfolgt die Spiele des FSV. Und immer samstags besucht der Mann seine 91-jährige Mutter.


Barbara Heuß berichtet, dass sie mit ihrem Team daran arbeitet, den behinderten Menschen Geborgenheit zu geben, sie aber auch zu fordern und zu fördern. Einige werden so selbstständig, dass sie aus der Wohngruppe hier in einen der fünf Außenwohnbereiche ziehen und später in eigenen Wohnungen betreut leben können. Sogar zwei Pärchen haben sich unter den Bewohnern gefunden. Und nicht nur dort. Barbara Heuß hat ihren Thomas, der Teamleiter im ambulanten, betreuten Wohnen ist, ebenfalls hier kennen und lieben gelernt.

Für die beiden und viele weitere im Team ist der Beruf auch eine Berufung. "So fahren Mitarbeiter jedes Jahr mit Bewohnern in den Urlaub", sagt die Leiterin. Dieses Jahr ging es in den Bayerischen Wald und in die Oberlausitz. Ein Tagesausflug führte zum Märchenfilmfestival "Fabulix" nach Annaberg-Buchholz. Nächstes Jahr ist ein barrierefreier Bauernhof in der Lüneburger Heide zum wiederholten Male das Ziel.

Die Wohnstätte versteckt sich nicht im Wohngebiet. Die Sportgruppe läuft auf ihrer Nordic-Walking-Tour durch die Gemeinde oder um den Zwickauer Schwanenteich, die Tanzgruppe tritt öffentlich auf. Jedes Jahr gibt es in Reinsdorf einen Aktionstag, bei dem die Behinderten gemeinsam mit Kindergarten- und Schulkindern sowie Senioren vom Stift "Katharinenhof" feiern. "Da werden Berührungsängste abgebaut. Das ist ganz wichtig", sagt Thomas Heuß.

Das Fest zum 20-jährigen Besehen der Wohnstätte, Wiesenaue 52A in Reinsdorf, startet am Samstag um 14 Uhr und lädt alle Interessierten zum Besuch ein. Musiktheater, Kinderschminken und Kreativangebote, eine Liveband sowie eine Tanzgruppenaufführung von Bewohnern stehen auf dem Programm.

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