Sie sagt, wo die Blumen sind

Ehrensache! Engagiert in Westsachsen. Heute: Angelika Baumann, eine Instanz in Sachen Botanik.

Zwickau.

Meerrettich - direkt an der Mulde! Angelika Baumann nickt und lacht. Sie geht oft an der Mulde entlang und erfreut sich an den Kräutern und Blumen, die sich im Kampf gegen das hochschießende Gras durchsetzen konnten. "Meerrettich gibt es schon lange hier", sagt die 62-jährige Zwickauerin. Viel spannender ist für sie, was da in den Fugen der Eckersbacher Brückenmauer wächst: Mauerrautenfarn. "Wie wenig Pflanzen doch zum Leben brauchen...", sagte sie fasziniert.

Pflanzen und ihr Überlebenswille haben es der stellvertretenden Vorsitzenden der Grünen Liga Westsachsen besonders angetan. "Im Straßenbahnbett in Eckersbach lohnt es sich, alle 14 Tage nachzuschauen, was da wächst." Autos bringen neue Samen mit, die hängenbleiben. Und durch das Spritzwasser im Winter ist dort offenbar auch Streusalz gelandet und mit ihm Salz liebende Pflanzen.


Susanna Kosmale - unvergessene Biologin, Pädagogin und Naturschützerin in Zwickau, war Angelika Baumanns großes Vorbild. "Sie hat mich zur Botanik gebracht." Nach deren Tod führt Baumann die Arbeit in der Arbeitsgruppe Sächsischer Botaniker weiter, füttert zudem die Deutschlandflora-App mit überraschenden Funden aus Zwickau. Diese Anwendung dokumentiert das Vorkommen von Farn- und Blütenpflanzen bundesweit per Smartphone.

Die 62-jährige Zwickauerin ist Chemikerin. Sie war zu DDR-Zeiten in Leuna und Buna Schkopau tätig und hat das Ausmaß der Umweltverschmutzung unmittelbar vor Augen und Nase gehabt. Das weckte ihr Interesse für den Umweltschutz. Sie ging zurück nach Zwickau, arbeitete ehrenamtlich in der Umweltgruppe am Dom mit und gründete mit anderen Mitstreitern die IG Stadtökologie Zwickau. Heute belächelt sie Aktionen von damals wie Müll aus Bächen sammeln. "Das war im Grunde wirkungslos. Wir haben damit niemanden umerzogen, nur anderen Menschen die Arbeit abgenommen", so Baumann. Hauptamtlich war die Chemikerin zunächst in der Stadtverwaltung Zwickau tätig, seit 2009 ist sie im Brand- und Katastrophenschutzamt des Landkreises beschäftigt.

Angelika Baumanns drei Jungs haben ihr mittlerweile vier Enkel beschert. Kommt man beim Spazierengehen mit einer Botaniker-Oma eigentlich voran? Angelika Baumann lacht: "Ich versuche, mich nicht aufzudrängen. Ich war als Jugendliche auch nicht sonderlich an Pflanzen interessiert." Bäumeraten und einen besonderen Blumenstrauß pflücken - das passiert durchaus öfter. "Vielleicht bleibt ja irgendetwas hängen", hofft die Oma.

Vielleicht über den japanischen Knöterich, der entlang der Mulde leider riesige Flächen einnimmt, den Schachtelhalm, der gut gegen Gelenkschmerzen ist. Oder Knaulgras, Brennnessel, rote Lichtnelke und weiße Taubnessel oder den lila leuchtenden Waldstorchschnabel, der aus der Wiese ragt ... - Auf einem Quadratmeter findet sie im Handumdrehen 15 Arten. In all den Jahren ist ihr aufgefallen, dass die Arten durchaus beständig bleiben, die Anzahl der Pflanzen aber, die eine Wiese bunt machen, zurückgeht. "Es überwiegt immer mehr grün."

Baumann liebt nicht nur das langsame Laufen. Sie ist auch Fan vom ausdauernden Laufen. Bis heute ist sie Mitglied beim ESV Lok Zwickau. Sie gehört zur Laufgruppe, die mehrfach in knapp 15 Stunden bis auf den Gipfel des Fichtelberges lief. Sie absolvierte den Brixen-Dolomitenmarathon, der mit 2340 Höhenmetern als einer der anspruchsvollsten Bergmarathons der Welt gilt. Als einer der Laufpioniere, die den Weg für zukünftige Ultragenerationen ebneten, wird sie von ihrem eigenen Verein bezeichnet.

Langen Atem braucht sie auch in der Naturschutzarbeit. Baumann, zudem Mitglied im Kreisnaturschutzbeirat, bedauert, dass die Möglichkeiten der Grünen Liga heutzutage - im Vergleich zu den Anfangsjahren - nicht mehr die selben sind. ABM-Kräfte konnten damals angestellt werden, es gab zahlreiche Helfer. Heute fehlen Leute, um die Flächen zu bewirtschaften, Krötenschutzzäune aufzustellen und das große Ziel des Vereins, ein Umweltbildungszentrum für die Zwickauer, zu erreichen. "Es ist ein weiter Weg", sagt sie, die Durststrecken zur Genüge kennt. Und eine Marathonläuferin gibt nicht auf.

Für Vereinschef Andreas Trautmann ist Baumann nicht zu ersetzen: bescheiden, engagiert, zuverlässig, fleißig. "Angelika ist eine Macherin. Und wenn es ihr manchmal nicht schnell genug geht, dann sagt sie das auch deutlich", sagt er. Dabei geht sie immer mit gutem Beispiel voran. "Und was sie für ein Arbeitstempo mit ihren über 60 Jahren bei der schwierigen und kraftintensiven Wiesenpflege vorlegt, da kann sich so mancher Jugendliche noch eine Scheibe abschneiden", lobt der Vorsitzende. Auch ganz wichtig: Ihr Erfahrungsschatz als langjährige Botanikerin. "Gute Botaniker sind Mangelware in Sachsen. Damit ist sie auch ein seriöses und anerkanntes Aushängeschild für den Verein", betont Trautmann.

Langsam schiebt Angelika Baumann ihr Rad durch den Schlobigpark. Es gefällt ihr, wie das Gartenamt die Wiese zwischen den Bäumen behandelt: Nur die Ränder werden gemäht, der größte Teil bleibt stehen. Abrupt bleibt auch sie stehen, parkt das Rad, zieht das Handy und ruft entzückt: "Eine schwarze Teufelskralle!" Ein grüner Halm mit schwarzem Knopf - mehr nicht. Zwei Meter daneben sieht sie noch eine in voller Blüte - mit lila farbenem Kopf. "Die habe ich hier noch nie entdeckt", staunt die Botanikerin mit diebischer Freude.


Große Aufgaben für kleinen Verein: 25 Mitglieder kümmern sich um Naturschutz in Region

Die Grüne Liga Westsachsen ist ein unabhängiger Natur- und Umweltschutzverein, der in Zwickau und Umgebung aktiv zum Naturschutz in der Region beiträgt. Gegründet wurde er Verein am 16. November 1989 als "Interessengemeinschaft Stadtökologie Zwickau".

Große Kraft stecken die 25 Vereinsmitglieder in den Aufbau eines Umweltbildungszentrums auf dem Vereinsgelände an der Crossener Straße. Er betreut fünf Amphibienschutzanlagen sowie Landschaftschutzgebiete und bietet ein Ganztagsangebot in der Nicolaischule in Zwickau an.

www.grueneliga-westsachsen.de

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