Start mit vier Meileröfen

Zwickau.

Die Herstellung von Koks begann im Zwickauer Revier 1830 und endete im Jahr 1992. Es stellte sich heraus, dass nur die backfähige Pechkohle, nicht aber die Rußkohle dafür geeignet war. Zur Produktion von Koks benutzte man zunächst Meileröfen, später kompakte Öfen aus feuerfesten Schamotte- und Silikatsteinen. Die Koksherstellung begann im Jahre 1830 in vier Meileröfen am Schacht "Junger Wolfgang" in Oberhohndorf; dort, wo im Jahre 1826 die erste Dampfmaschine im Zwickauer Revier arbeitete.

Die ersten Großabnehmer für Koks des Zwickauer Reviers waren die Eisenbahngesellschaften mit ihren Dampflokomotiven, die Industriebetriebe mit Dampfmaschinen und die Königin-Marienhütte zu Cainsdorf, die ab 1842 im Hochofen Eisen schmolz. Die Steinkohle für die 30 eigenen Koksöfen der Hütte wurde von den Von Arnimschen Steinkohlewerken geliefert. Kein Wunder, denn bis 1873 gehörte die Königin-Marienhütte der Familie von Arnim. Im Jahre 1865 stieg die Zahl der Öfen auf insgesamt 62. Die Von Arnimschen Steinkohlewerke in Planitz hatten auch eigene Kokereien am Himmelfahrtschacht (48 Koksöfen, ab 1846), am Arndtschacht (ab 1853) und am Neuen Alexanderschacht (28 Koksöfen, ab 1895 am Biel). Bei Letzterem wurde 1895 mit dem Kokereibau der Stampfbetrieb anstelle des bis- herigen Schüttbetriebes einge- führt. Der Handbetrieb wurde weitgehend durch Maschinenantrie- be mittels Dampfmaschine und später Elektromotoren ersetzt. Die Kokerei im Biel wurde erst 1919 geschlossen.

Im Jahre 1847 wurden vier, später 35 Koksöfen am Bürgerschacht I in Betrieb genommen. Zeitweise von der Firma Fikentscher gepachtet, arbeitete diese Kokerei bis 1916. Um 1860 waren im Zwickauer Revier 394 Koksöfen mit einer Jahresproduktion von 50.000 Tonnen Koks in Betrieb. Ein Drittel davon ging an die beiden Hochöfen der Marien- hütte, zwei Drittel wurden zur Lokomotiv- und Dampfmaschinen- befeuerung verwendet.

Im Jahre 1867 wurden am Wilhelmschacht I in Oberhohndorf sechs, später 35 Koksöfen, sogenannte Bienenkorböfen nach dem Ofensystem von François-Haldy, montiert. Diese Kokerei war bis ins Jahr 1936 in Betrieb, als die Wilhelmschächte geschlossen wurden.

Der Erzgebirgische Steinkohlen-Aktienverein (Estav) erbaute auf dem Segen-Gottes-Schacht 1846 zunächst sechs Koksöfen. Nach erfolgreichem Start wurde die Ofenzahl auf 15 und im Jahre 1853 nochmals um 15 auf dann 30 Öfen erhöht. Am Hoffnungsschacht wurde 1849 eine Kokerei mit 29 Öfen (später nur noch 19 Öfen) errichtet, am Ver- trauenschacht in Schedewitz im Jahre 1860 insgesamt 21 Koksöfen nach François-Haldy. Diese Öfen waren bis 1914 in Betrieb.

Der Auroraschacht und der Vereinsglückschacht in der heutigen Geinitzsiedlung betrieben ebenfalls Kokereien. Die Kokerei am Bürgerschacht I bestand von 1847 bis 1916. Zu nennen sind auch zehn kleine und kleinste Kokereien im Gebiet der Altgemeinde Bockwa. Nachweisbar sind insgesamt 28 kleine, mittlere und große Kokereien. Die meisten Kokereien gehörten zu einem Bergwerk. Aber es gab auch externe Standorte wie die des Barons von Milkau in Oberhohndorf oder der Herren Mursinna und Neumärker am Bahnhof Zwickau.

Mit der technischen Entwicklung stiegen die Anforderungen an die Kokshersteller bezüglich Qualität und Menge. Deshalb musste die Produktion in großen Betrieben konzentriert werden. Außerdem musste Technik zur kostengünstigen Gewinnung der Nebenprodukte wie Teer und Benzol in den Werken installiert werden. Die konkurrenzfähigen Kokereien in Schedewitz und auf dem Brückenberg prägten die technische Entwicklung im Zwickauer Revier ab 1914. In diesem Jahr wurde auf dem Brückenberg eine große Kokerei gebaut, nachdem die kleineren, schon seit 1873 vorhandenen zehn (später 22) Flammöfen abgebrochen worden waren. Der Zwickauer Brückenberg-Steinkohlenbau-Verein ließ drei Batterien mit insgesamt 70 Kammern und zugehörigen Nebenanlagen errichten. Die Gewerkschaft Morgenstern, zu der der Zwickauer Brückenberg-Steinkohlenbau-Verein jetzt gehörte, ließ 1936 vier Koksofen-batterien einschließlich neuem Kohleturm, Kokssieberei und Wertstoffanlagen neu erbauen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ab 1950 insgesamt 61 Koksöfen und alle Nebenanlagen er- neuert. Die Kokerei lief im durch- gehenden Schichtsystem an 365 Tagen im Jahr, stellte 200.000 Ton- nen pro Jahr her und beschäftigte etwa 250 Arbeiter. Am 7. De- zember 1977 schloss dieser Ofenbetrieb.

Die beiden Kokereien auf dem Brückenberg und in Schedewitz belieferten ab 1921 beziehungsweise 1932 das Gaswerk der Stadt Zwickau mit Kokereigas, aus dem das Zwickauer Stadtgas für die Haushalte, das Gewerbe und die Industrie entstand. Diese Lieferbeziehungen wurden im Jahre 1992 durch die Nutzung von Erdgas beendet.


Koksproduktion endet 1992

Der Erzgebirgische Steinkohlen-Aktienverein (später VEB Steinkohlenwerk "August Bebel" beziehungsweise Erzgebirgische-Steinkohlenenergie-Gesellschaft) ließ in den Jahren 1914/15 durch die Firma Hinselmann aus dem Ruhrgebiet anfangs 60, zuletzt 80 Horizontalkammeröfen bauen. Die Nebenprodukte Teer, Benzol und Sulfat wurden an die Chemieindustrie verkauft. Das war zeitweilig die größte Kokerei im Zwickauer Revier und gleichzeitig in Sachsen. Von 1955 bis 1963 wurden die alten Anlagen abgebrochen und durch 90Kammern in drei Batterien für 400.000 Tonnen Koks pro Jahr ersetzt. 1983 kam eine vierte Batterie (44 Kammern) als Ersatz für die fehlende Koksmenge der stillgeleg- ten Kokerei Brückenberg hinzu. Damit stieg die Koksmenge auf 500.000 Tonnen pro Jahr, was in der Zwickauer Bevölkerung umstritten war, da der Betrieb nur etwa einen Kilometer vom Stadtzentrum entfernt produzierte.

Nach der Schließung der Kohlegruben in Zwickau im Jahre 1978 wurde Steinkohle aus den sozialistischen Ländern, aus dem Saarland und über den Seeweg aus Mosambik (Afrika) importiert. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands zwangen Proteste der Bevölkerung 1992 zur Einstellung der Produktion, sodass am 18. März 1992 aus der Kammer 18 der Batte- rie I der letzte Koksausstoß stattfand. Damit endete im Zwickauer Revier nach 162 Jahren die Koksproduktion.

Im Jahre 1993 begann durch die Esteg GmbH der Abbruch der Kokereianlagen und die Sanierung der Flächen, die von der GVV mbH bis zum Ende 1998 auf einer Fläche von mehr als zehn Hektar fortgeführt wurden. Zeitgleich begann die Wiedernutzbarmachung der Industriebrache durch die Investoren von Globus-SB-Warenhaus und Porta-Möbelhaus.

Die Entwicklung in Schedewitz ist ein gelungenes Beispiel für die Umnutzung großer Industriebrachen in Zwickau. Heute erinnern die Namen Glück-Auf-Center, Bergmannstraße und das Standbild "Vater und Sohn" mit Kokshunt an die Berg- bau- und Kokereigeschichte in Schedewitz. (nope)

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