Suche nach historischer Wehranlage

Bevor am Georgenplatz ein Seniorenheim entsteht, erforschen Archäologen den Untergrund. Sie interessieren sich auch für alte Straßen und Wege.

Zwickau.

Nicht zu übersehen sind derzeit die Erdhaufen am Zwickauer Georgenplatz. Die allerdings sind nicht den Tiefbauarbeiten für den geplanten Neubau einer Senioren- residenz geschuldet. Für die nächsten Monate haben dort Archäologen das Zepter übernommen. Sie hoffen, im Untergrund des früheren Frauenangers weitere Zeugnisse der Zwickauer Stadtgeschichte zu finden.

Einen besonderen Anlass gibt es für die Grabungen nicht, wie der Pressesprecher des Landesamtes für Archäologie, Christoph Heiermann, sagte. "Es handelt sich um einen Routineeinsatz im Vorfeld einer Baumaßnahme." Im Genehmigungsverfahren werden automatisch Denkmalschutz und Archäologen informiert, die dann selbstständig entscheiden, ob das Bauareal für sie interessant sein könnte. Dabei wollen die Fachleute das sichern, was sonst möglicherweise für immer tief im Erdreich verschwindet. In diesem Falle haben die Archäologen durchaus konkrete Vorstellungen. "Aus historischen Karten ist ersichtlich, dass sich dort eine Schanzanlage befunden haben muss", sagte Heiermann. Dabei handelt es sich um einen Schutzwall aus dem 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648), mit dem sich Angreifer vor der Gegenwehr der Zwickauer schützten. Doch nicht nur die Wehrhaftigkeit der Stadt soll dokumentiert werden, sondern auch das historische Straßen- und Wegenetz. "Der Frauenanger lag immer an einem Straßendreieck", sagte Heiermann. Das ist heute noch so. Unter der Erde werden daher noch Straßen und Wege vermutet.


Bisher allerdings sind die Archäologen weder auf die Schanzanlage noch auf alte Straßen gestoßen. "Wir stehen erst am Anfang der Grabungsarbeiten", sagte Pressesprecher Heiermann. Bisher seien die Fachleute auf die Reste der Grundmauern von Mietskasernen gestoßen, die dort im 19. Jahrhundert gestanden haben. Gefunden wurde auch die ehemalige Ufermauer des Moritzbaches. Das Gewässer wurde später in Rohre verlegt, und die Mauer blieb im Boden zurück. "Der Bereich des Moritzbaches ist für uns sehr interessant, weil er für die Besiedlung Zwickaus eine zentrale Rolle spielt", sagte Heiermann. Bisher fielen den Archäologen zudem Keramikscherben aus dem 17. Jahrhundert in die Hände. "Es gibt aber auch Hinweise auf ältere Befunde, die noch tiefer im Untergrund liegen", sagte Heiermann. Daher werden sich die vier auf dem Gelände tätigen Archäologen von derzeit 1,50 Meter bis auf vier Meter in die Tiefe graben. Dass die Archäologen dabei auf Reste des Georgen- spitals oder des Margarethenfriedhofs treffen, halten sie allerdings für wenig wahrscheinlich. Denn: "Beide Einrichtungen lagen weiter stadteinwärts", erklärte Heiermann. "Der Margarethenfriedhof befand sich zwischen Frauenanger und Stadt."

Etwa 150-mal im Jahr rücken die Archäologen in Sachsen zu Routineeinsätzen aus. "Bei Rettungsgrabungen werden die Befunde vor dem Baueingriff dokumentiert, gemessen, fotografiert und geborgen", sagte Heiermann. Diese gelangen dann in die Dresdner Zentrale, wo sie gereinigt, registriert und bei Bedarf restauriert werden. Danach werden sie in das Archäologische Archiv eingegliedert und für weitere Untersuchungen und Ausstellungen verwendet. Allerdings kann nicht alles aus der Baugrube entfernt werden. Fundamente, die zu tief liegen und die die späteren Bauarbeiten nicht behindern, müssen die Archäologen schweren Herzens wieder zuschütten. Die Grabungen sollen bis in den Herbst hinein dauern. Welche Auswirkungen das auf den Bauablauf hat und ob sich die Fertigstellung der Seniorenresidenz deswegen verzögert, war in dieser Woche nicht zu erfahren. Der Projektleiter der Baufirma ist im Urlaub.

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