Tiefgründiges in der Fußgängerzone

Wahlen 2019: Sind Politiker im Straßenwahlkampf zunehmend Aggressionen ausgesetzt? Ein Besuch bei der FDP.

Zwickau.

Glaubt man dem strengen Zeitplan, dann ist FDP-Spitzenkandidat Holger Zastrow nur noch 15 Minuten lang in Zwickau. Wer sich beeilt, ihm schnell noch ein paar Fragen zu stellen, blickt an diesem Montagmittag in viele ratlose Gesichter. Der Holger? Nee, der war noch gar nicht da. "Der gibt gerade ein Interview in Chemnitz", sagt der Zwickauer FDP-Kreischef Nico Tippelt und spricht seinem Parteivorsitzenden ein paar Worte auf den Anrufbeantworter. Ob er denn nicht kurz kommen könne. Die Presse wäre jetzt da.

Die FDP ist in diesem Landtagswahlkampf weder im Jammermodus, noch spürt sie besonderen Aufwind. Den Umfragen zufolge dürfte sie locker wieder in den Landtag einziehen. Der einzige Kandidat aus dem Wahlkreis, der reelle Chancen hat, über die Landesliste gewählt zu werden, ist der Glauchauer Tippelt auf Listenplatz zwölf. Mehr als acht Prozent der Zweitstimmen wären dafür allerdings wahrscheinlich nötig. "Könnte knapp werden, könnte aber auch klappen", sagt er. "Ich weiß es wirklich nicht."


Im Wahlkampf geht es vor allem um Steuern, Wirtschaft und Digitalisierung. Themen, von denen Liberale glauben, dass sie den Leuten eigentlich wichtiger sind als Umwelt- und Flüchtlingspolitik. Am knallgelben Iglu-Zelt auf dem Zwickauer Georgenplatz verteilen die Helfer am Montag emsig Handzettel und sprechen Passanten an. Wer möchte, kann von einer extra dafür aufgebauten Kamera ein Erinnerungsfoto schießen lassen. Wird das dann live bei Instagram hochgeladen, wegen Digitalisierung und so? "Ach was", sagt einer und lässt das Bild aus einem Fotodrucker heraus.

Ein paar Meter weiter diskutiert ein Wahlhelfer mit einer Frau, die aus Enttäuschung über die geplatzten Koalitionsverhandlungen nach der jüngsten Bundestagswahl aus der FDP ausgetreten ist. Lieber wenig durchsetzen als gar nichts, sagt sie. Sie will jetzt die CDU wählen.

Gespräche wie diese, bei denen es an Wahlständen um Inhalte geht, sind eher selten. Oft würden die Passanten einfach ihren Frust ablassen wollen. Darüber klagte zuletzt der CDU-Landtagsabgeordnete Gerald Otto. Die Stimmung sei aggressiver als bei vorhergehenden Wahlkämpfen, sagt er. "Ach, die Kollegen von der CDU sind das nur noch nicht so gewöhnt", sagt der Meeraner Bundestagsabgeordnete Jürgen Martens. Und der Volkswirtschaftsprofessor Stefan Kolev, der im Wahlkreis Zwickau-Stadt für die FDP als Direktkandidat antritt, sagt: "Von der Vorstellung, in der Fußgängerzone tiefgründige politische Gespräche zu führen, habe ich mich auch verabschieden müssen." Viele Frustrierte hätten nun ihr Ventil in der AfD gefunden und Kolev fürchtet, dass die nächste wirtschaftliche Krise die Stimmung empfindlich zuspitzen werde.

Dann kommt Parteichef Holger Zastrow doch noch. Er habe den Georgenplatz nicht gleich gefunden. Straßenwahlkampf in Zwickau sei grundsätzlich angenehm, sagt er, überzeugen könne man bei Infoständen sowieso niemanden. "Man muss vor allem zuhören können", sagt Zastrow. Das mache zwar der Ministerpräsident mit seinen Gesprächsrunden im Freistaat auch, aber: "Irgendwann muss man eben aufhören mit reden und einfach Dinge entscheiden." Die FDP würde in Sachsen gern wieder mitregieren, sagt Zastrow, in welcher Konstellation auch immer. Am liebsten in einer Minderheitsregierung mit der CDU.

Der Parteichef erzählt eine Weile weiter, vor allem von seinem Biergarten in Dresden, und posiert gemeinsam mit Parteifreunden und Wahlhelfern für ein Erinnerungsfoto. Das Bild findet danach sogar den Weg in die sozialen Netzwerke.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    0
    Lesemuffel
    03.09.2019

    Ja, Herr Zastrow, Steuern werden in Berlin gemacht. Da wäre es besser gewesen, sie hätten Lösungsvorschläge zur immer noch vorhandenen Flüchtlingskrise gemacht, die die Kommunen unmittelbar in Sachsen betreffen.



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