Trotz frischen Asphalts: Straße ist fast tot

Immer mehr Geschäfte an der Kirchberger Straße in Wilkau-Haßlau schließen. Es fehlen die Angebote und attraktive Läden.

Wilkau-Haßlau.

Wer eine neue Straße bauen will, braucht einen langen Atem. Das war vor 150 Jahren schon so. Wie aus dem Dokument "Acta den Wilkau-Kirchberger Chausseebau" des Zwickauer Straßen- und Wasserbauamtes hervorgeht, lagen zwischen der Idee für die Verbindungsstraße von Wilkau nach Kirchberg und deren Freigabe 1869 zehn Jahre später. Dabei brachte die Straße der Gemeinde Wilkau einen großen Aufschwung, vor allem bei Handel und Industrie. Entlang der Fahrbahn entstand ein Haus nach dem anderen. In fast jedem war das Erdgeschoss dem Handel oder einer Dienstleistung vorbehalten. Es gab unter anderem Lebensmittelläden, Fleischereien, Bäckereien, Textilgeschäfte, Möbelläden, ein Leder- und Pelzgeschäft, Drogerien, Schreibwaren, Friseure, Gaststätten, ein Hotel, eine Post und sogar eine Tankstelle und ein Kino. Heute sind das Bahnschlösschen, zu DDR-Zeiten als Wismutkaufhaus und Gemüsehandel bekannt, und das benachbarte Hotel "Stadt Kirchberg", später Dietels Werksheim, abgerissen und haben einer Parkanlage Platz gemacht. Die Straße ist zwar immer noch die wichtigste Verbindung zwischen den beiden Städten, rechts und links am Fahrbahnrand sind Glanz und Zugkraft jedoch verloren gegangen.

Zwischen Rathaus und Schulstraße werden heute neun Läden betrieben, zehn stehen leer oder werden für andere Zwecke genutzt. Zuletzt hatte im April das seit 1965 dort ansässige Blumengeschäft dicht gemacht. "Es ist mir nicht leicht gefallen", sagte der Floribunda-Geschäftsführer Florian Clauß. Immerhin war es das Stammhaus der Firma. Ein wirtschaftlicher Betrieb war jedoch nicht mehr möglich. "Die älteren Menschen werden weniger, und die Jungen kaufen unterwegs ein", nannte er das Problem. Tatsächlich stehen der kleinen Schar an Einzelhändlern sieben Einkaufs- oder Drogeriemärkte gegenüber. Clauß sieht sich auch von der Stadtverwaltung im Stich gelassen und spricht sogar von Wettbewerbsverzerrung. Ein Blumenladen auf der anderen Seite der Mulde dürfe ohne Probleme am Sonntag, sogar am Ostersonntag, öffnen. "Wenn wir eine halbe Stunde zu spät schließen, gibt es ein sattes Bußgeld". Zudem seien immer wieder Kunden, die vor dem Laden parkten, mit Knöllchen belegt worden, weil sie angeblich zu lange dort gestanden haben sollen.

Auch Lutz Lippold, der das gleichnamige Eisenwarengeschäft an der Ecke Schulstraße inzwischen in vierter Generation führt, macht sich so seine Gedanken. "Die Straße ist im Grunde tot", sagte er. Sein Geschäft trägt sich heute über seine Stammkunden. Die Tatsache, dass es im weiten Umkreis keinen weiteren Laden mit diesem Angebot gibt und vom umfassenden Service.

Bürgermeister Stefan Feustel (CDU) kennt das Problem. Da sich jedoch alle Gebäude im privaten Eigentum befinden, könne die Stadt nicht viel ausrichten. "Natürlich reden wir mit den Eigentümern und bieten ihnen auch Hilfe an, so weit das möglich ist", sagte er. In den vergangenen Jahren wurde die Straße saniert. Zumindest vor den Geschäften gibt es seitdem überall Parktaschen. "Damit ist ein wichtiger Punkt erfüllt", sagte Feustel.

Im September will sich der Gewerbeverein mit dem Thema Ladenleerstand befassen, wie dessen Vorsitzender Toni Rissmann sagte. "Geschäfte haben es schwer in der Stadt", sagte er. In Wilkau-Haßlau sei zu wenig los, und Zwickau ziehe die Kaufkraft ab. Rissmann macht noch auf ein weiteres Problem aufmerksam: Der Kunde entscheide letztendlich, ob sich ein Geschäft halten könne oder nicht. "Wir müssen Angebote in die Stadt holen, die auch von den Kunden angenommen werden." Beides ist nicht einfach umzusetzen. Aber das Problem müsse angegangen werden, bevor der letzte Laden schließt. Der Chef des Gewerbevereins bringt einen anderen Vorschlag ins Spiel. "Ich könnte mir die Hermannstraße sehr gut als Einkaufsstraße vorstellen".

Ein wesentliches Problem bei der Vermietung der Läden an der Kirchberger Straße ist die Bauweise der Gebäude. Um in die Geschäfte zu gelangen, muss der Kunde in der Regel erst mehrere Treppenstufen überwinden. Ein Umbau der Häuser mit ebenerdigem Eingang ist schwer bis unmöglich, vor allem aber teuer. Zwar standen Mittel aus dem Stadtumbauprogramm sowie dem Sanierungsgebiet zur Verfügung, doch haben nur wenige private Eigentümer davon Gebrauch gemacht. In Umbau und Sanierung eines leer stehenden Ladengeschäftes hat niemand investiert. Dominique Dörfler von der Westsächsischen Gesellschaft für Stadterneuerung (WGS) sieht den bürokratischen Aufwand und begrenzte Fördermittel als einen der Gründe.

Der Handelsverband Sachsen sieht die Politik in der Pflicht. "Es müssen eine geeignete Förderkulisse und Modelle für den ländlichen Raum geschaffen werden", sagte Geschäftsführer René Glaser. Auch die Kommunen müssten die Rahmenbedingungen verbessern sowie Banken und Hauseigentümer auf die veränderten Bedingungen besser reagieren. Ladenlokale müssten attraktiv saniert und zu günstigen Mietpreise angeboten werden. Aber auch die Gesellschaft selbst ist gefragt. Der Slogan "Kauf lokal" dürfe nicht nur ein Slogan bleiben, sagte Glaser.

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