Typisch Dorf: Klassik mit Speckfettbemmen

Ehrensache! Engagiert in Westsachsen. Heute: Die Hirschfelder Kirchgemeinde, die zweimal im Jahr ein großes Konzert veranstaltet.

Hirschfeld.

Da möchte man sich einfach mal mit denen unterhalten, die die Kirchenkonzerte in Hirschfeld vorbereiten - und findet sich plötzlich einer gut gelaunten Gruppe von fünf Frauen und vier Männern gegenüber. "Das ist nur der harte Kern", sagt jemand. Die Gruppe grinst.

Das Gemeinsame, das merkt man schnell, ist eines der Erfolgsgeheimnisse dieser Kirchgemeinde. Seit 2007 erklingen Konzerte in St. Michaelis, seit 2009 sind es zwei pro Jahr. Konzerte, deren Karten weggehen wie warme Semmeln. Konzerte, bei denen große Namen Genießer auch aus der weiteren Umgebung anlocken. Und nicht zuletzt Konzerte, von denen die Künstler später noch schwärmen. Denn sie kommen auf ihrer Bühne vorm Altar den Zuhörern sehr nahe. Und die Musiker werden von der Kirchgemeinde liebevoll verwöhnt. "Wir geben ihnen vor dem Konzert die Möglichkeit, sich zurückzuziehen", sagt Uta Rockstroh. Außerdem wird ein eigenes Buffet für sie aufgebaut. Die meisten der dermaßen umsorgten Musiker fühlen sich nach getaner Arbeit so wohl in den Armen der Gemeinde, dass sie sich gern noch unter die Gäste mischen, die noch eine Weile dableiben und den Abend bei Wein und Gesprächen ausklingen lassen. Gemeinsam.

Vor Jahren entdeckte das Festival "Mitte Europa" St. Michaelis für sich als Spielort. Als die Veranstaltungsreihe endete, hielten die Hirschfelder nach reiflicher Überlegung an ihrem Konzertrhythmus fest. "Das Festival hat uns Musiker gebracht, die wir gar nicht hätten bezahlen können", sagt Achmed Neef. "Damals haben wir für sie den Rahmen drumherum geschaffen." Das war der Beginn dieser Konzerte, zu denen die meisten Zuhörer inzwischen ein oder zwei Stunden vorher anreisen, um noch bei einem Getränk oder einem Imbiss zusammenzusitzen.

"Das Besondere bei uns ist die Verbindung von hochwertiger klassischer Musik mit Speckfettbemmen", sagt Sven Hirsch. Das Speckfett, verspricht Claudia Funk, ist selbst gemacht. Ebenso wie der Kuchen und der Kartoffelsalat. "Wir können sogar glutenfrei und vegetarisch", sagt Claudia Funk. Die Helfer nehmen ihre Sache ernst. Sie haben alle einen Gesundheitspass und lassen sich regelmäßig belehren. Die Anfänge dieser Tradition hingegen waren ein wenig robuster: "Bei uns haben Franzosen gespielt, die gern typisch deutsches Essen probieren wollten", erinnert sich Uta Rockstroh. Kurzerhand hat man den grillenden Nachbarn um ein paar Roster erleichtert. Inzwischen sind die Hirschfelder nahezu perfekte Gastgeber. Sie haben mit Fördermitteln die Scheune im Pfarrgarten ausgebaut, um mehr Komfort zu bieten. Für das Sommerkonzert engagieren sie einen Caterer aus dem Ort, der Speisen aus dem Land des Künstlers zubereitet. So erleichtern sie sich etwas die Arbeit, die jeweils nach einem erfolgreichen Konzert von vorn beginnt.

Denn nach der Zugabe wird bekanntgegeben, wer als nächstes auftritt. Auch der Kartenvorverkauf beginnt dann sofort. Richtig anstrengend wird es für das Team immer ab dem Donnerstag vor dem Konzert. Dann müssen unter anderem 200 Stühle aus dem Kirchturm nach unten geschleppt werden. Ist der Samstag dann herangerückt, wartet auf die Helfer eine Zwölf-Stunden-Schicht, von zwei bis zwei. Von der Musik selbst bekommen sie am wenigsten mit. Allenfalls während der Proben können die meisten Ehrenamtler eine Weile lauschen. "Ich denke immer: Das nächste Mal kaufe ich mir Karten. Aber dann mache ich es doch nicht", gesteht Anke Völkel. Warum eigentlich nicht? Warum so viel Anstrengung für die Freude anderer Menschen? "Wir sind eben ein eingeschworenes Team", erklärt Ingrid Barth. Und Claudia Funke sagt: "Das gehört einfach zum Dorf." Alle nicken.

Gemeinschaft - die ist in Hirschfeld schon immer wichtig. Seit die Pfarrstelle unbesetzt ist, ist die Gemeinde noch näher zusammengerückt. Man hilft sich gegenseitig. Dann haben alle etwas davon.


Große Namen in einer kleinen Kirche

Zahlreiche große Künstler besuchten in den vergangenen Jahren das kleine Hirschfeld mit der Kirche St.Michaelis. Im Sommer gastierte die Percussionistin Vivi Vassileva. Mit dem Gitarristen Lucas Campara Diniz sorgte sie trotz der Fußball-WM für eine volle Kirche. Im März 2018 erlebten die Zuhörer Wen-Sinn Yang aus der Schweiz, der auf einem 300 Jahre alten Cello Musik von Bach spielte. Noch ein Jahr zuvor hatte sich die Gemeinde den armenisch-amerikanischen Musiker Sergei Babayan eingeladen, einen der großen Pianisten unserer Zeit.

Am 30. März kommt Ingolf Turban nach Hirschfeld. Der Violinist ist bekannt für seine stilistische Vielfalt. Oft spielt er Werke, die nur selten oder gar nicht aufgeführt werden. Er war mit 21 Jahren unter Sergiu Celibidache Erster Konzertmeister der Münchner Philharmoniker.

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