Unwohlsein

Der ganz normale Schwansinn: Was Zwickau in dieser Woche bewegte

Ganz aufgeregt war er, mein Kollege, als in dieser Woche bekannt geworden ist, welche Band im nächsten Sommer auf der Freilichtbühne spielt. "Na, was glaubst du, welche Band im nächsten Sommer auf der Freilichtbühne spielt", hat er gefragt und mich erwartungsfroh angeschaut. "Ich habe keine Ahnung, welche Band im nächsten Sommer auf der Freilichtbühne spielt", habe ich geantwortet. Und großes erwartet, weil er zusätzlich zu seinem erwartungsfrohen Blick eine große Geste mit den Händen angedeutet hat, in der er zeitgleich mit der Frage verharrt ist.

Es dürften wohl einige Sekunden des gespannten Schweigens vergangen sein. Mein Kollege kann das gut, Spannungsmomente hinauszögern. Und dann hat er mir gesagt, welche Band im nächsten Sommer auf der Freilichtbühne spielt. Kool and the Gang.

Ich schwieg. Er nannte den Namen noch einmal. Ich schwieg noch immer. "Kennste etwa nicht", hat er gefragt. "Sollte ich", habe ich gesagt. Er zählte ein paar der größten Hits auf. Danach schwiegen wir beide.

Es gibt sie, diese Momente, in denen man es drehen und wenden kann, wie man will, es bleibt für beide Seiten unangenehm. So ging es zum Beispiel auch den beiden Zwickauern, die im Februar zum Fußballspiel Aue gegen Köln ins Erzgebirgsstadion gefahren sind und jetzt in dieser Woche vor Gericht aufklären sollten, warum sie dort eigentlich verprügelt worden sind. Die Geschichte ist schnell erzählt: weil Auer Fans offenbar fanden, dass die zwei Schwanenstädter in der Auer Kurve wenigstens irgendetwas lilafarbenes am Körper tragen sollten. Und sei es ein Veilchen.

Jetzt wird man nicht überall gleich verdroschen so wie im Schacht. Unwohlsein stellt sich auf viele verschiedene Arten und Weisen ein, und man kriegt es zur Not auch alleine zustande. Zum Beispiel wenn man am dritten Advent noch immer kein einziges Weihnachtsgeschenk für die Liebsten besorgt hat. Oder wenn einem irgendwann zuhause auffällt, dass man sein Auto am Zwickauer Autobahnzubringer verloren hat. Oder wenn man ab Montag an der Straßenbahnhaltestelle Richtung Hauptbahnhof steht und von Passanten milde belächelt wird.

In solchen Fällen kriecht vielleicht so ein unbestimmtes Gefühl der Scham in einem hoch, das sich erst vertreiben lässt, wenn man den Körper anderweitig beschäftigt. Beispielsweise durch den Genuss eines Glühweins und einer Brühlette auf dem Weihnachtsmarkt. Danach wirken alle anderen Problem zweitrangig. Und man fühlt sich so richtig verzwickt. Und zugenäht.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...