Vergebliches Warten auf die Supernova

In der Schulsternwarte Zwickau wollen Schüler am mutmaßlichen Sterben eines Stern teilhaben. Es gab vorerst stattdessen nur eine gedankliche Zeitreise.

Zwickau.

Größte Begeisterung spüre sie stets bei Grundschülern, sagt Monika Müller. Denen erklärt die pensionierte Lehrerin für Physik, Mathe und Astronomie bei ihren Vorträgen in der Zwickauer Schulsternwarte das Sonnensystem, also unsere direkte Nachbarschaft - analog zum Schulstoff. Den Sechstklässlern, bei denen in Physik Licht und Schatten anstehen, erzähle sie von Sonnenfinsternissen. Aus ihrer Sicht sind das - zumindest wenn man sie selbst beobachten könne - die "emotionalsten" Phänomene am Himmel. Das alles indes ist kein Vergleich mit dem Schauspiel, das der Stern Beteigeuze abgeben wird, wenn er in einer gewaltigen Explosion aufgeht, einer Supernova. Wissenschaftler rechnen damit, dass der Stern, der im Sternbild Orion die linke Schulter darstellt, vor seinem Ende noch einmal so hell aufleuchtet wie ein Halbmond.

Normalerweise ist Beteigeuze etwa so hell ist wie der Stern Rigel, sein Pendant am rechten Fuß Orions, doch scheint Beteigeuze derzeit zu schwächeln. "Es ist ein veränderlicher Stern, der verschiedenen Zyklen unterliegt", erklärt Monika Müller. Die meisten Wissenschaftler erklären das seit Oktober zu beobachtende Phänomen, dass Beteigeuze nur noch mit einem Viertel der Leuchtkraft strahlt, mit Überlagerung mehrerer periodisch auftretender Verdunklungsfaktoren. Andere wittern eine Sensation. Sie vermuten, dass es mit dem Stern bald zu Ende geht. Nun ist "bald" in kosmischen Maßstäben aber relativ.

Es könnte irgendwann in den nächsten 1000 Jahren passieren oder erst in 100.000. "Vielleicht ist er sogar schon weg", sagt Monika Müller. Worauf sie anspielt, hat nichts mit dem wolkenverhangenen Himmel zu tun, der an diesem Donnerstagabend den Blick auf Orion und Beteigeuze verdeckt. Die Zwölftklässler des Wilkau-Haßlauer Sandberggymnasiums, die zum Vortrag in die Sternwarte gekommen sind, haben zwar vom Kreuzberg aus einen tollen Blick aufs Lichtermeer von Zwickau im Tal. Doch am Himmel herrscht schwarzgraue Suppe. Was Monika Müller aber meint, ist, dass Beteigeuze längst verschwunden sein könnte, obwohl der Stern hinter den Wolken gerade noch leuchtet. Das wiederum hängt mit seinen 640 Lichtjahren Entfernung von der Erde zusammen. Hätte sich die Supernova vor 640 Jahren ereignet, würde das Himmelsschauspiel erst jetzt bei uns ankommen.

"Schön, das mal so erklärt zu bekommen. Ist schwer vorstellbar, wenn man das damit vergleicht, den Lichtschalter anzumachen. Dann ist gleich überall Licht. Und über die Entfernung ist es so lange unterwegs", überlegt die 17-jährige Schülerin Emma Häckel. Ihr Mitschüler Jeremy Schwalbe, ebenfalls 17, grübelt: "Wäre spannend, so was am Himmel zu sehen -solange es sicher ist und hier dabei nichts passiert", ergänzt er nach kurzer Pause.

Bei der Entfernung sollte alles gut gehen, schätzt Astronomielehrerin Müller ein. "Wenn eine Supernova zu nahe stattfände, könnte die Explosion in der Tat die Erdatmosphäre wegblasen", sagt sie.

Eine Supernova in sicherer Entfernung, aber doch relativ nah zu beobachten, wäre für Astrophysiker eine Art Sechser im Lotto. Dass auf der Nordhalbkugel der Erde überhaupt eine zu sehen war, ist 416 Jahre her. Der Astronom Johannes Kepler beobachtete und beschrieb sie 1604. Doch war das Phänomen, das im Sternbild Schlangenträger stattfand, damals 20.000 Lichtjahre entfernt. "Und es gab nicht mal ein Teleskop", sagt Monika Müller. Das erfand der holländische Brillenmacher Hans Lipperhey erst vier Jahre später.

Unabhängig von unterschiedlichen Interpretationen einzelner Wissenschaftler zu Beteigeuzes Schwächeln, eins steht fest, sagt Monika Müller: "Als roter Überriese ist der Stern in seiner letzten Lebensphase angekommen." Es sei nur unklar, wie lange diese dauert. Beteigeuze hat sich bereits aufgebläht, ein Phänomen, dass einst auch unserer Sonne blüht. Vom Volumen her hätte die Sonne in Beteigeuze rund eine Milliarde mal Platz. Wäre Beteigeuze an Stelle der Sonne, der Stern hätte sich bis zum Jupiter längst alles einverleibt.

Über die Aufmerksamkeit seiner Schüler freut sich Michael Schlagmann besonders. Beim Besichtigen der Teleskope können sie Rückfragen zum Vortrag wie aus der Pistole geschossen beantworten. "Da Astronomie als eigenes Fach wegfiel, fehlt Vielen der Blick fürs große Ganze. Die Verbindung von der Mikrophysik bis hin zum Ursprung des Universums selbst", findet der Lehrer. Im normalen Physikunterricht bleibe dafür zu wenig Zeit. Manche Schüler seien gar erstaunt, dass Planeten - anders als Sterne - nicht von selbst leuchten, klagt Schlagmann. Insofern begeistert den Lehrer die Begeisterung seiner Schüler über Beteigeuze - auch ohne Sensation.

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