Verrückte Idee wird Wirklichkeit

Ehrensache! Engagiert in Westsachsen. Hannah Jurich aus Mülsen traut sich was. Mit dem DFC Westsachsen Fußball-Vizelandesmeisterin der B-Juniorinnen 2018/19, hat die Zehntklässlerin jetzt die Schiedsrichterlaufbahn eingeschlagen.

Mülsen/Zwickau.

Für sie war es anfangs nur eine verrückte Idee. Der Entschluss ist über eine längere Zeit gereift. "Schon als ich bei Niclas gespielt habe, dachte ich, es wäre ja mal cool, Schiedsrichter zu sein", erzählt Hannah Jurich. "Aber damals war ich mit meinem Spielerdasein und der Schule genug beschäftigt."

Angefangen mit dem Fußball hat die Mülsnerin vor sechs Jahren. Auslöser war ihr kleiner Bruder, der damals beim SV Mülsen St. Niclas begonnen hatte. "Da war ich öfter mal mit ihm beim Training, und irgendwann habe ich auch mitgemacht." Ihre ersten Übungsleiter waren Kendy Günther und Silvio Lange.


Beim Regionalausscheid des Bundeswettbewerbs "Jugend trainiert für Olympia" im Westsachsenstadion ist sie Bernd Wutzler, dem Vorsitzenden des DFC Westsachsen, aufgefallen. Er lud sie zum Probetraining ein, und bald war sie mit einem Zweitspielrecht für Zwickau ausgestattet. Mit den B-Juniorinnen des DFC wurde sie 2018/19 sächsischer Vizemeister. "Das war mein größter Erfolg. Wenn man bedenkt, wie wir personell ausgestattet waren, dann bedeutet das echt viel", freut sich die 15-Jährige, die das Gymnasium in Lichtenstein besucht.

Als sie den eingangs erwähnten Gedanken, der inzwischen mehr in den Hintergrund gedrängt war, am Rande eines Turniers mal beiläufig erwähnte, wurde Bernd Wutzler sofort hellhörig. Er war begeistert zu hören, dass sie sich vorstellen könnte, Schiedsrichterin zu werden: "Die brauchen wir dringend." Wie alle Vereine, so muss auch der DFC ein vorgegebenes Schiedsrichtersoll erfüllen, will man nicht wegen Unterbestandes Punktabzüge riskieren. Wutzler bestärkte sie in ihrem Wunsch und versprach volle Unterstützung seitens des Vereins.

Beim Anwärterlehrgang war sie von zwölf Teilnehmern das einzige Mädchen. Im Großen und Ganzen lief alles so ab, wie sie es sich vorgestellt hatte. "Es hatte fast ein bisschen was von Fahrschule", erinnert sich Hannah Jurich. "Man setzt sich hin und bekommt die Regeln erläutert. Aber darüber hinaus auch andere Sachen, zum Beispiel, wie man als Schiedsrichter im Team arbeitet mit den Assistenten oder der richtige Umgang mit Spielern und Trainern - also alles, was man ringsum braucht vom Betreten des Platzes bis zum Abpfiff. Der Fokus war natürlich auf die Regelkunde gerichtet." Der Kurs endete mit einem Test, inklusive einem 3000-Meter-Lauf. "Es wurde uns gesagt, da ist noch keiner durchgefallen, der in halbwegs guter sportlicher Verfassung ist."

Ein Anwärter muss fünf Spiele erfolgreich leiten, um den Schiedsrichterausweis des DFB zu erhalten. "Vom Beobachter bekommt man auch ein paar Tipps, worauf man achten sollte. Hinterher wird zusammen das Spiel ausgewertet", berichtet die 15-Jährige. An Hand eines Bogens werden verschiedene Kriterien analysiert. "Da weiß man, was schon ganz gut lief, und was man beim nächsten Spiel besser machen kann." Der DFC-Vorsitzende ist sehr froh, dass sich Hannah Jurich für diese Laufbahn entschieden hat. "Sie hat sich trotz Schule und Schiedsrichterausbildung die letzten sieben Punktspiele der Saison freigehalten und damit einen Beitrag zum Vizelandesmeistertitel geleistet."

Die teils umstrittenen Entscheidungen beim Einsatz des Videoassistenten zur Frauen-WM in Frankreich mag sie nicht beurteilen. "Ich muss gestehen, ich schaue selten Fußball", verrät die Mülsnerin. "Nur wenn ich mal als Zuschauer bei einem Spiel meines Bruders dabei bin, achte ich schon darauf, wie die Kollegen das machen und in verschiedenen Situationen reagieren. Dabei kann man eine Menge lernen."

Hannah Jurich hat jetzt die zehnte Klasse begonnen. Was will sie später mal studieren? "Wenn ich das wüsste! Ich habe ja noch ein bisschen Zeit. Wenn ich mit dem Abi fertig bin, würde ich erstmal ein Jahr im Ausland verbringen. Vielleicht ergibt sich dabei ja was."


"Der Lehrgang erstreckt sich über drei Wochenenden"

Benjamin Seidl ist amtierender Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses im Fußball-Kreisverband. Mit ihm hat sich Thomas Croy unterhalten.

Nimmt die Bereitschaft, zur Pfeife zu greifen, eher zu oder ab?

Die vergangenen Jahre haben wir eine in etwa gleichbleibende Zahl an Teilnehmern pro Lehrgang registrieren können. Im Vergleich zu vor zehn Jahren haben sich die Teilnehmerzahlen allerdings fast halbiert. Dies führt dazu, dass seit Gründung des Kreisverbandes im Jahr 2010 die Zahl der Schiedsrichter von circa 250 auf 190 gesunken ist. Die meisten Sportfreunde melden sich nach Ende ihrer Schulzeit ab, wenn sie keine Vereinbarkeit mehr für Ausbildung und Hobby finden beziehungsweise wegen des Studiums aus Zwickau und Umgebung fortziehen.

Welche Voraussetzungen muss ein Anwärter mitbringen?

Die einzigen Bedingungen zur Teilnahme sind ein Mindestalter von zwölf Jahren sowie die Mitgliedschaft in einem Sportverein. Gleichzeitig sollten alle Schiedsrichteranwärter eine ausreichende Fitness haben, Disziplin bei der Erledigung der administrativen Pflichten wie Hausregeltraining, Lauftest und Abgabe von Unterlagen mitbringen sowie über eine Portion Selbstbewusstsein verfügen, sodass man in der Lage ist, mit Kritik auf dem Platz umzugehen.

Wie lange dauert es vom Schulungsbeginn bis zum Premiereneinsatz als Schiedsrichter?

Der Lehrgang erstreckt sich über insgesamt drei Wochenenden. Anschließend dauert es circa zwei Wochen, bis die Sportfreunde zum ersten Mal ein erfahrenes Kollektiv als 4. Offizielle begleiten, um sich mit den administrativen Aufwand rund um ein Fußballspiel vertraut zu machen. Im Anschluss folgen die ersten Einsätze als Schiedsrichter auf Kleinfeld, wobei sie in drei der ersten fünf Spiele von einem erfahrenen Schiedsrichter oder Beobachter betreut werden.


190 Schiedsrichter im Alter zwischen zwölf und 85 Jahren

Der Kreisverband Fußball Zwickau verfügt aktuell über 190 einsatzbereite Schiedsrichter und Beobachter, davon sind sieben weiblich. 56 Schiedsrichter sind 20 Jahre alt oder jünger. Der jüngste ist zwölf Jahre alt. 17 Referees sind 60 Jahre alt oder älter. Der älteste ist 85 Jahre alt.

Die Zahl der Teilnehmer an Anwärterlehrgängen ist in den vergangenen Jahren etwa stabil geblieben. 2015/16 wurden 15 Schiedsrichter und 2016/17 17 Schiedsrichter in jeweils einem Lehrgang ausgebildet.2017/18 waren es 28 Schiedsrichter in zwei Lehrgängen, 2018/19 wurden 21 Schiedsrichter in zwei Lehrgängen ausgebildet.

Der nächste Anwärterlehrgang startet am Freitag, 20. September,

um 17 Uhr. Der Ort richtet sich nach Anzahl der gemeldeten Teilnehmer. Weitere Termine sind der 21. September (9 bis 15 Uhr), der 27. September (17 bis 21 Uhr) und der 28. September (9 bis 14 Uhr). Die Prüfung findet am 5. Oktober (9 bis 13 Uhr) statt.

 

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