Vier Jahre Anlauf für kurzen Prozess

Die drei Polizisten, die aus Versehen einen Mann umgebracht haben, müssen jeweils 4000 Euro zahlen. Das Verfahren ist zu Ende.

Zwickau.

Nach mehr als vier Jahren und vier in dieser Zeit angefertigten Rechtsgutachten braucht es zwei Verhandlungstage mit insgesamt zehn Stunden, bis der Prozess um den toten Bodybuilder in der Commerzbankfiliale sein jähes Ende findet. Eingestellt wegen geringer Schuld, beschließt das Gericht am Dienstag gegen Mittag. Die drei angeklagten Zwickauer Polizeibeamten müssen jeweils 4000 Euro an gemeinnützige Einrichtungen zahlen. Von der Staatsanwaltschaft kommen keine Einwände. Die Mutter des Toten schüttelt ungläubig den Kopf. Immer wieder.

Noch am Montag hatte das Gericht die Forderung der Verteidiger abgelehnt, das Verfahren gegen Geldauflage zu beenden. Nachdem am Dienstag der erste von zwei Gutachtern seine Ergebnisse vorgestellt hatte, erklärt dagegen der Vorsitzende Richter Gerolf Müller: "Die drei Angeklagten müssen damit leben, dass durch ihr Zutun ein Mensch aus dem Leben geschieden ist. Aber die Juristerei würde den Sachverhalt ohnehin nur bedingt aufklären können." Auch im Fall einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung wäre eine Geldstrafe in Betracht gekommen.

Der Fall des Toten in der Commerzbank hatte Polizei, Gerichte, Anwälte und Rechtsmediziner zuvor vier Jahre lang beschäftigt. In der Nacht zum 24. Juli 2015 starb ein 27-Jähriger während eines Polizeieinsatzes in der Bankfiliale am Dr.-Friedrichs-Ring 1. Er war aggressiv und stand unter Drogen. Es brauchte vier Beamte, um den polizeibekannten Mann unter Kontrolle zu bekommen. Zehn Minuten lang fixierten ihn die Polizisten am Boden. Am Ende war er tot.

Die Gutachter stellten fest, dass die Polizisten für den Tod verantwortlich waren. Zwar hätten Drogen sowie eine Herzschwäche die Tragödie begünstigt, ohne den Einsatz der Polizisten aber wäre der Mann in dieser Nacht nicht gestorben, sagt ein Rechtsmediziner. Fachleute sprechen von einem "lagebedingten Erstickungstod". Demnach ist der 27-Jährige an einem Herz-Kreislauf-Versagen gestorben. Herbeigeführt wurde es dadurch, dass die Beamten den Oberkörper des Mannes auf den Boden drückten. Einer der Gutachter spricht davon, dass der Druck auf den oberen Rücken sowie Atemnot durch die Bauchlage ursächlich für den Tod gewesen seien.

Eine zweite Gutachterin führt aus, dass in Polizeigewahrsam durchaus häufiger Todesfälle durch Fixieren vorkommen. Dabei sei nicht entscheidend, in welcher Lage sich der Tote befinde. Allein das Festhalten, Festbinden oder Niederdrücken könne schon zu einer lebensbedrohlichen Atemnot führen, vorausgesetzt, der Betroffene wehrt sich immens. Besonders problematisch sei, dass Polizisten nicht erkennen würden, wann so fixierte Personen von bloßer Gegenwehr in einen Überlebenskampf übergehen würden. Außerdem gebe es bei solchen Todesfällen immer Umstände wie massiven Alkohol- oder Drogeneinfluss oder Vorerkrankungen. Das vergrößerte Herz, von dem mehrfach in Bezug auf den Bodybuilder die Rede war, sei allerdings für seine Körpergröße normal gewesen.

Die Beteiligten nehmen die Entscheidung unterschiedlich auf. Die angeklagten Polizeibeamten zeigen keine Anzeichen von Freude oder Erleichterung, sondern wirken weiter angespannt. Nebenklagevertreter Axel Schweppe, der Anwalt der Familie des Opfers, spricht dagegen von fehlender Fairness. Die Polizisten hätten "eine Aneinanderreihung von schweren Fehlern" begangen, den Mann viel zu lange fixiert und nicht unmittelbar lebensrettende Maßnahmen eingeleitet, was übrigens auch ein Gutachter moniert hatte. In der Öffentlichkeit werde das so ankommen, als seien wieder einmal Polizeibeamte mit einem blauen Auge davongekommen. "Hier hat es einen Toten gegeben. Und den hätte es nicht gegeben, wenn die Angeklagten rechtmäßig gehandelt hätten", sagt Schweppe.

Tatsächlich haben die drei erfahrenen Polizisten eigene Fehler eingeräumt. Sie hatten demnach Angst vor dem aggressiven und viel stärkeren 27-Jährigen und wollten sich durch die Fixierung selbst vor Angriffen schützen. "Man ist auch nur ein Mensch", sagte einer der Angeklagten. Und ein anderer: "Sicher, mit dem, was wir heute wissen, hätten wir ihn früher die Position wechseln lassen können."

Es sei eben eine Ausnahmesituation gewesen.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 1 Bewertung
13Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 2
    2
    KTreppil
    06.11.2019

    Zu schnell abgeschickt, die letzten Zeilen nochmal in ordentlichen Sätzen: Aber bitte nicht alle Polizisten zu vermeintlichen Schlägern erklären.
    Ich muss bestimmt keine Lanze für die Polizei brechen, bin aber froh, dass es Leute gibt, die diese "verdächtig guten Jobs" in diesen Zeiten noch machen...

  • 2
    3
    KTreppil
    06.11.2019

    Mal angenommen, die Polizei hätte das spätere Opfer nicht unter Kontrolle bringen können und es wäre ein unbeteiligter Passant angegriffen und verletzt worden. Auch dann hätte man sich auf die Polizei gestürzt. So in etwa: 3 Polizisten sehen zu ....
    Es ist ein Polizeieinsatz aus dem Ruder gelaufen mit tragischen Ende. Das ist Fakt und dafür standen die Polizisten vor Gericht.
    So wie vor kurzem in Chemnitz eine Autofahrerin, die eine Fußgängerin überfahren hat. Auch hier wurde eine Strafe auf Bewährung verhängt. Auch dazu würde kontrovers diskutiert. Und ähnlich vermeintlich milde Urteile und dann wiederum unangemessen Höhe Strafen in anderen Fällen....
    Unser Rechtsstaat ist manchmal schwer auszuhalten.
    Aus dem tragischen Ereignis aber ein Politikum zu machen ist unangemessen. Der Fall O.J. ist undurchsichtig und wird hoffentlich aufgeklärt. Aber bitte nicht alleZu DDR und Wendezeiten gab es Polizeigewalt, die mit dem Fall nicht vergleichbar ist. Ursache und Wirkung

  • 2
    4
    Blackadder
    06.11.2019

    @Tokeah: Ich denke, den Fall Oury Jalloh kennt mittlerweile jeder. Da haben Sie vollkommen recht!

  • 2
    7
    Tokeah
    06.11.2019

    1988 oder 2019. Es werden auch heute noch Ereignisse, in denen Polizisten in Ausübung ihres Dienstes stehen, totgeschwiegen. Das ist einfach so. Ja, so banal das klingt: das ist eine nach so. Der Rechtsstaat beugt sich selbst. Eine Klasse Strategie um zu behaupten, sich und die Gesellschaft schützen zu müssen.

  • 2
    4
    Freigeist14
    06.11.2019

    Black&Distel@ aber nach 1990 hätte man diesen imaginären Fall völlig anders bewertet . Weil nicht sein kann ,was nicht sein darf .

  • 2
    13
    FromtheWastelands
    06.11.2019

    Jeder 4000€ Strafe und alles ist wieder gut.
    Klingt wie ein schlechter Witz, ist aber die Realität.
    Die Angeklagten hätten aus dem Polizeidienst entlassen werden müssen, wer sich einen derartigen "Fehler" leistet, sollte nicht die Uniform tragen dürfen.

  • 3
    9
    Distelblüte
    06.11.2019

    @Freigeist: 1988 wäre es erst gar nicht zu einem Verfahren gekommen. So unglaublich mild auch das Urteil ausfiel, es wurde doch vor einem Gericht die unangemessene Gewalt im Dienst, die den Tod eines Menschen zur Folge hatte, verhandelt. Und verurteilt.

  • 7
    6
    Blackadder
    06.11.2019

    @Freigeist: 1988 hätte nichts darüber in der Zeitung gestanden. Das ist der Unterschied.

  • 3
    12
    Freigeist14
    06.11.2019

    Man stelle sich diesen Fall 1988 vor ........ Keine weiteren Fragen .

  • 12
    2
    KTreppil
    06.11.2019

    Es ist und bleibt ein tragisches Ereignis. Ursache und Wirkung sollten trotzdem nicht verwechselt werden.

  • 2
    16
    Distelblüte
    06.11.2019

    12000 Euro. Der Preis für das Leben eines Menschen.

  • 2
    15
    2PLUTO6
    06.11.2019

    Jeder, der ein Wespennest beseitigt, weil er sich bedroht sieht, kann mit einem Bußgeld bis zu 65000 Euro betraft werden.
    Hier geht es um einen Tötungsdelikt!
    Sind denn hier alle irre geworden???

  • 1
    17
    2PLUTO6
    06.11.2019

    Ausversehen..., 4000 Euro Strafe, unglaublich!!! Wo bleibt der Rechtsstaat???



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...