Vom Heimkommen

Doris Dick kam in den letzten Kriegstagen im damaligen Hartensteiner Bergarbeiterheim zur Welt. Jetzt kehrte sie erstmals in das Haus zurück, in dem sich mittlerweile ein Hotel befindet.

Hartenstein.

Geburtsort: Hartenstein, Bergarbeiterheim 312. Dieser ungewöhnlich anmutende Vermerk steht auf der Geburtsbescheinigung von Doris Dick. Bis vor wenigen Tagen wusste die heute 74-Jährige, die inzwischen in Königsbronn bei Heidenheim lebt, nichts über die Stätte ihrer Geburt. "Meine Mutter sprach sehr wenig über dieses Thema. Sie hat sogar den Namen meines Vaters mit ins Grab genommen. Ich weiß nur, dass ich in Hartenstein geboren wurde, als meine Familie auf der Flucht aus unserer schlesischen Heimat war." Sie habe schon lange den Wunsch verspürt, mehr über den Ort zu erfahren, an dem sie einst das Licht der Welt erblickte.

Vor wenigen Wochen fasste sie dann den Entschluss, ihr Vorhaben endlich in die Realität umzusetzen. "Ich bin zwar noch ganz gut drauf, aber eben in einem Alter, in dem man solche Entscheidungen nicht unbedingt auf die lange Bank schieben sollte. Also habe ich zunächst versucht, in Hartenstein ein Hotel auszumachen, in dem ich ein paar Tage übernachten und meine Nachforschungen anstellen könnte", berichtete sie. Doris Dick rief im Hotel Waldidyll an und buchte für sich und ihre Tochter ein Zimmer.


Dann stellte sie gleich noch die für sie so wichtige Frage, ob es denn das Bergarbeiterheim noch gäbe. Hotelchefin Hertha Sellmair, die den Anruf seinerzeit selbst entgegennahm, war zunächst ein wenig perplex. "Ich habe ihr gesagt, dass sie gerade hier im Bergarbeiterheim anruft. Als ich aber von ihr erfahren habe, sie sei hier in dem Haus zur Welt gekommen, lief es mir eiskalt den Rücken runter. Nach ihrer Ankunft in unserem Hotel zeigte ich Frau Dick das Zimmer, in dem einst die Babybettchen standen und das jetzt unser Jägerstübchen ist. In unseren Gesprächen habe ich sehr viel über ihre bewegte Familiengeschichte erfahren, was mich emotional enorm bewegt hat", gestand Hertha Sellmair ein.

Das Leben von Doris Dick war von Anfang an kein Zuckerschlecken. Geboren am 7. April. Alles was sie aus der Zeit um ihre Geburt und die ersten Lebensjahren wisse, hätte ihr der Großvater erzählt. "Ursprünglich sollten wir von Schlesien in Richtung Bayreuth ziehen. Als ich zur Welt gekommen bin, sind mein Großvater und einige der elf Geschwister meiner Mutter hiergeblieben. Die anderen haben sich nach Bayern aufgemacht. Uns wurde später dieser Weg verwehrt - wir erhielten die Order, nach Meißen zu gehen", so Doris Dick. Im Verlaufe der Jahre hätte sie sich von ihren Verwandten immer wieder anhören müssen, dass es ihr zu "verdanken" sei, dass ein Teil der Familie im Osten hängen geblieben ist. "Ich konnte zwar wirklich nichts dafür, aber es hat irgendwie doch wehgetan - insbesondere mit zunehmendem Alter. Nur von meinem Großvater, der für mich wie ein Vater war, habe ich so etwas nie gehört."

Auch der weitere Lebensweg von Doris Dick verlief ziemlich holprig. Sie und ihr vor fünf Jahren verstorbener Ehemann standen dem DDR-System ablehnend gegenüber. Ab 1980 stellten sie mehr als ein Dutzend Ausreiseanträge, brachten ihren Unmut über die Verhältnisse offen zum Ausdruck. Am 23. November 1983 wurde das Ehepaar verhaftet. Er kam in den Knast nach Naumburg, sie in das berüchtigte Frauengefängnis Hoheneck. Nach einem Dreivierteljahr wurden sie von der BRD freigekauft, gingen in den Westen und ließen sich in Baden-Württemberg nieder. "Der Neubeginn dort war alles andere als rosig, aber wir haben uns durchgebissen und mit viel Mühe später erreicht, dass auch unsere Kinder nachkommen konnten." Während sich die drei Söhne nach der Wende zur Rückkehr nach Meißen entschlossen, blieb das Ehepaar mit der Tochter im Westen. "Innerlich bin ich Sächsin. Aber selbst wenn ich meine Kinder in Meißen besuche, verspüre ich keinerlei Heimatgefühl. Da gibt es zu schlimme Erinnerungen. Ganz anders hier in Hartenstein, im ehemaligen Bergarbeiterheim. Das ist für mich ein besonderer Ort. Ich bin froh und dankbar, dass ich mich aufgerafft haben, nochmal an die Stätte meiner Geburt zurückzukehren."


Auslagerung Säuglingskliniken

Am 19. März 1945 wurde Zwickau von amerikanischen Flugzeugen bombardiert. Ein Volltreffer zerstörte auch die Frauenklinik Dr. Köhler in der Amalienstraße. 18 Frauen, drei Säuglinge und ein Mann verloren dabei ihr Leben. Als Folge wurde die Verlegung von drei Zwickauer Säuglingsklinken in das 1935 übergebene Bergarbeiterheim im Hartensteiner Wald beschlossen. Aus historischen Aufzeichnungen geht hervor, dass damals mindestens 130 Personen dort Unterschlupf fanden. Neben Wöchnerinnen und dem medizinischen Personal auch etwa 65 Säuglinge. Allerdings lag das Heim auf der von der SS besetzten Seite der Mulde und wurde deshalb - ungeachtet eines großen roten Kreuzes auf dem Dach - mehrfach von amerikanischer Artillerie und Tieffliegern beschossen. Unter anderem auch am 20. April. Etwa 50 Säuglinge und Frauen wurden daraufhin zum Teil auf Tragbaren im angrenzenden Wald versteckt. Erst Ende April konnten Babys, Mütter und Personal nach Zwickau zurückkehren. (awo)

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