Vom Wir-Gefühl in der Bahnhofsvorstadt

Zum 3. Anwohnerflohmarkt "Trödel und Tratsch" hatte das Stadtteilbüro "Wir im Quartier" eingeladen. Einer Besucherin, die gar nichts kaufen wollte, gelang ein besonderes Schnäppchen - und das war nicht der einzige Grund für gute Laune an diesem Samstag.

Auch so kann Trödelmarkt sein: Lydia Rieger tauschte bei René Markstein Zucchini aus dem Garten gegen Kinderbekleidung.

Bei dem, was sich am Samstag im grünen Vorgarten der Zwickauer Lutherkirche abspielt, geht es nicht nur um die Freude am Stöbern, Kaufen und Verkaufen. "Mit Aktionen wie Flohmarkt, Freitagsfrühstück oder Musik-Events möchten wir das Zusammenleben in der Bahnhofsvorstadt attraktiver gestalten", berichten Kathrin Hannak und Janet Reiter, Mitarbeiterinnen des 2017 gestarteten Projekts "Wir im Quartier" der Stadtmission Zwickau. Das Konzept scheint aufzugehen: "Wir spüren Aufbruchstimmung. Die Menschen wirken zufrieden. Es entstehen neue Formen der Nachbarschaftshilfe. Unsere Angebote werden gut angenommen - von Anwohnern und darüber hinaus."

Zum Beispiel von Lydia und Thomas Rieger aus dem angrenzenden Stadtteil Marienthal, die an den rund 25 Flohmarktständen "aus Flachs" lieber tauschen als kaufen möchten. Für ihre drei Riesen-Zucchini, eigene Ernte, erhalten die Eltern von Linus (10), Till (5) und Thea (6 Wochen) vier Kinderbekleidungsstücke und eine Knoblauch-Presse. "Zum Glück sind die Äpfel zu Hause geblieben. Da haben heute andere das Monopol drauf", weist der Papa augenzwinkernd auf eine Bio-Obst-Kiste am nächsten Trödel-Stand.

Begegnung, Gespräche und Stärkung des Wir-Gefühls sind Anliegen des von der Europäischen Union und der Stadt Zwickau geförderten Projekts. So bieten die beiden Sozialarbeiterinnen außerdem Beratung und Begleitung in schwierigen persönlichen Lebenslagen, informieren über finanzielle Hilfen und soziale Leistungen, unterstützen bei Behördenangelegenheiten. Ins Quartiersbüro auf der Robert-Blum-Straße 19 finden Hinzugezogene, Migranten und junge Familien ebenso wie gestandene Bahnhofsvorstädter. "Klar gefällt es mir hier. Es hat sich viel getan", sagt Anneliese Stock, die seit 18 Jahren im Viertel lebt, hier einkauft, Kontakte pflegt. Traurig ist die agile Seniorin, dass die Stadt die Zentralhaltestelle verlegen will. "Ich bin oft mit dem Bus unterwegs. Wie soll das künftig gehen?" Während sie sich auf dem Flohmarkt nur mal umschauen möchte, ersteht Tochter Gabriele für 10 Euro einen liebevoll ausstaffierten Kaufmannsladen aus vergangener Zeit: "Das war zwar nicht geplant, ist aber eine schöne Kindheitserinnerung. Die Enkel können damit spielen."

Kleine "Flöhe" hüpfen derweil fröhlich von Stand zu Stand, krabbeln im Spielbereich des Projektes "lebens.raum" umher und beißen höchstens mal in eine Bratwurst. Den leckeren Imbiss haben die "Händler" anstelle einer Standgebühr mitgebracht. "Es geht um die Gemeinschaft und nicht nur ums Verkaufen", sagt René Markstein: "Viele Dinge sind einfach zu schade zum Wegwerfen und erfüllen anderswo noch prima ihren Zweck." Am Ende gibt er einen Schlafsack für 4 Euro ab, Äpfel werden verschenkt. Beim Abschied lädt Kathrin Hannak zur Jam-Session ein, am 18. September, zwischen Zentralhaltestelle und Unterführung ... (kabu)

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