Von der Macht der Gedanken

In einer langen Nacht hat sich die Hochschule als Ganzes vorgestellt. Mit viel Technik - und mit etwas Bums.

Zwickau.

Stell dir vor ... Mit diesem Satz beginnen am Samstag ungezählte interessante Gespräche. Stell dir vor, die Westsächsische Hochschule Zwickau veranstaltet eine Lange Nacht der Wissenschaft ... und rund 3000 neugierige Menschen folgen diesem Ruf auf den Scheffelberg-Campus.

Ich zum Beispiel habe mir immer vorgestellt, dass Wirtschaftswissenschaftler zum Anzug-Tragen neigende Ökonomen sind. Bis Pierre Werner mit einer Lego-Fabrik an seinen Stand lockt. Stell dir vor, sagt er am Stand der Wirtschaftswissenschaften, man könnte die Daten, die Maschinen bei ihrer Arbeit gewinnen, vorausschauend nutzen. Etwa, um Strom zu sparen. "Wenn man aus diesen Daten ableiten kann, wann wie viel Strom gebraucht wird, kann man die Energiegewinnung sinnvoller steuern. Das Ziel ist, auf die konventionelle Energieerzeugung weitgehend zu verzichten." Dazu müssten aber viele Geräte und Anlagen miteinander kommunizieren - ein Fall für die Wirtschaftsinformatik, aber auch für den neuen Stu- diengang Data Science und andere Fachleute. "Die Zeiten sind vorbei, in denen man ohne Zusammenarbeit zwischen einzelnen Fächern ausgekommen ist", sagt Pierre Wagner.


Er schaut auf und sieht gegenüber eine Schlange von Kindern, die alle eine VR-Brille ausprobieren wollen. Die Informatiker stellen ein selbst geschriebenes Programm vor, mit dem man sich in der virtuellen Realität bewegen kann. Stell dir vor, du möchtest Lego-Steine aufeinandersetzen, sagt Natalie Klingsporn zum nächsten Tester. Der bewegt sich mit zwei Controllern in der Hand seltsam durch die Mensa. Doch auf einem Bildschirm kann man sehen, was er sieht: Wie er einen grünen Stein auf den nächsten setzt. "Wir möchten den Kindern nahebringen, wie das mit dem Programmieren funktioniert", sagt die junge Hilfskraft. Das scheint zu funktionieren. Die Kinder glühen förmlich vor Begeisterung.

Dann wird es knifflig: Stell dir vor, der Luftballon platzt. Wer auf diesem Stuhl Platz nimmt, braucht weder Hände noch Lungenkraft. Allein durch die gezielte Steuerung der Gehirnströme soll ein Luftballon aufgeblasen werden. Das ist zwar nur eine Spielerei. Aber es ist gleichzeitig auch die Arbeit einer der Nachwuchs-Forschergruppen an der Hochschule, die sich damit beschäftigt, wie man beispielsweise Operationen am Gehirn besser gestalten kann.

Wissenschaft zum Anfassen - das ist fast zwangsläufig mit Technik verbunden. So kommt es auch, dass die Lange Nacht der Wissenschaft den vorangegangenen Techniknächten weitgehend ähnelt. Denn selbst die nicht-technischen Studiengänge waren schon bisher auf die eine oder andere Weise vertreten - sei es als viel bewunderter Auftritt des Chores der Gebärdensprachdolmetscher oder als eindrucksvolle Demonstration davon, wozu Stoffe alles dienen können am Stand des Instituts für Textil- und Ledertechnik. Wobei: Das steckt die Technik auch schon wieder im Namen. Neu auf der Bühne der Langen Nacht sind die Gesundheits- und Pflegewissenschaften. Stell dir vor, sagt dort Mirco Steudtner, ein Elefant soll über eine möglichst hohe Brücke gehen. Dazu zeigt er einen Spielzeug-Elefanten und mehrere Kästen voller sehr unterschiedlicher Bausteine und anderer Kleinteile. Dem Dozenten für Gesundheits-wissenschaften geht es gar nicht um das Rüsseltier, sagt er, während ich überlege, wie der Elefant die Brücke hinaufkommt. Es geht darum, zu lernen, sich auf neue Art der Lösung von Problemen zu nähern - auch indem jeder im Team einen Teil zu dieser Lösung beiträgt. So lernen es die angehenden Manager, die mal ein Krankenhaus oder ähnliches leiten sollen.

Steudtners Dozentenkollege Gerry Hallbauer hingegen verlangt von seinen Besuchern, sie sollen sich vorstellen, wie viel 90 Gramm sind. Und zwar in Gemüseschnitzelchen. Wer die genaue Menge ins Glas löffelt, bekomme eine Packung "Bums". So nennt sich die Gemüse-Salz-Paste, die der 29-jährige Pflegewissenschaftler im Nebengewerbe produziert. An der Brühe fehle Bums, habe die Oma immer gesagt, so sei die zusatzstofffreie Brüh- würfel-Alternative entstanden. Stell dir vor, die Welt der Wissenschaft ist so bunt wie eine Gemüsemischung. Nach dieser Nacht leuchtet das jedem ein.

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