Von Menschen und ihren Rädern

Ein Journalisten-Duo ist derzeit mit Mikrofon und Kamera in Zwickau unterwegs. Die Männer vom ZDF wollen die Stadt und ihre Menschen kennen lernen. Dabei bestätigen sich manchmal auch Vorurteile.

Zwickau.

Fünf Minuten sind nicht lang. Oder? Mathias Kubitza zieht eine Augenbraue hoch. "Versuchen Sie mal, fünf Minuten lang die Luft anzuhalten." Also gut: Fünf Minuten sind gar nicht so wenig. Vor allem, wenn es ums Fernsehen geht.

Fünf Minuten - so viel Zeit haben Kubitza und sein Kollege Peter Ruppert, um den Zuschauern des ZDF-"Länderspiegels" die Stadt Zwickau und ihre Menschen nahezubringen. Deswegen klappern sie in dieser Woche die Stadt ab, radeln sich die Waden stramm. Zwischen Horch-Klassik (ach nee, da sind sie mit dem Trabi hingefahren) - aber zwischen Werksbesuch beim Sondermaschinenbauer Wesoma und frühabendlichem Ausflug auf die Skaterbahn an der Zwickauer Mulde.


Dort treffen sie zwischen alten, Schatten spenden Bäumen und Hitze abstrahlendem Beton auf eine Gruppe junger Leute. Die Jungs sagen zu, sich von den Journalisten interviewen und filmen zu lassen, ein Mädchen, das noch keine 18 ist, folgt der Truppe, nachdem sie zuhause die Zustimmung eingeholt hat. Dann hält Mathias Kubitza jedem einzelnen sein orange ummanteltes Mikro unter die Nase. Wie ist es denn so in Zwickau, will er wissen. Was ist gut an der Stadt, was nicht? Wollt ihr hierbleiben, und wo seht ihr euch in zehn Jahren? Die jungen Leute wissen zunächst nicht so recht, was sie sagen sollen. Zwickau ist soweit okay, finden sie. Aber auch langweilig für Jugendliche. Es gibt zu wenige Möglichkeiten, sich zu beschäftigen, sagen sie.

Und dann platzt es aus einem von ihnen heraus: Hier sei es überhaupt nicht sicher, sagt er. Skater schnurren auf ihren Brettern vorbei, während der junge Mann sich auf sein BMX-Rad aufstützt und in Rage redet. Er spricht vom "Vollgelappt werden", vom gegenseitigen Abstechen. Dem Reporter fehlen kurz die Worte, dann fragt er nach. Die Ausländer seien das, denen komme man nicht bei. Ja, er habe schon mehrfach Prügel eingesteckt. Und nein, bei der Polizei sei er deswegen nicht gewesen. Ein anderer versucht, die Wogen zu glätten. Er selbst könne nichts über Ausländer sagen. "Ich hatte mit denen noch keine Kon-flikte."

Dann fragt Kubitza nach dem Bild, das oft über Sachsen verbreitet wird: Gibt es hier so viele Nazis? Klargibt es die, in Zwickau und in Meerane und anderswo. Dann werden die Antworten diffus. Einer sagt, er wolle lieber in Meerane leben. Der Reporter fragt, ob trotz oder wegen der rechten Szene. Aus der Antwort wird er nicht ganz schlau. Er bedankt sich für das Gespräch.

Das ZDF möchte in seinem Beitrag den Zukunftsaus- und -ansichten der Stadt nachspüren. Deshalb wollen die Journalisten mit möglichst vielen Menschen sprechen. Dabei fällt ihnen auf, dass sie mit ziemlich vielen Menschen gesprochen haben, die alle irgendwas mit Mobilität zu tun haben: Den Trabi-Club haben sie besucht, die Horch-Klassik und das VW-Bildungsinstitut. Dabei dachte Kubitza vor seinem ersten Drehtag daran, das Thema Fachkräftemangel in den Mittelpunkt zu rücken. "Aber das scheint die Menschen hier gar nicht so vordergründig zu beschäftigen. Ich habe eher den Eindruck, dass sie sich fragen, was mit der Umstellung auf die Elektromobilität bei VW auf sie zukommt." Deswegen hat er seinen Blick auf Zwickau etwas geändert und legt den Fokus nun eher auf dieses Thema. Doch eine Stadt - das ist den Gästen vom Fernsehen klar - macht noch viel mehr aus als nur der größte Arbeitgeber.

Nach dem Interview müssen sich alle Beteiligten erst einmal kurz sammeln. Bei den jungen BMX-Fahrern beginnt die Auswertung mit "Ey Alter ..." Ihnen ist klar, dass nicht alles astrein war, was sie da von sich gegeben haben. Aber manchmal muss man eben sagen, was man denkt. Und manch einer von ihnen denkt, dass Kubitza und sein Kollege ihre Aussagen sowieso so zusammenschneiden, dass sie nichts mehr mit dem zu tun haben, was sie gesagt haben - kennt man ja.

Sie können sich selbst davon überzeugen, was aus ihrem Gespräch geworden ist. Mathias Kubitza hat sie eingeladen, am Samstag ab 17 Uhr mit auf dem Hauptmarkt zu sein. Er würde sich freuen. Doch die Jungs haben ihn auch ein bisschen sprachlos gemacht. Kubitza überlegt nach dem Interview eine Weile. Dann sagt er: "Ich hätte nicht gedacht, dass sie sich so kritisch zum Thema Zuwanderung äußern." Er hätte mit mehr Zurückhaltung gerechnet, so wie er das aus anderen Gegenden Deutschlands kennt.

Mehr als anderthalb Stunden hat der Einsatz an der Skaterbahn gedauert. Videojournalist Peter Ruppert, der nicht nur Kameramann ist, sondern das Material anschließend auch selbst schneidet, hat die jungen Leute wieder und wieder mit ihren Tricks gedreht, hat sie durch den Staub fahren und durch die Luft springen lassen. Mehr als anderthalb Stunden lang. Zu sehen sind davon 30 bis 40 Sekunden, schätzen die Profis. Fernsehen ist eben ein Geschäft für Geduldige. "Wir warten immer auf das perfekte Zitat, das alles in einem Satz einfängt", sagt Mathias Kubitza.

1,2 Millionen Menschen haben in der Vorwoche den "Länderspiegel" gesehen, der live aus Spremberg in der Lausitz gesendet wurde. Dort ging es um das Leben nach der Braunkohle. In Zwickau geht es um das Leben nach dem Dieselmotor. Aber sehen Sie selbst.


Zwei Übertragungen aus Sachsens viertgrößter Stadt

An zwei Tagen berichtet das ZDF aus Zwickau. Bereits am Freitag geht es ab 14 Uhr in der Sendung "Heute - in Deutschland" mit Yve Fehring um die viertgrößte Stadt Sachsens.

Am Samstag wird der "Länderspiegel" ab 17.05 Uhr live vom Zwickauer Hauptmarkt übertragen. Das ZDF ist bereits einige Zeit vorher vor Ort. Die Sendung wird auf einen großen Bildschirm übertragen, zudem holt sich Moderatorin Yve Fehring Gesprächspartner auf die Bühne - dazu gehören ganz normale Zwickauer, aber auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Neben Berichten über Zwickau geht es in dieser Sendung auch um Dresden und das Erzgebirge.

Der "Länderspiegel" ist ein Wochenmagazin, das in längeren Beiträgen über Geschehnisse aus den Bundesländern berichtet. Die Reportagen, Gespräche und Glossen werden in der Regel von den ZDF-Länderstudios zugearbeitet. Das Magazin gibt es seit 50 Jahren - die erste Ausgabe wurde am 4. Januar 1969 gesendet. (sth)

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