Vor dem Ruhestand steht noch ein besonderes Projekt

Ehrensache! Engagiert in Westsachsen. Georg Effenberger kümmert sich in Lichtentanne um die Ortschronik. Dafür lichtet er auch alle Häuser ab und ergänzt die Fotos mit Informationen.

Lichtentanne.

Nicht selten werden Ortschronisten von ihren Mitmenschen als etwas eigenbrötlerisch angesehen. Kein Wunder, immerhin verbringen sie mitunter einen Großteil ihrer Freizeit damit, in alten Dokumenten nach neuen Erkenntnissen über die Geschichte ihres Heimatortes zu suchen.

"Neben dem Protokollieren des aktuellen Geschehens gehört auch die Forschung zu den Aufgaben eines Ortschronisten. Insbesondere dann, wenn die bislang vorhandene Chronik lückenhaft ist oder die Aufzeichnungen erst zu einem relativ späten Zeitpunkt beginnen", sagte Georg Effenberger. In dieser Hinsicht spricht der 82-jährige Lichten-tanner aus eigener Erfahrung. Denn als er vor mehr als einem Vierteljahrhundert vom damaligen Bürgermeister Siegfried Hahn mit den Worten "Mach mal" die Fortführung der Chronik übertragen bekam, bestand das Ganze lediglich aus ein paar Klemmheftern mit Soldatenbriefen und der Geschichte der Lichtentanner Bauernhöfe. Erst später tauchte dann die verschollen geglaubte handgeschriebene Ortschronik wieder auf.

"Es hat mich schon gereizt, mehr über Lichtentanne und seine Historie herauszufinden. Denn bevor ich als Ortschronist tätig wurde, hatte ich kaum einen Bezug zum Ort. Ich bin erst 1961 durch meine Heirat hierher gekommen. Früh fuhr ich auf Arbeit und kam erst am Abend wieder heim. Entsprechend gering war auch das Wissen über meine Wahlheimat." Da Georg Effenberger mit 55 Jahren aus dem Berufsleben ausscheiden musste, kam ihm die neue Aufgabe gerade recht. "Ich habe nicht vorgehabt, mich in dieser Situation ans Fenster zu stellen und Autos zu zählen. Wissenschaftliche Arbeit war mir als promoviertem Maschinenbauer vertraut. Zudem hatte ich privat schon immer ein wenig Familienforschung betrieben. Also ging ich die Sache an", sagte er.

Was für ein riesiger Berg an Arbeit damals vor ihm lag, konnte er nur ahnen. Immerhin musste eine Lücke von gut 50 Jahren ausgefüllt werden. Den passenden Einstieg fand er in der Lichtentanner Industriegeschichte - Maxhütte, Kammgarnspinnerei und verschiedene kleinere Unternehmen boten dafür vielfältige Ansatzpunkte und zugleich jede Menge an aufzuarbeitenden Fakten. "Ich hatte den Vorteil, dass sich mein Arbeitszimmer anfänglich noch im Gemeindeamt befand. Gleich daneben war das Archiv untergebracht. Dort habe ich viele Stunden Dokumente gewälzt und erstaunliche Informationen wieder ans Tageslicht befördert", erinnert sich Georg Effenberger. Hinzu kam, dass ihm mit Edgar Trommer und Rudi Fischer über lange Zeit hinweg zwei unbezahlbare Informationsquellen zur Verfügung standen. Regelmäßige Abstecher ins Staatsarchiv und die Zwickauer Ratsschulbibliothek schlossen weitere Wissenslücken um die Lichtentanner Geschichte. "Es hat sich dann aber auch sehr schnell ergeben, dass nicht nur Vergangenes aufgearbeitet, sondern zudem das aktuelle Geschehen in der Gemeinde festgehalten werden musste. Viele der hierfür nötigen Informationen erhalte ich inzwischen durch die Besuche der Gemeinderatssitzungen und die tägliche Zeitungsschau. Hinzu kommt, dass ich schon immer viel fotografiert habe und dadurch das Ortsgeschehen auch im Bild festhalten kann."

2019 ist Georg Effenberger mit der Fortschreibung der Ortschronik allerdings etwas in Verzug geraten. Bedingt durch eine notwendige Operation und den sich anschließenden Reha-Aufenthalt sind einige Dinge liegen geblieben, die er in den kommenden Wochen so schnell wie möglich aufarbeiten möchte. Ein wenig Kopfzerbrechen bereitet ihm derzeit noch das Fehlen eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin als Ortschronist. "Ewig möchte und kann ich das nicht mehr machen. Aber es sollte schon jemand in meine Fußstapfen treten, der nicht nur Begeisterung dafür aufbringt, sondern auch über genügend Zeit für diese Aufgabe verfügt."

Georg Effenberger selbst möchte noch ein spezielles Projekt zu Ende bringen. Vor zwölf Jahren begann er damit, sämtliche Häuser in der Gemeinde abzulichten. "Nach Möglichkeit will ich bei jedem auch etwas zu seiner Geschichte schreiben, sofern vorhanden, eine alte Aufnahme gegenüberstellen und auch auf die jeweilige Straße eingehen. Das wird mich noch eine Zeitlang auf Trab halten", verrät er.


Ein zeitlich geordneter Überblick

Chroniken gibt es bereits seit dem Altertum. Damals wurde diese Form der Geschichtsschreibung genutzt, um in geraffter Form über wichtige Ereignisse zu berichteten.

Die Werke zielen darauf ab, dem Leser einen zeitlich geordneten Überblick über historische Abläufe zu verschaffen. In der westlichen Welt erlebte die Chronik im hohen und späten Mittelalter ihre Blütezeit. Dabei waren die Schilderungen oftmals nicht im Rahmen von Kalenderjahren, sondern größerer Zeiträume niedergeschrieben. Zum Beispiel im Zusammenhang der Regierungszeiten von Königen und Päpsten.

Deutschsprachige Chroniken tauchen ab dem 12. Jahrhundert auf. Inzwischen reicht die Palette von Welt- über Landes- und Ortschroniken bis hin zu Aufzeichnungen, die die Geschichte von Familien, Schulen oder Unternehmen darstellen. (awo)

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