Warum die Radonfrage so knifflig ist

2016 wurde am Wieckgymnasium der landesweit höchste Wert des gesundheitsschädlichen Edelgases gemessen - ausgerechnet dort hat die Stadt Zwickau noch keine Lösung.

Zwickau.

Voraussichtlich im September oder Oktober will die Zwickauer Stadtverwaltung Maßnahmen vorlegen, mit denen die Radonbelastung im Clara-Wieck-Gymnasium (CWG) verringert werden kann. Das stellte Baubürgermeisterin Kathrin Köhler (CDU) in Aussicht. Wann die nötigen Umbauten erfolgen, wird sich erst dann ergeben. Für Eltern von betroffenen Schülern stellt sich dagegen eine ganz andere Frage: Wieso dauert das alles so lange? An ihren anderen Schulen hat die Stadt das Problem längst in den Griff bekommen; am ebenfalls betroffenen Käthe-Kollwitz-Gymnasium (KKG) wurde erst kürzlich der Einbau von Lüftern vorgenommen. Nur am CWG ist weiter Warten angesagt. Dabei wurde dort 2016 der höchste aller im Freistaat ermittelten Werte gemessen.

In der Frage treffen ganz unterschiedliche Interessen aufeinander. Die Stadt ist bemüht, keine Panik unter den Eltern aufkommen zu lassen, immerhin ist wissenschaftlich weder geklärt, ab welcher Menge das Edelgas Radon krebserregend wirkt, noch ob die Messwerte von 2016 auch den Werten unter laufendem Schulbetrieb entsprechen. Die Eltern hingegen möchten gesundheitsschädliche Einflüsse auf ihre Kinder so weit es geht beseitigt wissen. Oder wie eine Mutter der "Freien Presse" gegenüber vorrechnet: "Unsere Kinder haben rund 200 Tage im Schuljahr sieben Stunden am Tag acht Jahre lang Schulpflicht in einem risikoreichen Gebäude - das sind 11.200 Stunden zuviel."


Wo also liegt das Problem am CWG? Anders als am KKG, wo die hohen Radonwerte ausschließlich im Keller auftraten und deswegen mit dem Einbau zusätzlicher Lüfter in den Fenstern relativ leicht beherrschbar waren, nimmt das Edelgas am CWG offenbar höchst verschlungene Wege. Betroffen sind völlig unterschiedliche Räume in drei Etagen aller Gebäudeteile des alten Schlosses. "Gebräuchliche Ausbreitungsmodelle und Lehrbuchbeispiele für Radon treffen im CWG nur bedingt zu", sagt Gerd Meyer von der Stabsstelle Wismutangelegenheiten, der sich in der Stadtverwaltung federführend um das Thema kümmert. Um den unklaren Ausbreitungswegen des Gases auf die Spur zu kommen, veranlasste die Stadt zahlreiche zusätzliche Messreihen in warmer und kalter Jahreszeit, da sich die Radonkonzentration je nach Wärme unterscheidet.

Besonders stark betroffene Klassenzimmer wie das Biologiezimmer wurden allerdings nicht gesperrt. Laut Meyer gab das dazu keine gutachterlichen Veranlassungen. Der zeitlich begrenzte Aufenthalt führe nur zu einer "äußerst minimalen Erhöhung der Strahlungswirkung". Während in betroffenen Räumen unterschiedliche Lüftungsmethoden ausprobiert wurden, begann die erste richtige Sanierung ausgerechnet im Lehrerzimmer. Laut Meyer sei das aber Zufall gewesen. "Die Sanierung und Neumöblierung der beiden Räume war schon vorher beantragt", sagt er. Man habe in dem Zuge gleich Maßnahmen gegen weitere Radonausbreitung getroffen. Eltern kritisieren, dass die Stadt Gesundheitsrisiken verharmlose und sich nach wie vor zu sehr mit Diagnosen beschäftige. Noch im März wiesen demnach bei Messungen 13 Räume erhöhte Werte auf.

Während die Stadt 2016 freiwillig alle ihre öffentlichen Schulen auf Radon untersuchen ließ, ist die Ausbreitung des Edelgases in städtischen Kindergärten völlig unbekannt. Auf Anfrage von Monika Luther (CDU) in der jüngsten Sitzung des Bauausschusses vor einer Woche musste die Stadt einräumen, dass Kitas bisher nicht untersucht wurden. Ob das in Zukunft vorgesehen ist, blieb offen. Gesetzlich verpflichtet sei man nicht, hieß es.


Lüften als Problemlöser

Das neue Strahlenschutzgesetz von 2018 hat den Referenzwert - der kein Grenzwert ist - für Radonbelastung von 1000 Becquerel pro Kubikmeter Raumluft auf 300 abgesenkt. 2016 waren bei freiwilligen Messungen in acht Zwickauer Schulen Werte über 300 Becquerel aufgetreten. Radon kommt meist aus dem Erdreich. Laut Weltgesundheitsorganisation kann es Lungenkrebs verursachen.

Mit Lüften lässt sich die Konzentration in den meisten Fällen ausreichend absenken. In Zwickau ließen sich die Probleme nach Angaben der Stadt in allen anderen Schulhäusern so lösen, nur in beiden Gymnasien nicht. (ael)

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