Warum man großen Kindern noch 'nen Kaffee kochen soll

Kabarettist und Autor Torsten Sträter ist am Freitag zu Gast in Zwickau gewesen. Der Auftritt war geplant - das Programm offenbar nicht.

Zwickau.

Stellen Sie sich mal ein aufgedrehtes Kind vor. Ein großes, aufgedrehtes Kind. Ein sehr großes. Mit Sakko und oller Jeans und Mütze. Und mit einem Pott Kaffee in der Hand. Marke Herztöter, offenbar.

Ungefähr so wirkt Kabarettist Torsten Sträter am Freitag bei seinem Auftritt im Konzert- und Ballhaus "Neue Welt" in Zwickau. Was kein Wunder ist, denn Sträter stürzt mit einer halben Stunde Verspätung, dafür aber frisch aus dem Am-Freitags-geht's-zurück-in-den-Osten- Stau, auf die Bühne. Das Programm beginnt entsprechend mit einer Entschuldigung, und dann stutzt der Besuch aus dem Westen: Er kann nämlich gar nicht anders, als beim Erstanblick des Jugendstilsaals samt zwei Nummern zu großem Kronleuchter innerlich zusammenzubrechen. "Was ist das hier", fragt er und blinzelt. "Das Speisezimmer vom Glööckler?" Sträter muss sich erstmal sammeln. Er nimmt einen Schluck Kaffee, zum Aufpäppeln.

Der Kaffee ist gut, sagt er. Der Saal ist ... also echt mal ... "Was macht ihr hier sonst für Veranstaltungen?" Sträter steht schon eine halbe Stunde auf der Bühne, aber er ist immer noch nicht richtig da. Er erzählt einfach drauflos, noch hat er keine seiner Geschichten gelesen, aber das Publikum im ausverkauften Saal hat schon ein breites Grinsen in den Gesichtern, als er davon erzählt, wie er eines kalten Tages kurz vor einer Fernsehaufzeichnung in Zedernholzöl gebadet hat. Aus Versehen. Beziehungsweise, weil der das Etikett auf der Flasche nicht gelesen hat. Muss ein hölzerner Auftritt gewesen sein. Und eine Zumutung für die Nebenansitzenden.

Bis zur Pause ist der Kaffeepott leer, aber das Programm hat noch nicht begonnen. Vermutlich. Sträter erzählt zwar eine Geschichte nach der anderen aus seinem Leben, aber er erweckt den Eindruck, als würde er immer noch Zeit überbrücken, bis er endlich auftrittsreif ist. Reif für diesen Saal. Allerdings ändert sich das auch im zweiten Teil nicht. Nur selten schaut er ins Buch, liest dann einen Text, der mit einer Diät beginnt und über übermäßigen Porreegenuss zur vatikanischen Dämonenaustreibung führt. Klar, sobald einer frische ... nun ja ... Winde in den Abend bringt, bekommt das Publikum Atemnot. Vom Lachen, klar.

Und dann sagt Torsten Sträter, dass er immer noch nicht müde ist. Immer noch Bock auf seinen Auftritt hat. Trinkt seinen zweiten Kaffee, sinniert über das traurige Erscheinungsbild von Kaffeepadmaschinen, wird zwischendurch ernst - eigentlich so als säße er auf einer Party mit Freunden am Rande des Buffets, dort, wo man gegen Mitternacht die besten Gespräche führt. Und tatsächlich ist es nur 20 Minuten vor Mitternacht, als er die letzte Pointe ins Schwarze setzt und die Menschen aus der "Neuen Welt" entlässt. Sie gehen nach Hause. Der Gast aus dem Ruhrpott wirft vielleicht nochmal einen Blick in diesen Saal und fährt dann ins Hotel. Wie sie ihn dort ins Bett bringen wollen, ist unklar. Klar ist nur: Für große Jungs ist guter Kaffee eine gute Wahl.

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1Kommentare
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  • 1
    0
    Meisterlein79
    20.11.2018

    Sträter ist einfach nur genial, wir hatten vor ein paar Wochen das Glück ihn in Stuttgart erleben zu können. War ähnlich aufgebaut, Smalltalk mit dem Publikum, Geschichten und Lebensweisheiten. Einfach toll, immer wieder zu empfehlen.



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