Warum Westsachsen auf SUVs abfahren

Sie sind wuchtig, sie sind umstritten - und es werden immer mehr. Noch nie waren auf deutschen Straßen so viele SUVs unterwegs wie heute. Auch im Kreis Zwickau ist das nicht anders.

Zwickau.

Jaguar, BMW, VW, Audi, Skoda, Seat, Ford, Renault, Hyundai. Im Zentrum-Parkhaus in der Zwickauer Innenstadt stehen SUVs vieler Marken und fast jeder Preisklasse. Eine Frau will gerade mit einem VW losfahren. "Mein SUV ist ein kompaktes Auto mit einer erhöhten Sitzposition", begründet sie ihre Kaufentscheidung. "So habe ich als relativ kleine Frau eine gute Sicht. Und der höhere Einstieg ist auch sehr komfortabel, vor allem für ältere Leute. Eine behinderte Tante, die ich manchmal chauffiere, schätzt das sehr."

Dass sie mit ihrer Meinung nicht alleine ist, belegt ein Blick auf die deutschen Zulassungszahlen. In diesem Jahr werden SUVs erstmals die Millionenmarke knacken, meldete kürzlich die Zeitung "Die Welt". Sie berief sich auf eine Prognose des Zentrums für Automobilforschung an der Universität Duisburg-Essen. Der Marktanteil der SUVs steige demnach erstmals über die 30-Prozent-Grenze. Wie viele SUVs im Landkreis Zwickau zugelassen sind, kann zumindest das Landratsamt nicht sagen. Sprecherin Ilona Schilk: "SUV werden ganz normal unter Kombilimousine geführt."


Wer also kann die Frage beantworten, ob die Westsachsen genauso SUV-verliebt sind wie der Rest des Landes? Ohne genaue Verkaufszahlen zu nennen, bestätigt Steffen Seidel, Inhaber des Zwickauer Autohauses Seidel, den Trend. "Diese Autos sehen chic und robust aus. Das gefällt den Kunden", sagt er. Und dann bestätigt er, was die Frau aus dem Parkhaus meint: "Außerdem punkten sie mit einem großen Platzangebot, bequemem Einstieg und erhöhter Sitzposition, die vor allem ältere und behinderte Menschen zu schätzen wissen."

Bequemlichkeit ist das eine, aber wie steht es um den Spritverbrauch? Ein Autofahrer, der in der Zwickauer Innenstadt zum Einkauf im Supermarkt unterwegs ist, ärgert sich: Zwölf bis 13 Liter schlucke sein SUV auf 100 Kilometer. Er überlege deswegen, doch wieder auf einen sparsameren Wagen umzusteigen. Die VW-Fahrerin sieht das anders: "Den Verbrauch kann ich ja mit der Fahrweise beeinflussen. Ich verbrauche im Durchschnitt so um die 6,4Liter Diesel."

Pauschal lässt sich das also nicht beziffern. Ein Blick in die digitale Ausgabe der Zeitschrift "Auto Bild" macht klar: Vom sparsamen Modell bis zum Mega-Spritschlucker gibt der Markt alles her. So hat die Fachredaktion Ende März unter der Überschrift "Diese SUVs geizen mit Sprit" die 25 Modelle mit dem niedrigsten Spritverbrauch vorgestellt. Sie beruft sich dabei auf Testwerte, nicht auf Herstellerangaben. Das Resümee: Rund fünf Liter Verbrauch auf 100 Kilometern seien möglich. Im April dann berichteten "Auto Bild"-Journalisten unter dem Titel "Diese SUVs saufen ordentlich was weg" über Wagen, die bis zu 17,4 Liter Sprit verbrauchen. Autohaus-Chef Steffen Seidel sagt, es gebe SUV-Fahrer, die umweltbewusst seien und Geld sparen wollen. "Nur Kunden, die dicke SUVs mit Allrad und viel PS als Prestigeobjekt kaufen, ist das egal. Aber die kommen nicht in unser Autohaus." Seidel verkauft Dacia und Renault. Die meisten seiner Kunden entschieden sich für Kleinwagen mit Preisen zwischen 10.000 und 20.000 Euro in SUV-Optik, sagt er.

Wie sieht er eigentlich aus, der typische SUV-Fahrer? Ralf Kösling, Verkaufsberater bei Ford Besico in Crimmitschau, macht hinsichtlich Alter und Geschlecht kein spezielles Publikum aus. "Das reicht von Familien mit Kindern bis hin zu Senioren", sagt er. Mirko Vohlde vom Honda-Autohaus Lorenz in Glauchau berichtet, dass die Käufer zwischen 30 und 75 Jahre alt sind. Es handele sich sowohl um Städter als auch Leute vom Land. 60 bis 70 Prozent der Autos, die Vohlde verkauft, sind schon heute SUVs. Tendenz steigend. Benjamin Voigt vom Autohaus "Motor" in Lichtenstein, das VW, Audi und Skoda anbietet, sagt, dass SUV-Modelle eher von Kunden aus dem ländlichen Bereich gekauft würden. Worin er den anderen zustimmt: Er verkauft immer mehr davon. Der Anteil liege schon heute bei rund einem Viertel.

Allerdings ist SUV nicht gleich SUV. Viele haben zwar das typische Aussehen, aber keinen Allradantrieb. Das belegen auch die Zahlen des Kraftfahrzeug-Bundesamtes, die der Zeitungsdienst Südwest jetzt veröffentlich hat. Er hat recherchiert, wie hoch der Bestand von Allrad-SUVs in den kreisfreien Städten und Landkreisen in Deutschland ist. Und da liegt der Kreis Zwickau mit 9,49Prozent auf Platz 275 von insgesamt 400. Weit hinter dem Vogtlandkreis (14,02Prozent, Platz 45).

Neben Anschaffung und Sprit gibt es Kosten des SUV-Trends, die andere tragen: Weil Autos immer größer werden, müssen Kommunen Parkplätze größer anlegen. Ebenso Supermärkte. Für Radfahrer bergen SUVs ein Risiko, da diese höher sind und damit oft die Sicht einschränken. Außerdem: SUVs sind breit bereift und schwer, was zu mehr Reifenabrieb führt. Der bedeutet aber auch mehr Belastung der Umwelt durch Mikroplastik. Das Fraunhofer-Institut hat 2018 herausgefunden: Reifenabrieb ist in Deutschland der mit Abstand größte Verursacher von Mikroplastik. Etwa ein Drittel dieser Emissionen entfallen hierzulande darauf.

Dass manche einen SUV nicht zum Protzen, sondern der Arbeit oder des Ehrenamts wegen haben, zeigt das Beispiel Andreas Trautmann von der Grünen Liga Westsachsen. "Wenn der Skoda Yeti zu den SUVs zählt, dann fahre ich auch einen", sagt er. "Ich bin als Naturschützer oft in unwegsamem Gelände unterwegs. Und als Amphibienexperte muss ich eine sperrige Ausrüstung mitnehmen." Allerdings achte er darauf, nur zu fahren, wenn es wirklich nötig ist. Und dann spritsparend. Außerdem kaufe er keine Neuwagen, sondern gebrauchte.

Für alle, die nicht auf einen SUV verzichten wollen, hat Christian Blumhagen, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fakultät Elektrotechnik der Westsächsischen Hochschule Zwickau, einen Tipp: "Wer die Feinstaubemission im Stadtverkehr möglichst gering halten möchte, für den könnte auch ein Plug-in- Hybridfahrzeug infrage kommen. Diese Autos können gegenwärtig, auch in Folge gesetzlicher Rahmenbedingungen, etwa 40 Kilometer am Stück rein elektrisch fahren." (mit hof)

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