Wie Vorfahren Honigdiebe abschreckten

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Einst hielten Zuaven Wache vor einem Bienenhaus im Saupersdorfer Steinbruch. Ein Kirchberger fand heraus, was es mit diesen finsteren Burschen und deren geheimnisvollen Gürtelschnallen auf sich hatte.

Kirchberg/Blankenhain.

Ein Anruf von einem Imkerfreund war der Auslöser für den 71-jährigen Kirchberger Hans-Jürgen Neß, sich tiefer mit einem interessanten Stück Saupersdorfer Geschichte zu beschäftigen. Der Bekannte war auf der Suche nach einem Bienenschwarm. Neß stutzte, immerhin nannte der Imkerfreund schon etliche Bienenvölker sein Eigen. Einen neuen Schwarm brauchte der nun aber, um zu erkunden, ob man heute noch so imkern kann wie vor 100 und 200Jahren: in übermannshohen Holzfiguren. Der Freund hatte sich von der Figurenbildhauerin Birgit Maria Jönsson eine Holzfrau schnitzen lassen. Die sei typisch für die Region, erklärte er. In einem alten Saupersdorfer Steinbruch sollen solche Figuren einst gestanden haben, erklärte der Freund.

Das Interesse von Hans-Jürgen Neß - seit fast 50 Jahren Imker - war geweckt. Saupersdorf hatte vier Steinbrüche. Welcher war es, und was war dort los? Er durchsuchte Archive und Chroniken, fand Informanten wie Elke und Frank Schröpel, die vieles über die geheimnisumwobenen Figuren und den Steinbruch wussten.

Dieser Steinbruch befand sich auf einem der höchsten Punkte der Saupersdorfer Flur in der Nähe der heutigen Forststraße und hatte um die Wende zum 20. Jahrhundert seine Blütezeit. Unter anderem die Granitstufen vom großen Treppenaufgang für die damals im neogotischen Stil gebaute Dorfschule sollen daraus stammen. Er wurde betrieben von einem Herrn Planitzer. Aufgrund der schwierigen Zufahrt für den Abtransport erwies sich der Steinbruch als unwirtschaftlich, wohl auch aufgrund der Kriegswirren. 1941 wurde er geschlossen. Planitzer verkaufte das Grundstück dem Zwickauer Bauunternehmer Luis Kohlhause, der dort trotz aller Widrigkeiten des Krieges von 1943 bis 1945 eines der schönsten Bienenhäuser der Region errichtete. Dieses Bienenhaus hatte ein Mittelportal mit zwei Wächtern, und war links und rechts mit je 20 Bienenkästen, sogenannten Beuten, ausgestattet. Das Steinbruch-Areal war für Bienenhaltung ideal, weil diese dort vor Wind und Unwetter geschützt waren, sagte der Imker.

Neß wälzte die Chronik seines Imkervereins Kirchberg und Umgebung 1886, um mehr über Kohlhause zu erfahren, fand weder Eintragungen noch Mitgliedsnachweis oder Imkererfolge. Er fand jedoch heraus, dass Kohlhause bei einer der Figuren in den 1950er-Jahren einen Arm und das Gewehr in der bekannten Stellmacherei Biedermann, die sich gegenüber der alten Post befand, erneuern ließ. "Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass Herr Kohlhause über die kulturgeschichtliche Bedeutung dieser Figuren Kenntnis hatte", so Neß. Nach dem Tod von Luis Kohlhause 1963 wurde seine Imkerei zu einem Teil an Gerd Droß veräußert; der andere Teil, darunter auch die zwei Figurenbeuten, fanden ihren Weg zu seinem Imkerfreund Karl Meißner nach Zwickau-Bockwa.

Die Frage blieb: Was waren das für Figuren, die da vor etwa 70 Jahren im Saupersdorfer Steinbruch standen und wo sind sie heute abgeblieben?

Die größte Figurensammlung dieser Art steht im Bienenmuseum Weimar, wusste Neß, der sich diese geschnitzten Figuren bereits im Jahr 2000 angesehen hatte. Neß fragte im Landwirtschaftsmuseum Blankenhain nach und wurde fündig. Museumsdirektor Jürgen Knauss teilte ihm mit: Die Saupersdorfer Figuren, sogenannte Zuaven - mannshohe Figuren, innen hohl, mit Einflugschneisen in der Gürtelschnalle - befinden sich im Deutschen Landwirtschaftsmuseum Schloss Blankenhain und sind Teil der Dauerausstellung zur Kulturgeschichte der Imkerei im Schlossgebäude.

Die Ursprünge solcher Figurenbienenbeuten, so die wissenschaftlich korrekte Bezeichnung, stammen aus dem südlichen deutschen Sprachraum, dort entwickelte sich über viele Jahrhunderte eine typische Waldimkerei, so Neß. Damals holten sich die Zeidler - so wurden die frühen Imker genannt - mitunter ihre hohlen Baumstämme in die Gärten. Es entstanden im Laufe der Jahre aus den Baumstämmen Figurenbeuten, die Honigdiebe vertreiben sollten. Der Ausdruck "Beuten"' hat sich bis in die heutige Zeit erhalten, aber auch der Diebstahl, das "Beutemachen" von Bienen inklusive ihrer Behausung, ist immer noch aktuell, weiß der Saupersdorfer.

In der Ausstellung des Landwirtschaftsmuseums ist von "markanten Werken der bäuerlichen Volkskunst" die Rede, die nur in einem eng begrenzten europäischen Raum verbreitet waren: vom Thüringer Wald über Sachsen und Böhmen bis zum Riesengebirge in Schlesien. "Eine multikulturelle Brückenfunktion zwischen Ost und West brachte eine figürliche Gestaltungswelt von Bienenbeuten hervor, die nirgends sonst auf der Welt zu finden ist", heißt es. Als Zuaven, fand Neß heraus, bezeichnete man die Fremdenlegionäre (franz. Corps des Zouaves), die ab 1830 für die Französische Armee im eroberten Algerien "für Ordnung" sorgten. Sie erlangten hohe Bewunderung für die Werte Kampfgeist, Mut, Tapferkeit und Ausdauer. Dabei war ihre Uniform den klimatischen Bedingungen im orientalischen Stil ideal angepasst, ihre rote halblange Pluderhose, blaue Jacke und Turban galten als ihr Erkennungs- und Markenzeichen.

Genauso sollten die zwei lebensgroßen Zuaven im Saupersdorfer Steinbruch, in ihrem Schilderhaus stehend, mit Mut, Tapferkeit und Ausdauer Tag und Nacht das schöne Bienenhaus und den Vielvölkerstaat bewachen: mit übergroßen aufgerissenen Augen aus Glas, die in der Nacht furchteinflößend wie Katzenaugen leuchteten. Sie kleidet eine Art Lendenschurz mit dem Symbol des Islam: Halbmond und Stern vor rotem Hintergrund. Dieses Teil ließ sich aufklappen und öffnet so den dahinterliegenden Bienenausflug. Der Zuaven zusätzliche Aufgabe war es also, oft mit bösem Blick auch Geister, Dämonen oder auch Honigdiebe abzuhalten. Das Bienenhaus in Saupersdorf war folglich ein Zuhause für 42 Bienenvölker.

Zurück zum Begehr des Freundes: Da Bienenschwärme immer einen Migrationshintergrund haben, kann man einen Schwarm recht problemlos ansiedeln, erklärt Neß. Einige Wochen nach dem Anruf hing in Saupersdorf eine schöne Schwarmtraube am Baum. Neß und sein Imkerfreund fingen sie ein und konnten der frisch geschnitzten Holzfrau letztlich erstes Leben einhauchen. Sie steht nun in Cunersdorf und man darf gespannt sein, wie erfolgreich die hölzerne Dame die Bienenbeuten beschützt. (upa)

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