Wohnungslos und beinahe unsichtbar

Immer mehr junge Menschen im Landkreis haben keinen festen Wohnsitz. Ein Zwickauer Verein will helfen und sucht nach Lösungen.

Zwickau.

Sie sind teils erst 16, haben die Schule oder die Ausbildung geschmissen und kein Geld. Sie sind zu Hause rausgeflogen, klauen, versuchen, den traurigen Alltag mit Drogen zu verdrängen. Sie schlafen beim Kumpel auf dem Sofa, bis sie auch dort rausfliegen. Manche haben nicht mal mehr einen Ausweis, keine Postadresse. Ohne die gibt es kein Arbeitslosengeld, ohne festen Wohnsitz nicht mal einen Pass für die Zwickauer Tafel. Eine wachsende Zahl von Jugendlichen durchlebt diese Situation, sagt der Eckersbacher Streetworker Alexander Beuschel. Um den Betroffenen besser und unkomplizierter zu helfen, hatte sein Arbeitgeber, der Verein "Gemeinsam Ziele erreichen", gestern zu einem Gesprächsforum ins "Haus der Vereine" eingeladen.

Vertreter von Kommunen, Behörden und Vereinen, Jugendhilfeausschussmitglieder und Mitarbeiter von Wohnungsunternehmen diskutierten, wie man die Sorgen der Betroffenen beheben kann. Fazit: Ein Gremium im Landkreis sollte sich mit dem Phänomen der versteckten Wohnungslosen beschäftigen. Meeranes Bürgermeister Lothar Ungerer schlug eine Art Agentur vor, eine Anlaufstelle, in der die jungen Leute kompetent beraten werden - vom Kindergeld zum Hartz-IV-Antrag. Denn Wohnungslosigkeit geht oft einher mit Armut, Schulden, Sucht, Krankheiten, Trennung, Gewalt, Straffälligkeit.


Beuschel kennt 40 Jugendliche, die aktuell von Sofa zu Sofa wechseln. Darunter Mädchen, die körperliche Gegenleistungen dafür erbringen müssen. Auch Petro Richter, Abteilungsleiter Wohnungslosenhilfe der Stadtmission, nennt steigende Klientenzahlen: 2015 waren es 84 Jugendliche, die wegen Wohnungslosigkeit bei der Stadtmission aufschlugen, 2016 waren es 114, 2017 bereits 125: sieben Mädchen und Jungen unter 17 Jahren, 31 zwischen 18 und 21 Jahren sowie 87 22- bis 27-Jährige. Denen helfe man gelegentlich bis zu zwei Jahren. Die Gefahr, aus der eigenen Wohnung wieder rauszufliegen, sei groß.

Für Jugendliche bis 21 Jahre ist theoretisch das Jugendamt zuständig. Doch das gilt bei einigen als Feind. Erst 25-Jährige bekommen Geld für eine Unterkunft vom Jobcenter. Oft gibt es auch kein Darlehen für die Kaution, die ein Vermieter verlangt. "Bestehende Strukturen sind oft zu starr. Die junge Leute brauchen alternative Herangehensweisen", sagt Streetworker Beuschel.

Ungerer forderte mehr Engagement vom Landkreis, der sich um die Jugendlichen kümmern muss. Immerhin speist Meerane die Kreisumlage mit 5,3 Millionen Euro. "Der Kreis funktioniert in seiner Struktur nicht", so Ungerer. Junge Meeraner stünden bereits vor einem Riesenproblem, wenn sie ins Jugendamt nach Werdau müssten. Der Streetworker, den Meerane aus eigener Tasche finanziert, hat derzeit Kontakte mit 33 Betroffenen. Über ein Frühstücksangebot in einer Jugendeinrichtung versuche man, mit den Jugendlichen Hilfepläne zu schmieden.

Im Landratsamt, versicherten Jugendamtsleiterin Marion Käßner und ein Vertreter des Allgemeinen Sozialdienstes, schlagen diese Jugendlichen höchst selten auf. Aktuell weiß man von einem Fall in Glauchau, vier in Werdau und vier in Zwickau. Käßner sagte dennoch: "Es ist richtig, wir müssen etwas verändern, sollten das auch in entsprechenden Gremien diskutieren."

Wohnungslosenhelfer Richter wünscht sich Verfahrensänderungen im Jobcenter, wo der Jugendliche mehrere Ansprechpartner ansteuern muss und mit einem Packen Papier, von dem er wenig versteht, weggeschickt wird.

Nicole Weidlich vom Jobcenter kündigte an, dass die Behörde beginnen wolle, externe Beratungen an Stellen anzubieten, die von Jugendlichen frequentiert werden. Laut Robert Görlach vom Landesarbeitskreises Mobile Jugendarbeit Sachsen werde das in Leipzig schon erfolgreich praktiziert, die Vertreter seien gar mit Kompetenzen ausgestattet, die schnelle Entscheidungen ermöglichen.

Großvermieter sehen den wachsenden sozialen Bedarf seit Jahren. Bei der Gebäude- und Grundstücksgesellschaft Zwickau (GGZ) sucht eine Mitarbeiterin mit den Mietern Auswege, wenn eine Kündigung im Raum steht, sagte GGZ-Mitarbeiterin Susann Schwarzer. Wewobau-Mitarbeiterin Katharina Hartmann: "Die Jugendlichen haben oft keine Ahnung, wie viel eine Wohnung oder auch das Leben kostet." Sie kontaktiert junge Leute über soziale Medien, nicht mit Briefen, begleitet sie auch aufs Jobcenter und wünschte sich dort schnellere Bearbeitungszeiten und deutliche Worte, kein Paragrafenkauderwelsch, am liebsten feste Mitarbeiter für dieses spezielle Klientel.

Um Ordnung ins Chaos zu bringen, fängt die Wohnungslosenhilfe der Stadtmission ganz am Anfang an: mit Möglichkeiten zum Wäschewaschen und einer Postadresse. Petro Richter zufolge nutzen derzeit 86 Zwickauer die Möglichkeit, sich ihre Post dorthin zustellen zu lassen.


Kreis kündigt Regionalkonferenzen an - Stadt Zwickau sieht Ermessensspielräume

Jens Juraschka, Geschäftsführer "Gemeinsam Ziele erreichen" (GZE): "Eine junge Frau, die eine Ausbildung begonnen hatte und ewig auf die Bearbeitung des Bafög-Antrags warten musste, wollte alles hinschmeißen. Sie meinte, mit Hartz VI sei es ihr besser gegangen."

Streetworker Alexander Beuschel: "Jedes der Systeme ist gut durchdacht. Doch wenn sie miteinander in Kontakt treten, knarzt es."

Lothar Ungerer, Bürgermeister von Meerane: "Ich habe einen Riesenrespekt vor meinem Mitarbeiter, der Streetworker, Vater, Großvater und Lehrer in einer Person ist."

Wohnungslosenhelfer Petro Richter: "Einer, der Konflikte mit den Eltern hatte und dann ein Dreivierteljahr im Auto wohnte, weiß nicht, dass man regelmäßig die Mülltonnen rausstellen muss."

Kathrin Resch vom Jugendamt des Landkreises: "Wir haben vor, auf Regionalkonferenzen mit Jugendlichen, Ratsmitgliedern und Interessenten vor Ort ins Gespräch zu kommen."

Ulrich Hänel vom Zwickauer Sozialamt: "Die Spielräume der Kommunen werden noch lange nicht ausgeschöpft. Wo wir ran müssen, ist auch der soziale Wohnungsbau mit langer Zweckbindung."

Martina Schindler, pädagogische Leiterin bei GZE: "Die ganze Gesellschaft ist in Bewegung. Warum nehmen wir nicht die Institutionen mit?"

Selbstbild eines Jugendlichen: "Die anderen sagen alle, ich wäre abgestürzt. Ein Quatsch. Ich war noch nie oben."

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