Zettelwirtschaft macht einigen Händlern zu schaffen

Die seit 1. Januar geltende Bonpflicht betrifft vor allem Metzger, Bäcker und Gemüsehändler. Begeistert sind sie nicht.

Zwickau.

Die Zwickauerin Helga Weigel ist eine Ausnahme. "Den Kassenbon nehme ich immer mit, auch beim Brötchenkauf", sagt sie. Damit gehört sie zu den weniger als einem Prozent der Kunden, die in Bäckereien den Bon überhaupt erst in die Hand nehmen. Laut Bäcker-Innungsobermeister Axel Keßler landen 99 Prozent der Belege sofort im Müll.

Seit Jahresbeginn gilt die Belegpflicht. Viele Betriebe mussten sich eine neue Kasse kaufen, die den vorgegebenen Standards entspricht. Bis zu 4000 Euro muss zum Beispiel ein Fleischer für eine Kasse mit integrierter Waage ausgeben.

Die Belegpflicht betrifft auch den Händler für internationale Lebensmittel Salam-Namaste am Dr.-Friedrichs-Ring in Zwickau. Dort gibt es arabische, türkische und allerhand andere Spezialitäten aus dem asiatischen Raum. "Die Kunden kaufen meistens Waren im Wert von unter 10 Euro", sagt der im Laden angestellte Mohammad Refi. Selbst bei einer Dose Cola muss er nun einen Bon drucken. "Seit dem 1. Januar haben wir deswegen eine neue Kasse", sagt Refi. Die habe rund 300 Euro gekostet.

Die Bonpflicht bei niedrigen Beträgen wie dem Kauf einer Getränkedose findet er unnötig. "Das kostet Zeit, Papierrollen und Druckerpatronen", sagt Refi. Laut ihm verlangt bei Salam-Namaste fast niemand einen Kassenzettel und auch nur die wenigsten nehmen einen mit, wenn er ihnen angeboten wird.

Die Zwickauerin Christine Fischer kauft manchmal im Salam-Namaste ein. Sie hält die Bonpflicht aus Sicht des Staates für eine gute Sache, damit falsche Angaben bei der Steuer bald der Vergangenheit angehören. Wenn sie aber beim Bäcker ein paar Brötchen kauft, erzählt sie, hat sie noch nie einen Beleg mitgenommen.

Für die Feinbäckerei Friedemann in Hohenstein-Ernstthal bedeutet die Bonpflicht vor allem Ärger mit den Kunden. Oft würden sich Leute beschweren oder genervt abwinken, wenn ihnen ein Bon angeboten wird. "Besonders, wenn Kunden Backwaren zu geringen Beträgen kaufen", sagt Geschäftsführerin Bettina Brendel. Laut ihrer Erfahrung nimmt einer von hundert Kunden den Bon mit. Trotzdem muss jeder Kunde deswegen gefragt werden. Eine zusätzliche Papierflut bedeute die neue Gesetzgebung für die Feinbäckerei jedoch nicht, da dort bereits seit 2016 die Papierrollen automatisch bei allen Kassen mitlaufen. Dennoch kommt das Geschäft nicht darum herum, noch einmal neue Kassen anzuschaffen. Brendel rechnet mit Zusatzkosten im vierstelligen Bereich, für sogenannte Touchkassen, die Informationen zu Zahlungsvorgängen digital speichern.

Etwas verunsichert reagiert hingegen Ilka Bachmann aus Glauchau, wenn es um die Pflicht zur Ausgabe von Kaufnachweisen geht. Über den Winter betreibt sie eine kleine Imbissbude an der Eisbahn beim Glauchauer Gründelteich. Während des Sommers kümmert sie sich um die Gondelstation an dem Gewässer. "Wir haben dafür keine technische Voraussetzungen", sagt Bachmann bezüglich des Registrierkassensystems. (mit sto/akli)


Pro und Contra

Nicht die Bonpflicht, sondern Steuerbetrug richtet Schaden an, meint Michael Stellner. Bäcker haben doch früher auch nie geklagt, dass sie so viel Verpackung verwenden.

Berge von Papiermüll. Umstandskrämerei an der Kasse. Ein ganzer Berufsstand wird unter Generalverdacht gestellt. Das sind die drei am häufigsten genannten Argumente gegen die Bonpflicht. Der Widerstand ist groß, schließlich wollen Gastronomen und Einzelhändler weiter Steuern hinterziehen. Aber Moment, da sind wir ja schon beim Generalverdacht, den man bekanntlich auf gar keinen Fall äußern darf. Wahrscheinlich selbst dann nicht, wenn wirklich die prognostizierten 10 Milliarden Euro zusätzlich in der Staatskasse landen.

Überhaupt ist bemerkenswert, wie leidenschaftlich manche jetzt für Umweltschutz plädieren. Die bösen Kassenbelege verursachen schließlich einen gigantischen Papierberg, teils müssen sie als Sondermüll* entsorgt werden. Nur: Haben Konditoren vorher je geklagt, dass sie so viele Plastikfolien zwischen die einzelnen Kuchenstücke stecken müssen? Beschweren sich Bäcker, dass die Kundschaft die Ware immer in Beuteln mitnimmt?

Österreich, Italien, Portugal und weitere Länder haben die Belegpflicht eingeführt, ohne dass die Wirtschaft oder die Umwelt zusammengebrochen sind. Überall tauchten unverhofft Milliardensummen in den Staatskassen auf. Viele mögen ein gespaltenes Verhältnis zu Steuern haben, aber Steuerhinterziehung ist eben noch immer Diebstahl an der Allgemeinheit. (ael)


Um Steuerbetrug zu bekämpfen, muss man keine Berge Sondermüll produzieren, findet Viola Martin. Da gibt es in der heutigen Zeit sicher andere Möglichkeiten.

Nicht nur Bäcker und Verkäufer schütteln mit dem Kopf angesichts der Kassenbonpflicht. Auch Kunden, die gar keinen Bon für ihre Brötchen oder das Brot haben wollen, ärgern sich, dass der Zettel ausgedruckt werden muss und sofort im Papierkorb landet. Mir geht es nicht anders.

Sicher ist es wichtig und richtig, Steuerbetrug wirksam zu bekämpfen. Schließlich braucht unser Staat diese Steuern, beispielsweise für eine gute Bildungs- und Sicherheitspolitik, für ordentliche Straßen und Brücken, für das Betreiben von Museen und vieles mehr. Aber ich frage mich, ob die Bonpflicht das richtige und zeitgemäße Mittel ist, den Schaden, der durch Kassenmanipulationen unbestritten entsteht, wirksam zu bekämpfen. Wir bemühen uns um weniger Verpackungsmüll und produzieren jetzt gleichzeitig kilometerlange Zwangsbonstreifen, die als Sondermüll entsorgt werden müssen. Da gibt es in der heutigen Zeit doch sicher andere Möglichkeiten, Kassensysteme manipulationssicher zu machen.

Bei mir kommt der Verdacht auf, dass man mit der Bonpflicht erst einmal den Steuerbetrug bei den kleinen Firmen bekämpfen will, weil man sich an die großen nicht herantraut. Einige von ihnen nutzen weiterhin weltweit Steueroasen, um am deutschen Fiskus vorbei Abgaben zu sparen. Da wären sicherlich viele Millionen Euro mehr zu holen. (vim)

 

*Dass die Belege teils als Sondermüll entsorgt werden müssen, ist falsch. Kassenbelege werden zwar teils auf Thermopapier gedruckt und daher von einigen als Sondermüll angesehen, können tatsächlich aber im Restmüll entsorgt werden.

10Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    Hinterfragt
    09.01.2020

    "...Zettel und Geldkassette waren bis jetzt immer dort der Standart und ich glaube nicht dass sich das geändert hat. ..."
    Na, schau mal einer guck!
    Und wie werden dann dort die Einnahmen registriert, wie z.B. beim Bäcker an der Kasse ohne "sinnlosen" Bon???

  • 1
    0
    872889
    08.01.2020

    Und die vielen sinnlosen Kaffeebecher sollte man auch nicht vergessen, @quatschkopf. Einfach nur scheinheilig, die ganze Diskussion.

  • 3
    5
    quatschkopf
    08.01.2020

    Ich glaube nicht dass die eine derartige Kasse haben. Zettel und Geldkassette waren bis jetzt immer dort der Standart und ich glaube nicht dass sich das geändert hat.
    Aber schon komisch dass sich einige Bäcker darüber aufregen dass sie Kassenzettel weg werfen müssen. Die vielen Papiertüten und Plastikbeutel die sie jeden Tag raus heben wandern auch meist am gleichen Tag in den Müll. Interessiert aber augenscheinlich viel weniger.
    Hier geht es dich eher darum dass es neue Vorschriften gibt und dass man da erst mal grundsätzlich dagegen ist. Gründe findet man dann schon welche.

  • 2
    0
    Hinterfragt
    08.01.2020

    "... Beim Imbiss heute Mittag bekam ich keinen Bon..."
    Hätten Sie doch verlangen können ...

  • 4
    4
    quatschkopf
    08.01.2020

    Also unser örtlicher Bäcker und Fleischer hat schon seit Jahren eine solche Kasse. Ich finde das Mimimi darüber stark übertrieben. Beim Imbiss heute Mittag bekam ich keinen Bon. Gerade da würde ich mir aber einen wünschen um mal die Preise nachvollziehen zu können.
    So eine Kasse ist heutzutage nun kein Hexenwerk mehr.

  • 0
    9
    2PLUTO6
    08.01.2020

    Ich gehe mal stark davon aus, das alle Daumen nach unten, dann auch Steuern zahlen müßten!

  • 5
    12
    2PLUTO6
    08.01.2020

    Und nochwas, ehe dem kleinen Mann die Hosentaschen von innen nach außen gewendet werden, sollen erstmal unsere zig tausend Beamten und Politiker angemessen an den Abgaben beteiligt werden!
    Erst dann könnten derartige Maßnahmen gerechtfertigt sein!

  • 3
    11
    2PLUTO6
    08.01.2020

    Übrigens, noch als Ergänzung zu dem vorangegangenen Artikel: Steuerhinterziehung, ist nicht nur hinterzogene, also nicht gezahlte Steuer, sondern auch Verschleuderung und Verschwendung von Steuergeldern! Wer kümmert sich eigentlich "effektiv" darum, und wer wird letztlich dafür zur Verantwortung gezogen???

  • 2
    10
    Interessierte
    08.01.2020

    Den Bon drucken , würde Zeit kosten ….
    Die Frage , ob man den mitnehmen will oder nicht und die gesamte Diskutiererei darum aber auch ...

  • 6
    11
    2PLUTO6
    08.01.2020

    Hier geht es wirklich niemanden um den Kassenbon, hier geht es nur noch um die "Kohle"! Und dem Staat ist letztlich jedes Mittel recht, um den Bürgern, den allerletzten Cent aus dem Kreuz zu ziehen. Koste es was es wolle! Dabei ist es doch dem Staat, scheißegal, ob dabei eine riesengroße Umweltsünde begangen wird!
    Mich wundert nur, daß sich das Alle noch so gefallen lassen!
    Es müßte jeder, den dieser Unsinn betrifft, sofort aufs Gewerbeamt gehen und sein Geschäft abmelden, mal sehen was dann passieren würde! Aber leider sind sich die Menschen, nicht mehr so einig, wie noch vor30 Jahren!



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