Ziel: Eine Stadt des Gemeinsinns

In Zwickau gibt es viele Ideen, um Bürgerarbeit zu unterstützen. So könnten Ehrenamtliche als Dank fürs Engagement kostenlos Bus und Bahn fahren.

Zwickau.

Schon der Terminkalender von Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) an Samstagvormittag zeigte einen Schwachpunkt bei der Arbeit mit dem Bürgerengagement in Zwickau: Während die Selbsthilfegruppen sich im Rathaus vorstellten (Bericht auf Seite 15) und die OB um 9 Uhr diese Veranstaltung eröffnete, war sie eine Stunde später und gut 2,5 Kilometer entfernt beim Verein "Aktiv ab 50" und hielt dort ein Grußwort. Der Verein warb in seinem Domizil in der Kopernikusstraße um Mitstreiter. Dabei wären doch die ehrenamtlichen Helfer genau das, was auch Selbsthilfegruppen oft händeringend suchen. Für Findeiß ein Beispiel für notwendige Veränderungen beziehungsweise Verbesserungen: "Wir müssen hier in Zukunft stärker voneinander wissen, miteinander reden und koordinieren."

Die ehrenamtlichen Helfer sind aber nicht nur bei Krankheit und Pflege gefragt: Sie kümmern sich beispielsweise auch um Hausaufgaben bei Kindern, engagieren sich in Sportvereinen als Übungsleiter oder übernehmen kleine Handwerksleistungen. Unentgeltlich. "Engagement beginnt nicht damit, zu fragen, was gibt mir der Staat, sondern was kann ich selbst einbringen", sagte Susanne Hartzsch-Trauer. Sie ist Koordinatorin Mehrgenerationenhaus beim SOS-Kinderdorf und möchte dabei dafür sorgen, dass jedes Kind ein liebevolles Zuhause erhält.

Hartzsch-Trauer bescheinigte der Stadt Erfolge bei der Bürgerarbeit, verwies aber zugleich auf fehlende, jedoch dringend notwendige Projekte und Entwicklungen. Ein Netzwerk für Pflegende gehört unter anderem dazu. Mit dem Pflegestärkungsgesetz hat die Bundesregierung bereits einige deutliche Verbesserungen für pflegende Angehörige geschaffen. Die Pflege von Angehörigen kostet aber nicht nur Kraft und Zeit, sie macht häufig auch einsam. Deshalb sollte laut Hartzsch-Trauer noch mehr Austausch der Pflegenden und Unterstützung vor Ort organisiert werden. "Ich möchte gern in einer familienfreundlichen, offenen Stadt wohnen, in der sich alle Menschen wohlfühlen und viele gemeinsam engagieren", so ihr Wunsch. "Wenn ich das in Zwickau nicht leben kann, dann ziehen wir weg."

Eine Ehrenamtscard ist der Wunsch von Christiana Tröger, die sich unter anderem in der Seniorenvertretung Zwickau engagiert. Wer die besitzt, könnte dann kostenlos Bus und Bahn fahren "Bei vielen Rentnern ist das Geld knapp. Anders als im Westen gibt es in Ostdeutschland zur eigenen Rente kaum weitere Einkünfte wie Betriebsrenten oder Mieteinnahmen", sagte Tröger. Finanziert werden könnte das mit der vom Freistaat finanzierten Ehrenamtspauschale. Für Landkreis und Stadt Zwickau gibt es zusammen 50.000 Euro.

Tröger hat die Erfahrung gemacht, dass viele Männer und Frauen im Vorruhestand sich gern einbringen würden, allerdings nicht wissen, wie und wo. Hier müssten die Möglichkeiten in Zukunft viel stärker kommuniziert werden. Außerdem sei Weiterbildung sehr wichtig. Oftmals gibt es dazu noch im Berufsleben Möglichkeiten. "Ich habe eine Coachingausbildung, die mir bei der ehrenamtlichen Arbeit sehr hilft", sagte Tröger. Aber auch für Helfer im Ruhestand sollte es ständige Weiterbildungen geben.


Kommentar: Unterstützung nötig

Die westdeutschen Länder sind den ostdeutschen nicht nur bei Produktivität oder Einkommen voraus. Auch bei der Bürgerarbeit und ihrer Finanzierung gibt es einen Vorsprung. In den alten Ländern waren und sind es vor allem Frauen, die sich zunächst in Zeiten der Kinderbetreuung für das Gemeinwohl engagieren. Ob es der Wunsch nach gegenseitiger Unterstützung ist oder das Einfach-mal-rauskommen - jeder und jede hat dabei eigene Prämissen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, wird die unentgeltliche Arbeit beibehalten. Auch hierzulande gibt es durch Altersteilzeit oder die Rente mit 63 noch viele Zwickauer, die Wissen und Erfahrung einbringen können. Hier braucht es Unterstützung und Förderungen, denn den Vereinen fehlt noch für manches wünschenswerte Projekt das nötige Geld.

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