Zwangspause für Bahn zum Hauptbahnhof

Ab dem 15. Dezember soll für mindestens drei Jahre keine Straßenbahn mehr zum Hauptbahnhof fahren - die Gleise sind kaputt. Was bedeutet das für Fahrgäste?

Zwickau.

Die Straßenbahn zum Zwickauer Hauptbahnhof fährt nur noch zwei Monate. Ab dem 15. Dezember wird die Linie vorerst eingestellt, sagten Vertreter der Städtischen Verkehrsbetriebe Zwickau (SVZ) und der Stadtverwaltung in einem Pressegespräch am Donnerstagvormittag.

Als Grund für die Stilllegung nannte SVZ-Geschäftsführerin Anett Glöckner den schlechten Zustand der Gleise auf dem Bahnhofsvorplatz. Diese seien 1984 verlegt worden und nach 35 Jahren Dauerbetrieb so verschlissen, dass eine weitere Nutzung eine Gefahr darstellen würde. Schon jetzt seien Grenzwerte unterschritten, Räder würden zu tief in die Gleise einsinken, man fahre auf Spurrillen.

Die Straßenbahn soll erst dann wieder den Hauptbahnhof ansteuern, wenn der Bahnhofsvorplatz umgestaltet und fertig saniert ist. Glöckner rechnet damit nicht vor dem Jahr 2023. Die Gleise jetzt noch zu erneuern, um den Fahrbetrieb aufrecht zu erhalten, würde 400.000Euro kosten und sei damit unwirtschaftlich - mit der geplanten Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes müssten sie ohnehin neu verlegt werden.

Die Einstellung hat Auswirkungen auf den Fahrplan. Die Straßenbahnlinien 5 und 7, die beide zum Hauptbahnhof fahren, entfallen komplett. Die Linie 4, die den Stadtteil Pölbitz mit dem städtischen Krankenhaus in Marienthal verbindet, soll dafür verstärkt werden, sodass sie Montag bis Freitag im Zehn-Minuten-Takt fährt. Die Buslinie 10 erhält ebenfalls in der Hauptverkehrszeit einen Zehn-Minuten-Takt. In den Morgenstunden ab 5 Uhr sollen zusätzliche Busse Frühaufsteher vom Neumarkt zum Hauptbahnhof bringen. Unabhängig von der SVZ können Reisende aber auch weiterhin auf Schienen mit der Vogtlandbahn vom Hauptbahnhof in die Innenstadt fahren. Endstation im Stadtzentrum ist dabei die Haltestelle Innere Schneeberger Straße.

Der technische K. o. für die Bahnhof-Tram könnte den 2017 erst nach vielen Anläufen zustande gekommenen Kompromiss im Stadtrat wieder zum Wackeln bringen. Erst nach einem Veto von Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) einigte sich der Stadtrat damals darauf, die Linie zum Hauptbahnhof zu erhalten. Damals damit verbunden: Eine neue Straßenbahn-Spange zwischen Hauptbahnhof und Werdauer Straße. Ein teures und im Stadtrat hoch umstrittenes Projekt, das in der vergangenen Legislaturperiode bei CDU, AfD und Teilen der Linksfraktion auf wenig Gegenliebe stieß. Laut Stadtverwaltung ist es aber sinnvoll und notwendig, da so mehr Fahrgäste befördert werden können, die die Linie zum Bahnhof rentabler machen. Grundsätzlich gelten die Straßenbahnen zum Hauptbahnhof als schlecht ausgelastet. Aktuelle Zahlen konnte SVZ-Chefin Glöckner am Donnerstag nicht nennen, die Lage sei aber unverändert.

Als wichtigste Befürworterin der Straßenbahn gilt OB Findeiß. "Ich stehe zu den Beschlüssen des Stadtrats, und ich stehe auch zur Straßenbahn", sagte sie. Gerade der Bahnhofsvorplatz müsse dringend umgestaltet werden. "Wer zum ersten Mal nach Zwickau kommt, fragt sich dort: Wo bin ich hier? Ist das noch das 21. Jahrhundert?", sagte sie.

Die Oberbürgermeisterin weiß aber auch, dass seit der jüngsten Wahl weitaus mehr Gegner der Straßenbahn im Stadtrat sitzen. "Und wir wissen alle, dass die Möglichkeit immer gegeben ist, Beschlüsse auch einmal zu ändern." In seinem Beschluss hatte sich der Stadtrat ausbedungen, über jeden Planungsschritt separat abstimmen zu dürfen. Die Möglichkeit, die teure Straßenbahnspange noch zu kippen, war daher bewusst als Kompromiss aufgenommen worden.

Vorerst geht die Stadtverwaltung davon aus, dass die Straßenbahn wie vom Stadtrat beschlossen weiter zum Hauptbahnhof fahren und auch die Spange nach Marienthal geplant werden soll. Deswegen will Baubürgermeisterin Kathrin Köhler (CDU) Anfang 2020 den zuständigen Gremien entsprechende Planungen für den Vorplatz vorlegen. "Wir werden ihn mit Straßenbahn vorschlagen", sagte Köhler. Vorgesehen ist, die Gleise näher ans Bahnhofsgebäude heranzuführen. Im Rathaus ist man gespannt, wie die Stadträte auf die Planung reagieren.

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4Kommentare
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    0
    Zeitungss
    19.10.2019

    Gut, zwei Straßenbahngegner haben wir schon einmal. Für mich ist es heute noch schleierhaft, wie damals ein direkter Bahnanschluss (Vogtlandbahn) bis ins Stadtzentrum zu Stande kam, was hohe Kosten bei Anlagen und Fahrzeugen erforderte. Fast alle Städte mit einem solchen Verkehrsmittel (Strab) haben eine Anschluss zum Bahnhof. Für Zwickau wäre die einzige Erklärung, es fehlt der Fernverkehr was soll also die Strab. zum Bahnhof. Die Buslobby ist demnach recht aktiv und wird auch Gehör finden, Umwelt spielt hier keine Rolle mehr und von den Grünen hört man auch nichts. Anders wäre es möglicherweise, wenn Mosel keine Flurförderfahrzeuge sondern Straßenbahnen herstellen würde.

  • 0
    2
    Zeitungss
    18.10.2019

    Der Gedankengang des Stadtrates wird hauptsächlich von der angedachten Verkehrswende geprägt. Im Rück- und wieder Aufbau der Straßenbahn hat die Stadt Zwickau einige Erfahrungen anzubieten, bleibt zu hoffen, dass in anderen Städten die Vernunft die Oberhand behält.
    Die Zwickauer Bürger wird es erfahrungsgemäß wenig bis gar nicht interessieren.

  • 1
    0
    Tokeah
    18.10.2019

    Im letzten und im vorletzten Jahr waren die Linien 5 und 7 auch schonmal in der Ferienzeit wegen Baumaßnahmen anderenorts in Zwickau für einige Zeit nicht am Hauptbahnhof vorgefahren. Statt dessen übernahm die Linie 10 die Zubringung dorthin.
    Die SVZ hat danach festgestellt, dass die Auslastung auf dieser Linie höher war und zwischen Georgenplatz und Hauptbahnhof gemessen an dieser Strecke die Zustiege und Ausstiege bzw. Umstiege im ähnlichen Zahlenbereich lagen wie mit den beiden Tramlinien auch.
    Mein Gedankengang zu dieser Maßnahme, also nur die 10 zum Hbf. fahren zu lassen, war, dass man wohl seinerzeit Zahlen darüber haben wollte, wie es im Ergebnis ausfallen würde, wenn man die Situation hätte, als würden beide Linien nicht mehr zum Bahnhof fahren müssen, sollen...wie auch immer.
    Allerdings ist in diesem Gedankenspiel nicht die Spange zur Werdauer gedacht, da es diese ja noch nicht gibt.
    Ob diese nach 2023 auch kommt, liegt noch gar nicht Spruchreif vor, denn der Stadtrat kann den bereits dafür vorliegenden Beschluss auch nochmals kippen. Laut dem Artikel der FP sitzen im derzeitigen Rat mehr Gegner der Spange als Befürworter.
    Die Trams wenigstens noch bis 31.12. fahren zu lassen wäre meines Erachtens vielleicht nochmal eine Überlegung wert.
    Wenn sie dann drei Jahre beide nicht mehr fahren, birgt das den Umstand, dass sie gar nicht mehr dort entlang fahren und die Busse deren Takt übernehmen könnten.
    Bedeutet: die Spange käme nicht, Gleise werden so am Bahnhof und für die Spange gespart und damit Geld für künftige Reparaturen und Erneuerungen.
    So würden in Zwickau nur noch die Linien 3 und 4 verbleiben.

  • 5
    0
    branderweg
    18.10.2019

    Schade, dass es zu einer Zwangspause kommt und keine Kontinuität in der Tram-Anbindung des Hauptbahnhofes gewährleistet wird. Hoffentlich ist die Zwischenzeit nicht zu lang und nicht doch länger, als derzeit vorgesehen. Meine Befürchtung: die Straßenbahn zum Hauptbahnhof ist dann aus den Augen - aus dem Sinn, und vielleicht dauerhaft verbannt. Nun sollte die Interimszeit unbedingt genutzt werden, beste Anschlussbedingungen am Neumarkt und am Hbf. umzusetzen. So wäre z.B. eine Verschiebung der Bus-10-Haltestellen direkt vor den Bahnhofseingang geboten, um die heutigen Wege abzukürzen. Schließlich ist sie die Buslinie mit dem engsten Takt und den meisten potenziellen Fahrgästen am Bahnhofsvorplatz... Und auch die neuen Plusbusse brauchen eine gute Lösung für mehrere Jahre Bauzeit im Umfeld des Bahnhofs...



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