Zwei Hände sagen mehr als tausend Worte

Seit 20 Jahren gibt es die Landesarbeitsgemeinschaft der Dozenten für Gebärdensprache. Zwickau bietet ihnen einmalig gute Bedingungen.

Zwickau.

Der Finger von Ines Schütte geht energisch nach oben, ihre Augen werden groß. Auch ohne Dolmetscherin Angelika Lorenz ist die Antwort zu verstehen: Es gibt einen deutlichen Anstieg. Die Frage dazu lautete, ob der Bedarf an Gebärdensprach-Dolmetschern und damit auch an Dozenten gestiegen ist.

Ines Schütte gehört zu einem besonderen Kreis: Die Zwickauerin ist eine von 20 Gebärdensprach-Dozentinnen in Sachsen. Sie kann das Wissen um die Sprache weitergeben, sie sorgt dafür, dass Gehörlose wie Hörende diese Sprache lernen können. Organisiert sind die Lehrenden in der Landesarbeitsgemeinschaft der Dozenten für Gebärdensprache, die am heutigen Samstag mit einer Festveranstaltung ihr 20-jähriges Bestehen feiert. Damit gab es den Zusammenschluss der Lehrenden, noch ehe die Deutsche Gebärdensprache - kurz DGS - vom Gesetz als eigenständige Sprache anerkannt war.


Ines Schütte, zweite Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, liegt viel an der DGS. Es ist ihre Muttersprache. Denn die Dozentin ist - wie die anderen auch - gehörlos. Zwar kann sie die deutsche Schriftsprache lesen, aber das nicht wie ihre eigene, sondern wie eine Fremdsprache. Die DGS - das ist eben kein mit Händen dargestelltes Deutsch, sondern eine ganz eigenständige Sprache. Eine eigene Art, sich auszudrücken, mit eigener Grammatik.

An der Westsächsischen Hochschule in Zwickau bildet Ines Schütte Gebärdensprach-Dolmetscher aus. Das sind Hörende, die Gesagtes in Gebärden übertragen. "Sie sind Dienstleister", erläutert sie. Doch die Dozenten helfen auch anderen Menschen, ihre Sprache zu erlernen. In Volkshochschulen beispielsweise sitzen sie oft Ärzten oder Pflegekräften gegenüber, ebenso Mitarbeitern von Ämtern, die sich bemühen, bei ihrer Arbeit Kommunikationsbarrieren aus dem Weg zu räumen.

Schätzungen sagen, dass es in Sachsen rund 5000 gehörlose Menschen gibt, in ganz Deutschland sind es um die 80.000. Früher galten sie oftmals als dumm, inzwischen ist klar, dass dies ein haltloses Vorurteil ist. Gehörlose finden zunehmend ihren Platz in der Gesellschaft. Vereinsvorsitzende Simone Graf beispielsweise arbeitet bei einer Bank und unterrichtet die Sprache nur nebenberuflich. Auf die Frage, ob sie es schlimm findet, nicht hören zu können, schüttelt sie mit dem Kopf. Es geht ihr gut, sie kommt zurecht, versichert sie. Aber sie sagt auch, dass es für Spätertaubte schlimm sein müsse, auf das Hören zu verzichten.

Die meisten Gehörlosen kommen im Alltag gut klar, sofern sie Menschen um sich haben, mit denen sie sich in Gebärdensprache austauschen können. Knifflig wird es beispielsweise immer dann, wenn Schreiben an Ämter anstehen - denn diese Form des Deutschen ist schwer zu verstehen. Hilfe gibt es dann entweder von der Landesdolmetscherzentrale oder dem Gehörlosenzentrum. Beide Einrichtungen befinden sich unter dem selben Dach wie die Landesarbeitsgemeinschaft. "Das ist eine Besonderheit", sagt René Biela von der Dolmetscherzentrale. "Es ermöglicht uns eine viel bessere Zusammenarbeit - und es ist in Deutschland einmalig. Zwickau bekommt dafür von außerhalb sehr viel Zuspruch", sagt er.

Aus diesem Grund feiern die DGS-Dozenten auch nicht allein unter sich. Sie haben sich noch gut 30weitere Gäste eingeladen. Damit es den Gehörlosen leicht gemacht werden kann, in der Mitte der Gesellschaft zu bleiben.

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