Zwickau erinnert an NSU-Opfer

Bewohner der Stadt, in der die Terroristen zuletzt wohnten, machen das sinnlos vergossene Blut unvergessen und fordern weiter Aufklärung.

Zwickau.

Mehr als 200 Menschen haben sich am Dienstagabend auf dem Zwickauer Hauptmarkt versammelt, um der Opfer des NSU-Terrors zu gedenken. Mit roten Kerzen, die das Blut der zehn Toten symbolisieren sollten, erinnerten sie an die Opfer der zuletzt in Zwickau wohnhaften Täter. Aufgerufen dazu hatte ein zivilgesellschaftliches Bündnis aus acht Vereinen und dem Theater Plauen-Zwickau.

Bereits am Vormittag begann eine Handvoll Frauen und Männer im strömenden Regen, ein 2,90 Meter hohes Gestell für zehn Plakate aufzubauen. Sie zeigten die zehn Terroropfer: Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter. Der Münsteraner Künstler Thomas Ufer stellte den Zwickauern die Plakate zur Verfügung. Von einem Tonbandgerät erklangen weithin hörbar Stimmen von Angehörigen und deren Wünsche an die Gesellschaft, an Deutschland als ein gerechtes Land, in dem Rechtschaffene geschützt und gestützt werden sollten. Mitinitiator Jörg Banitz zufolge wurden die Stimmen vom Kölner NSU-Tribunal zusammengetragen. Zu hören war die Frau von Blumenhändler Simsek, die selbst verdächtigt wurde, Schuld am Tod ihres Mannes gewesen zu sein, der am 9. September 2000 von neun Schüssen lebensgefährlich verletzt wurde. Der damals 38-Jährige lebte noch, als die Täter ihn fotografierten. Sie ließen ihn schwer verletzt in seinem Lieferwagen liegen. Ärzte konnten ihn nicht mehr retten. Zwei Tage später starb er.

Boulgarides' Bruder berichtet davon, was für ein toller Mensch sein Bruder war, dem die Polizei kriminelle Machenschaften unterstellt hatte. "Erst durch die Selbstenttarnung des NSU wandelte sich das Bild der Behörden", erinnerte Banitz. Plötzlich entdeckte man ein riesiges behördliches Netzwerk, das alles beobachtet hatte und viel wusste. Was genau und wer noch Schuld trägt - diese Fragen quälen Angehörige bis heute. Sie klagen den institutionellen Rassismus an und fragen, was Aufgabe des Verfassungsschutzes sein darf. "Ihre Wünsche sind Auftrag für uns als Gesellschaft", sagte Mitinitiatorin Susanne Trauer. Die Aufarbeitung müsse weiter gehen und vor allem müssten jene, die gleich um die Ecke ihr Brot verdienen und Steuern zahlen, beschützt werden: Kioskbetreiber, Gemüse- und Blumenhändler, Schneider, Imbissbesitzer, Dönerverkäufer.

Was empfinden Sie, wenn Sie vorübergehen? Das wollte die "Freie Presse" am Mittag von Passanten wissen. Eine ältere Dame winkte ab und ging weiter. Ein Herr mittleren Alters meinte kopfschüttelnd, dass ihn solche Aktionen eher zornig machen. Zu viele Dinge seien absurd oder unklar. "Was wäre passiert, wenn die Täter nicht vom Verfassungsschutz geführt worden wären? Warum sind die so weit gefahren, um Ausländer zu töten?" Eine Frau mittleren Alters erklärte, dass sie der Prozess sehr berührt habe: "Vor allem das zynische Lächeln der Zschäpe - das ist die schlimmste Provokation für alle anderen", sagte sie.

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