Zwickau im Schnelldurchlauf

Bundesfamilienmministerin Franziska Giffey war am Freitag zu Gast. Man stellte ihr vor allem die engagierten Muldestädter vor.

Zwickau.

Das Umschalten fällt ihr nicht leicht. Als Franziska Giffey (SPD) auf dem Zwickauer Hauptmarkt ankommt, braucht sie erst ein paar Minuten, braucht ein kurzes Gespräch mit ihren Gastgebern, ehe sie lächelnd in ihrer nächsten Aufgabe aufgehen kann. Eben war sie noch in Chemnitz und hat dort Blumen niedergelegt, wo vor wenigen Tagen ein Mensch sterben musste. Nun ist sie in Zwickau und möchte sich über bürgerschaftliches Engagement informieren. Zwei Facetten des Amtes der Bundesfamilienministerin, zwei Facetten auch des Freistaats Sachsen.

Als sie sich ins Goldene Buch der Stadt einträgt, strahlt die Sozialdemokratin schon wieder übers ganze Gesicht. Sie sitzt im Fokus eines halben Dutzend Kameras, denn sie wird nicht nur von Journalisten unterschiedlicher Medien begleitet, sie hat auch ein eigenes Social-Media-Team dabei, das die Sommerreise der Ministerin für Internet und Co. aufbereitet. Franziska Giffey schreibt den Zwickauern einen Gruß hinein und eine Gratulation zu ihrer aufgeblühten Stadt - dabei hat sie von der Stadt noch gar nicht viel gesehen. Das aber wird sich in den nächsten knapp zweieinhalb Stunden ändern. Oberbürgermeisterin Pia Findeiß führt ihre Parteifreundin durch die Stadt - auf einer Route, die vom Rathaus bis zum Mehrgenerationenhaus an der Kolpingstraße so viele Schmuckstücke wie möglich zeigt. "Bei dem, was sie eigentlich alles sehen wollte, hätten wir vier Stunden gebraucht", sagt Pia Findeiß am Rande. Doch der spontane Besuch in Chemnitz hat dem seit Wochen geplanten Besuch in Zwickau einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Und dennoch: Niemand beschwert sich über die kürzer gewordene Möglichkeit, mit der Ministerin zu reden. Die Geste in Chemnitz, die Anteilnahme sind für jeden wichtig. Am Ende wird Susanne Trauer vom Mehrgenerationenhaus des SOS-Kinderdorfvereins sagen, dass sie die Zeit gern abgegeben hat. "Wir fühlen uns solidarisch mit den Chemnitzern. Wir hätten uns damals auch einen Besuch von Ministerpräsident Tillich gewünscht." Damals, als die Wahrheit über den Nationalsozialistischen Untergrund ans Licht kam, als Zwickau fürchtete, für immer als brauner Sumpf abgestempelt zu sein.

Inzwischen führt Pia Findeiß ihre Gäste durch die Stadt und spricht über wesentlich attraktivere Episoden der Zwickauer Geschichte: die Reformation an der Katharinenkirche, den Wiederaufbau von Schloss Osterstein und die Restaurierung des Kornhauses mit seinem einmaligen Kaltdach. Die Ministerin staunt anerkennend. Für einen Blick ins "Alte Gasometer" reicht die Zeit schon nicht mehr. Vereinschef Mario Zenner berichtet in aller Kürze von Demokratiearbeit und zivil- gesellschaftlichem Engagement. Er stellt das Bündnis für Demokratie und Toleranz vor. Und während es weitergeht, berichtet Susanne Trauer von den Anfängen der Friedensbewegung in den 1980er-Jahren. Doch nicht alle haben eine Friedensbotschaft. Ein Mann ruft dem Tross hinterher, beschwert sich über Flüchtlinge und sagt, man solle doch den Neumarkt besuchen. Pia Findeiß lässt das an sich abprallen. Natürlich, sagt sie, habe sie mit der Ministerin auch über Probleme gesprochen, übers Muldeparadies und den Neumarkt. "Und ich habe ihr gesagt, wie wir damit umgehen."

Doch der Weg führt nicht über den Neumarkt, sondern am Johannisbad vorbei zum Mehrgenerationenhaus. Dort wimmelt es von Menschen, Kinder fahren den Gästen mit Rollern um die Beine, Schnittchen mit selbst gemachtem Aufstrich machen die Runde, die Ministerin verschwindet in der Menge. Nachdem sie wieder aufgetaucht ist, sagt Gabriele Friedrich vom Mehrgenerationenhaus, was ihr wichtig war: "Die Ministerin sollte einen Eindruck davon bekommen, was die Gesellschaft braucht: Sie braucht Möglichkeiten zur Gemeinschaft, einen Ort, um sich unkompliziert zu treffen - wo jeder zeigen kann, was er zu geben hat." Diesen Ort bietet das Haus. Aus gutem Grund: "Nur wenn der andere mir fremd bleibt, pflege ich weiter meine Vorurteile."

Die Ministerin verabschiedet sich. Sie nimmt einen Spaßvogel mit (Geschenk von der Oberbürgermeisterin), eine Brotdose voller gefüllter Blätterteigteilchen (Geschenk von Flüchtlingen) und ein Glas Marmelade (Geschenk aus dem Mehrgenerationenhaus) und - hoffentlich - dem Eindruck, dass es in Sachsen nicht nur frustrierte, sondern auch engagierte Menschen gibt.

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