Zwickauer Neumarkt: Wieder Ruhe im einstigen Brennpunkt

Vor einem Jahr diskutierte die Stadtpolitik aufgeregt, wie man nur die Problemzone wieder in den Griff kriegen könnte. Jetzt ist von dem Ärger nichts mehr zur spüren. Wieso?

Zwickau.

Wirklich nicht mehr schön war das im letzten Jahr, sagt Wirtin Sonja Dürsch, während sie ein Pils einschenkt. Zustimmendes Nicken kommt von den drei Männern, die im "Alt Zwickau" am Tresen sitzen und rauchen. Ständig Polizei, immer Lärm, sagt Dürsch. Einmal sei einer blutend zu ihr in die Kneipe gekommen. Ihre Gäste wurden angepöbelt, sie selbst fürchtete sich, wenn sie spätnachts abschloss und nach Hause ging. Und heute? Auf dem Zwickauer Neumarkt ist wieder Ruhe eingekehrt. Die großen Menschenansammlungen an den warmen Sommerabenden von 2018 sind Vergangenheit.

Der Neumarkt war im vergangenen Jahr in aller Munde. Eltern rieten ihren heranwachsenden Kindern, abends dort nicht mehr hinzugehen. Regelmäßig meldete die Polizei Schlägereien, Sachbeschädigungen und Körperverletzungen. Meistens waren junge Migranten beteiligt. Es gab Messerstechereien, Anwohner beschwerten sich bei Lokalpolitikern, von einem Drogenumschlagplatz war die Rede, die Polizei dementierte, der AfD-Kreisverband lud zu einer Ortsbegehung, alle Stadtratsfraktionen mit Ausnahme der AfD beantragten gemeinsam ein Konzept zur Verbesserung von Sicherheit und Ordnung, die Kreis-SPD schrieb die Forderung nach Videoüberwachung und Trinkverboten ins Wahlprogramm. Manche redeten so, als würde der Neumarkt den Sicherheitsbehörden entgleiten.


Die Stadtverwaltung legte im Oktober 2018 auf Antrag des Stadtrats einen Maßnahmenkatalog vor, um für mehr Sicherheit und Ordnung im Stadtgebiet zu sorgen. Umgesetzt worden ist davon bis heute kaum etwas. Zwar sind neue Stellen im Ordnungsdienst geschaffen worden, teils konnten diese aber nicht besetzt werden. Die Stadt wollte einen kriminalpräventiven Rat einrichten, um die Arbeit besser zu koordinieren, doch das ist laut Verwaltung noch immer in Arbeit. Die angekündigten halbjährlichen Pressekonferenzen zum Kriminalitätsgeschehen sind nicht in Sicht. Laut Rathaus sollten diese durch eine neu geschaffene Stelle zur Präventionsarbeit vorbereitet werden, aber diese Stelle ist demnach noch nicht einmal ausgeschrieben.

Stadtratsmitglieder gehen davon aus, dass der große Handlungsdruck fehlt, weil sich die Probleme anderweitig erledigt haben. Aber wie? Wirtin Sonja Dürsch, deren Kneipe direkt am Neumarkt liegt, führt das auf die Polizeiarbeit zurück. Wenn die Polizei mehrfach am Tag kommt und Ausweise kontrolliert, zeige das eben Wirkung. Die Unruhestifter von 2018 seien aber nicht einfach zu einem anderen Treffpunkt weitergezogen, glaubt sie, sondern vielfach gar nicht mehr in der Stadt. Manche hätten Wohnungen gesucht und keine Vermieter gefunden, andere seien von den Behörden anderswo untergebracht worden, wieder andere wurden vor Gericht gestellt. "Auf alle Fälle ist es jetzt ruhig", sagt sie. Und: "Es hat sich erst etwas getan, nachdem die AfD hier war. Vorher hat das ja keinen gekümmert, aber danach ist es dann besser geworden."

Sowohl die Zwickauer Polizei als auch die Stadtverwaltung bestätigen, dass der Neumarkt - ebenso wie das 2017 mit ähnlichen Problemen behaftete Muldeparadies - inzwischen keine Einsatzschwerpunkte mehr sind. Das spürt auch der Landtagsabgeordnete Gerald Otto (CDU), der schon lange keinen Besuch mehr von Neumarkt-Anwohnern in seiner Bürgersprechstunde hatte. "Überwachungsdruck wirkt", sagt er. "Manchmal hilft es eben schon, wenn ein paar Störenfriede weg sind." Von der Stadt hätte er sich hingegen eine zügigere Umsetzung der angekündigten Maßnahmen erwartet. Auch wenn verständlich sei, dass der Handlungsdruck fehle.

So sieht das auch der Polizist und Linken-Stadtrat Bernd Rudolph. Trotzdem sei es nötig, dass die Stadt ihre Ankündigungen umsetze. Nur damit lasse sich das Thema öffentliche Ordnung aktuell halten, sagt der erklärte Gegner von Trinkverboten und Videoüberwachung. "So gibt es vielleicht beim nächsten Mal nicht gleich wieder einen Grund zu übertriebenen Aktionismus."

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