Fühlt sich als Akademiker in der ganzen Welt zuhause: Arnold van Zyl, Professor im südafrikanischen Stellenbosch.
Fühlt sich als Akademiker in der ganzen Welt zuhause: Arnold van Zyl, Professor im südafrikanischen Stellenbosch.

Foto: Nicole Nelissen

Die Kandidaten für das Rektoramt der TU Chemnitz

Prof. Arnold van Zyl aus Südafrika und Prof. Wolfram Hardt von der Fakultät für Informatik der TU Chemnitz stehen zur Wahl

Im Oktober fällt an der TU Chemnitz die Entscheidung, wer Nachfolger des scheidenden Rektors Klaus-Jürgen Matthes wird. Zur Wahl stehen Prof. Arnold van Zyl aus Südafrika und Prof. Wolfram Hardt von der Fakultät für Informatik der TU Chemnitz. "Freie Presse" stellt beide Kandidaten vor.

 

Prof. Arnold van Zyl - Der Bildungsreisende

Er spricht von "globalen Räumen" für Akademiker und der "Kraft der Bildung", die Menschen und Regionen verändern könne. In seinen Vorstellungen vom "International College" spielen räumliche Entfernungen keine Rolle. Vielleicht kann Arnold van Zyl all dies bald schon selbst testen. Der Verfahrenstechniker und promovierte Physiker aus Südafrika strebt den Rektorenposten an der Technischen Universität Chemnitz an. Ein Exot mit mehr als 20 Jahren Managementerfahrung im Ausland und Kontakten in die ganze Welt.

Chemnitz? Der 52-Jährige schaut hinaus auf den palmengesäumten Campus mit den kapholländischen Gebäuden, hinter denen sich die Weinberge erheben. Studenten jeder Hautfarbe huschen an diesem regnerischen Wintermorgen die Treppen zur Bibliothek hinunter. Wir sind in Stellenbosch, der Traditionsuniversität in Südafrikas westlicher Kapprovinz. Bei Chemnitz denke er vor allem an den riesigen Karl-Marx-Kopf und an den Kaßberg mit seinen Gründerzeitvillen. "Chemnitz hat sich, neben Dresden, zu einer kulturell regen, modernen Stadt entwickelt. Das sieht man an seinen Kunstgalerien und exzellenten Opernaufführungen."

Er gibt auch Restaurant-Tipps

Van Zyl ist ein Kosmopolit, der spielend zwischen den Kontinenten pendelt. Kapstadt, Stuttgart, Brüssel, San Diego - das sind die klangvollen Stationen seiner Karriere. Seit vier Jahren ist der Prorektor nun in Stellenbosch und hier, in seiner Heimat, für Forschung und Innovation zuständig. Van Zyls Büro im Verwaltungsgebäude ist eine Fusion aus Afrika und Europa: Dunkle Holzdielen, hohe Fenster, massiver Schreibtisch, historische Karten vom frühen Afrika und eine Urkunde der Tongji-Hochschule in Shanghai an der Wand, eine schwarze Ledergarnitur und eine bunt gemusterte Ottomane stehen vor einer anderen, apfelgrünen Wand. Im Regal lagern einige Flaschen Pinotage. "Der ist ein Uni-Gewächs, wir haben acht Hektar Wein. Dort wurde 1925 auch der erste Pinotage überhaupt angebaut." Van Zyl, der Genießer, gibt auch Restaurant-Tipps. Stellenbosch ist bekannt für erlesene Weine und feine Küche, so etwas wie die Gourmethochburg in Afrika. Wäre ein Wechsel von den Weinbergen ins Erzgebirge überhaupt denkbar? "Wissen Sie, man überquert den Fluss, indem man Stein für Stein ertastet", zitiert er ein chinesisches Sprichwort und will erst einmal die Gespräche in Chemnitz abwarten. Am 18. Oktober fällt die Entscheidung zwischen van Zyl und seinem Mitbewerber Wolfram Hardt, Professor für Technische Informatik an der TU. Tags zuvor stellen sich die Kandidaten dem Senat vor.

Arnold van Zyl parliert genauso fließend Deutsch und Schwäbisch wie Englisch und Afrikaans. Seine Mutter stammt aus Ostpreußen und kam als Kind durch die Kriegswirren an die Südspitze Afrikas. Geboren wurde er 1959 in Swellendam, der drittältesten Stadt Südafrikas. In Kapstadt studierte van Zyl Verfahrenstechnik. Doch schon früh suchte er internationale Kontakte: 1978 kam er als Praktikant drei Monate an die Kernforschungsanlage in Jülich bei Aachen. Zurück in der Kaprepublik promovierte er noch während der Militärzeit. "Damals musste man zur Armee. Die Achtziger waren das Endstadium der Apartheid, es herrschte der Ausnahmezustand. Ich sah keine Perspektive und verließ 1987 das Land." Zunächst zog es ihn ans Max-Planck-Institut in Stuttgart. "Im Schwabenland wurde ich unglaublich herzlich aufgenommen, die Schwaben sind viel besser als ihr Ruf."

Nach über 20 Jahren Managementkarriere im Ausland - in der Forschungsabteilung bei Daimler, dann in Brüssel und schließlich beim Brennstoffzellenbündnis im kalifornischen San Diego - ist er seit 2008 Vizerektor in Stellenbosch. "In meiner kurzen Zeit haben wir die Forschung stark gefördert, konnten die Drittmittel steigern und uns international stark vernetzen." Netzwerke haben stets sein Leben bestimmt. "Das waren meine permanenten Triebfedern, dadurch haben sich immer wieder neue, berufliche Kontakte eröffnet. Und ich hatte auch viel Glück", lächelt der Mann mit den dunklen kurzen Haaren. So war es auch diesmal. Immer wieder hätte ihn sein Beruf auch nach Chemnitz geführt - er sitzt im Kuratorium des Fraunhofer Instituts für Werkzeugmaschinenbau und Umformtechnik. Die Kandidatur für den Rektorenposten sei ihm angetragen worden.

Generell gäbe es zwischen Chemnitz und Stellenbosch viele Parallelen, meint van Zyl. "An beiden Orten kommen junge Leute mit großen Hoffnungen zu uns, und wir dürfen sie nicht enttäuschen", sagt er leise, aber bestimmt. In Deutschland sei die Situation sehr privilegiert, die Erstsemester seien sehr gut vorbereitet. "In Südafrika haben wir es hingegen mit sehr vielen Schulabgängern zu tun, die trotz formeller Abschlüsse eigentlich überhaupt nicht in der Lage sind, an einer Hochschule zu studieren." Darin zeigten sich nach wie vor die Folgen der Apartheid.

Zudem verlassen viele hervorragend ausgebildete Ingenieure und Ärzte Südafrika nach dem Studium in Richtung Australien, Kanada, USA oder Großbritannien. "Grundsätzlich ist es positiv, wenn junge Menschen ins Ausland gehen. Doch wir versuchen jungen Firmen mit Rat und Tat und Investitionsmitteln zu helfen." Sein Mantra wiederholt er permanent: "Ob Chemnitz, New York, Delhi, Peking - überall ist Bildung das Wertvollste, was wir jungen Leuten bieten können." Er selbst kenne weder das akademische Umfeld in Chemnitz noch habe er vorgeprägte Ideen. "Aber es gibt ein gewisses Rüstzeug, das man für eine solche Position mitbringt", sagt er.

Genau beobachtet van Zyl, was sich seit dem Ende der Apartheid im Land getan hat - oder auch nicht. Heute, 17 Jahre später, brechen diese Strukturen langsam auf. "Wir haben ein buntes Führungsteam, einen schwarzen Rektor, eine schwarze Prorektorin. Ich selbst bin der einzige weiße Südafrikaner. Nirgends in der Welt habe ich so verschiedene Perspektiven und innovative Lösungen kennengelernt, weil Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen ein Projekt in Angriff nehmen." Van Zyl schätzt den multikulturellen Austausch.

Warum das Paradies verlassen?

Man spürt, dass es ihm schwer fallen würde, die Region zu verlassen. Natürlich sei Chemnitz eine spannende Gelegenheit, aber "Stellenbosch ist eines der schönsten Fleckchen Erde, ich habe noch nie in so einer schönen Stadt gelebt. Hier kann man alles zu Fuß erledigen und jeder kennt jeden." Warum also dieses Paradies verlassen? "Niemand vertreibt mich, auch privat bin ich nicht gebunden. Wir haben die weltumspannende Aufgabe, den jungen Leuten die besten internationalen Netzwerke zu schaffen - und können uns nicht einbunkern", erklärt er. Für Besucher arrangiert er daher eine Tour durch die frisch renovierte Bibliothek. Studenten arbeiten an Flachbildschirmen, sitzen in W-Lan-Lounges, die wie moderne Wohnzimmer eingerichtet sind. Ein globaler Studienraum - eines der Projekte, die van Zyl persönlich vorangetrieben hat.

Ein Umzug nach Chemnitz wäre für ihn lediglich eine räumliche Veränderung, schließlich sei er aber "immer noch im gleichen Projekt drin". Weltweit sieht er die akademische Gesellschaft als "International College". "Kein Student kann es sich noch leisten, nur an einem Fleck auf der Welt zu studieren. Daher muss die akademische Gemeinschaft globale Räume schaffen."

Von Nicole Nelissen

 
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Die Kandidaten für das Rektoramt der TU Chemnitz
Prof. Wolfram Hardt: Wir können nicht alle Probleme der Stadt lösen
 
erschienen am 12.09.2011
 
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