Ja, er lebt noch: Rund 300 Chemnitzer kamen beim Flashmob zum gemeinsamen Glühweintrinken auf dem Brühl zusammen. Foto: A. Seidel
Eine Viertelstunde Leben auf dem Brühl
Ein im Internet angekündigter Flashmob bringt 300 junge Leute auf einstiger Einkaufsstraße zusammen
Chemnitz.
Chemnitz. Totgesagte leben länger: So ähnlich könnte die Botschaft der 300 Menschen lauten, die sich am Sonntagnachmittag zum scheinbar spontanen Glühweintrinken auf dem Brühl getroffen haben. Weil der einstige Boulevard seit Jahren ein städtisches Sorgenkind ist, initiierte ein Chemnitzer Stadtmagazin die
15-minütige Aktion.
"Zur Wiederbelebung des Brühls sind solche Aktionen nötig", sagte Markus Wolf, der Initiator des Flashmobs (zu deutsch: blitzartiger Auflauf). Die Idee ist simpel: Im Internet werden Informationen über den Treffpunkt und die Art und Dauer der Aktion gestreut. Nachrichtenkanäle sind unter anderem Ketten-Emails, Blogs oder Mitteilungen über den Kurznachrichtendienst Twitter. Bei der Chemnitzer Variante waren es vor allem Emails und Einträge bei der Internet-Plattform "Triff deinen Chemnitzer".
"Das ist mein erster Flashmob", gestand Juliana Nitzsche, die gemeinsam mit ihrem Freund Michél Becker gekommen war. "Es ist toll, so viele Leute auf dem Brühl zu sehen. Es wäre schade, wenn der Boulevard weiter verfällt", fügte Nitzsche hinzu.
Als vor 30 Jahren die 650 Meter lange Einkaufsstraße der Öffentlichkeit übergeben wurde, reihte sich an der 15.000 Quadratmeter großen Fußgängerzone noch Geschäft an Geschäft. Heute ist der zentrumsnahe Boulevard grau und verlassen. Initiativen zur Wiederbelebung des Brühl scheiterten.
Einer der wenigen verbliebenen Enthusiasten ist Marcus Neißer. Sein Restaurant Delicate ist eine der letzten Bastionen auf dem Brühl. Aus Neißers Küche kam der Glühwein für die Aktion. "Der Brühl ist noch nicht tot", kommentierte Neißer den Flashmob. Ob weitere Aktionen geplant seien, wollte er weder bestätigen noch ausschließen.
Zu den "Flashmobbern" am Sonntagnachmittag gehörte auch der Leiter des Chemnitzer Kulturbüros, Bernd Ruscher. "Auf dem Brühl muss wieder Leben einziehen" forderte er. Derzeit arbeite man im Kulturbüro an der Umsetzung des Kunst- und Kulturfestivals Begehungen. Das soll dieses Jahr nahe dem Brühl stattfinden - in der ehemaligen Karl-Liebknecht-Schule an der Mühlenstraße.
Von Alexander Dinger


