Reiner Faßmann zeigt viel Geschick beim Bogenschießen. Mittelalter-Schausteller Hagen Weiß hilft beim Spannen des Bogens.
Foto: Andreas Truxa
Gaudi nicht nur für Rollstuhlfahrer
Beim Kreisbehindertentag im Stadt- und Tierpark von Limbach-Oberfrohnaging es vor allem um Sport und Spaß
Limbach-Oberfrohna. Limbach-Oberfrohna. Reiner Faßmann kann ihnen stundenlang zuschauen, diesen kleinen Kerlen mit dem schwarz-metallischen Gefieder. Die Stare brüten jedes Jahr in seinem Garten in Oberfrohna. Wenn er heute die Vögel sieht, kommt etwas Wehmut auf. "An einem August-Tag vor neun Jahren wollte ich gerade einen Star-Kasten aufhängen. Nur drei, vier Sprossen war ich die Leiter hinauf gestiegen, da strauchelte ich und fiel unglücklich auf eine Wurzel", erzählt der 69-Jährige. Im Krankenhaus dann die Diagnose: Wirbelsäule gebrochen. Er bleibt gelähmt. Seine Beine wird er nie wieder bewegen können.
Seitdem sitzt Reiner Faßmann im Rollstuhl. Das Haus in Oberfrohna musste barrierearm umgebaut werden. Die Schwellen wurden herausgerissen, die Türen verbreitert. Ein Hublift erleichtert den Gang durchs Haus. "Ich bin dankbar, dass mir so viele Menschen geholfen haben: die Nachbarn, Freunde", sagt Reiner Faßmann.
"Der Schock saß damals tief, aber ich musste mich damit abfinden", sagt der Diplomingenieur für Klimatechnik heute. Anfangs fand er Hilfe durch seine Frau. Später musste er lernen, ohne fremde Hilfe täglich aufzustehen, sich zu waschen, Einkäufe zu erledigen. Denn Zeit zum Nachdenken hatte er nicht. Seine Frau starb drei Jahre später. "Doch nach jedem Schicksalsschlag kommt ein Lichtblick", erklärt er. Denn bei einer Urlaubsreise lernte er seine heutige Frau kennen. "Ich hatte meine schwer gehbehinderte Mutter im Urlaub in einem Hotel in Rheinsberg bei Berlin begleitet. Tür an Tür wohnten wir mit Reiner", sagt Waltraud Faßmann. Hochzeit wurde ein Jahr später auf einem Schiff auf dem Rheinsberger See gefeiert. "Seitdem fahren wir jedes Jahr in dieses Hotel. Es ist komplett barrierefrei, also für mich als Rollstuhlfahrer ideal", erzählt der Senior.
Rolli-Fahrer spielen Curling
Mittlerweile beherrscht Reiner Faßmann das Rollstuhlfahren aus dem Effeff. Geschickt kutschierte er am Samstag mit seinem Rolli durch den Park. "Es ist schön, dass der Behindertentag endlich einmal bei uns stattfindet", sagt er. Denn die Autofahrt sei für seine Frau anstrengend, weil sie ihn befördern muss. Die 64-Jährige stammt aus Schleswig-Holstein und ist der Liebe wegen ihrem Mann gefolgt. "Er ist eine typische sächsische Frohnatur, die man nicht verpflanzt", sagt sie. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. "Dass mein Mann im Rollstuhl sitzt, ist nicht zu ändern, aber zu ertragen." Mehrfach in der Woche begleitet sie ihn zur Physiotherapie oder zum Stammtisch bei einer Chemnitzer Orthopädietechnik-Firma. "Dort habe ich eine Familie Gleichgesinnter gefunden. Wir sprechen über Gott und die Welt", so Faßmann. Die Firma betreut 250 Rolli- Fahrer. Spaß bereite ihm Rolli-Curling, das Eisstockschießen im Rollstuhl, und Floßfahren in Kriebstein. "Wir wollen den Patienten helfen, etwas Spaß im Leben zu haben und das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden", sagt Firmenchef Atilla Jaszter.
Gastgeber stellen drei Sieger
Spaß hatten die Besucher des vierten Behindertentages in Limbach-Oberfrohna allemal. Erstmals wurden die Sieger der Gaudiade, einem lustigen Sportwettbewerb, ermittelt. 70 Behinderte nahmen daran teil. In den verschiedenen Altersklassen siegten drei Starter aus der Gastgeber-Stadt: Lea Harbig, Marcel Massow und Marcel König. Die Schule am Stadtpark stellte die beste Mannschaft. Etwa 55.000 Behinderte gibt es im Landkreis Zwickau, erklärt Behindertenbeauftragte Angela Werner. "Wir sind dankbar, dass die Stadt, der Landkreis und der Freistaat zum Gelingen des Festes beigetragen haben", sagt sie zum Abschluss. Eine Neuauflage gibt es in zwei Jahren in Crimmitschau.
"Vielleicht bin ich dann wieder mit dabei", erklärt Reiner Faßmann. Nur die Gesundheit müsse mitspielen. "Ich habe Darmkrebs überstanden, mehrere Operationen überlebt, den dritten Herzschrittmacher - was soll mir noch passieren?!"


