Junges Chemnitz - Perspektive oder Illusion?
Was die vermeintliche Rentner-Stadt Bewohnern zwischen 18 und 30 zu bieten hat und woran es hapert
Chemnitz. Chemnitz könnte in 20 Jahren Europas Rentner-Großstadt sein, sagt das europäische Statistik-Amt voraus. Führt daran überhaupt noch ein Weg vorbei? Was spricht fürs Hierbleiben, Herziehen und Kinder zeugen und was dagegen? "Freie Presse" hat sich umgehört.
Was bietet Chemnitz jungen Leuten im Alter von 18 bis 30?
Jobs: Zu einer von bundesweit fünf "Provinzperlen" jenseits der üblichen Metropolen hat das Magazin "Handelsblatt - Junge Karriere" Chemnitz erst im November gekürt. Denn hier fänden Fachkräfte gute Jobs, Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und ein spannendes Lebensumfeld, ergab der Test von 413 Kreisen und kreisfreien Städten.
Wohnen: In Chemnitz gibt es mehr als genug freie Wohnungen. Günstigere Mieten und Grundstückspreise sind Vergleichen zufolge bundesweit in keiner Großstadt zu finden.
Einkaufen: In jeder Himmelsrichtung gibt es ein großes Einkaufszentrum. Die Verkaufsfläche in der Innenstadt wächst weiter. Das sorgt für günstige Preise.
Kultur: Das Kulturangebot mit Fünf-Sparten-Theater, Stadthalle, Kunstsammlungen und weiteren Museen ist vielfältig und anspruchsvoll. Auch alternative Kunst und Musik sind vertreten. Clubs bieten mehr ausgefallene Angebote als in Dresden oder Leipzig.
Sport: Allein in den 209 Vereinen des Stadtsportbundes werden 74 Sportarten angeboten. Das Erzgebirge vor der Haustür ist ein Eldorado für Bergwanderer, Rad-, Motorrad- und Skifahrer.
Lage: In einer Stunde ist man in Dresden oder Leipzig, auch Berlin ist nur zweieinhalb Stunden entfernt.
Familie: Weg von zuhause ist zwar schön, aber irgendwann brauchen junge Familien Babysitter und die älter werdenden Großeltern freuen sich über Hilfe.
Was muss sich ändern, damit sich junge Leute wohlfühlen?
Einkommen: Auch wenn das Leben etwas preiswerter ist: Die Lohn- und Gehaltsunterschiede zu westlichen Bundesländern sind noch zu groß.
Tristesse: Trotz Fortschritten: Es gibt noch (oder wieder) zu viele Ruinen und Schandflecke. Spätestens ab 20 Uhr wirkt das Stadtzentrum so entvölkert, dass die Fußwege "hochgeklappt" werden könnten.
Toleranz: Sobald etwas los ist, was auch junge Leute anspricht, regt sich Widerstand. Beispiele: Partys in der City, Sommerkino an der Chemnitz oder auf dem Theaterplatz, Skater und BMX-Radler in der Innenstadt. Das "Splash" wurde schon vertrieben. Manchen älteren Einwohner stört Kinderlärm.
Experimente: Alternative Jugendprojekte werden verhindert - siehe Brühl oder Reitbahnviertel. Dabei sind Dresden-Neustadt oder Leipzig-Connewitz längst Magneten auch für ältere Einwohner und Touristen.
Verkehrsanbindung: Schnell weg kommt nur, wer ein Auto hat. Bahnfahrer brauchen meist Geduld und müssen oft Umwege in Kauf nehmen. Die nächsten Flughäfen sind in Dresden, Leipzig, Erfurt, Altenburg.
Badespaß: Die Großstadt Chemnitz hat kein Hallen-Spaßbad. Junge Leute und Familien müssen für solche Freuden ins Erzgebirge oder noch weiter fahren.
Image: Chemnitz hat einfach nicht den Ruf, den es verdient. Die Traditionen der Industriestadt von Weltruf sind nahezu vergessen. Nur Insider kennen und schätzen die heutige Wirtschaft und Kultur.
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