Keimzeit "Keimzeit" begeisterten Samstagnacht im Industriemuseum, hier Frontmann Norbert Leisegang (r.) mit Bruder Hartmut am Bass.

Foto: Wolfgang Schmidt

Mit Theaterspektakel und Kultmusik

Kulturfestival "Begegnungen" endet mit zahlreichen Veranstaltungen - Feuerwehr-Einsatz stößt auf Unverständnis

Chemnitz. Es war eine Aufführung nur für Chemnitz, die das Theater Titanick vorbereitet hatte: Zum Kulturfestival "Begegnungen" zeigte es am Samstagabend "Die Macht der Kerzen" auf dem Hof des Industriemuseums, ein Höhepunkt am Abschlusswochenende des Festivals.

Mit großen maschinellen Apparaturen, mit Musik, Feuer und Pyrotechnik stellten die Mimen aus Leipzig und Münster ein Konzentrat der DDR-Geschichte auf die Bühne. Da hämmerten und schweißten Fabrikarbeiter, die von Funktionären mit Orden belobigt oder Strafarbeiten drangsaliert, von Wanzen belauscht und bei Fluchtversuchen bedroht wurden. Bis sich die Arbeiter wehren: Bis sie nicht aufhören, an der Mauer zu rütteln und eine Kerze nach der anderen aufstellen. Das Stück war für Chemnitz entstanden, weil die "Begegnungen" die friedliche Revolution vor 20 Jahren thematisierten und das so nicht im Titanick-Repertoire zu finden sei, erklärte Uwe Köhler, künstlerischer Leiter der Gruppe. Da dort Menschen aus Ost und West spielen, "gab es bei uns viele Diskussionen, wie wir das Thema zeigen wollen. Es gibt ja nicht nur eine Wahrheit". Das Theater-Spektakel rief allerdings die Feuerwehr mit Blaulicht auf den Plan. Offenbar durch einen besorgten Bürger alarmiert, ärgerte das Festvialleiter Martin Wolter. "Wir hatten alle Auflagen erfüllt, es gab eine Abnahme der Pyrotechnik. Und die Feuerwehr wusste Bescheid", sagte er. Die rückte dann kurzerhand wieder ab; wer die Aktion jetzt bezahle, stehe nicht fest.

Mit aufgelöster Partystimmung ging es dann im Industriemuseum weiter, wo die ostdeutsche Kultband "Keimzeit" über zwei Stunden spielte: Songs vom neuen Album "Stabile Währung Liebe", aber auch, ohne sich groß bitten zu lassen, altbekannte Lieder wie "Kling Klang". Die Zuhörer tanzten und dankten mit tosendem Applaus. Später in der Nacht tanzte Sänger Norbert Leisegang selbst: Nach dem Konzert kam er mit seiner Band ins Theatercafé Exil, wo sie bei der Premierenparty bis zum Morgen blieben.

Ähnlich gelöst war die Stimmung am Sonntagnachmittag im Chemnitzer Kabarett. Dort las Peter Ensikat aus seinem Buch "Populäre DDR Irrtümer". Warum er dieses Buch geschrieben hat? Obwohl er 40 Jahre in der DDR lebte, habe er manchmal das Gefühl, nicht dabei gewesen zu sein, sagte er. Mit witzigen Geschichten, wie vom Stasi-Kindergarten oder Honeckers Rechengold (klarer Schnapps), hatte Ensikat die Lacher auf seiner Seite. Doch er ist mehr als Komiker und Chronist. Er ist ein vom Sozialismus enttäuschter Sozialist. Das merkt man besonders, wenn er nicht liest, sondern redet. Zum Abschluss sagte er: "Beim Kapitalismus ist das letzte Wort noch nicht gesprochen."

Eine musikalische Perspektive auf den Osten gab es Sonntagabend im Tietz. Gut 200 Gäste verfolgten eine Diskussion zwischen Buchautor Christoph Dieckmann ("Bye Bye Lübben City"), den Musikern Christian Kunert (Renft) sowie Wolfram Bodag und Gert Leiser (Engerling) über die Tramps, Bluesfreaks und Hippies der DDR. Erfrischend war Dieckmann, der den Besuchern folgenden Satz auf den Weg gab: "Erinnern ist gut und wichtig, zu viel Erinnern macht aber alt."

 
erschienen am 11.10.2009 ( Von Katharina Leuoth und Alexander Dinger )
 
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