Vom Regionalexpress Elsterwerda-Chemnitz hatte Rocco Weiß nur noch die Rücklichter gesehen. Die Türen des Zuges öffneten sich nicht.
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Türen öffnen sich nicht: Albtraum für Schüler
Regionalexpress nimmt 16-Jährigen aus Ottendorf nach Chemnitz nicht mit - Ähnlicher Vorfall im Vorjahr in Burgstädt hat juristisches Nachspiel
Lichtenau. Lichtenau. Ein Albtraum für Rocco Weiß. Der 16-jährige Mittelschüler wollte am Dienstag, am ersten Tag seines dreitägigen Praktikums in einem Chemnitzer Betrieb, um 5.38 Uhr vom Haltepunkt der Deutschen Bahn in Mittweida-Ottendorf nach Chemnitz fahren. Pünktlich war er am Bahnsteig. Der Zug fuhr 5.30 Uhr ein, hielt - doch die Tür öffnete sich nicht. Der Ottendorfer war verzweifelt, rannte zur nächsten Tür. Auch da Fehlanzeige. Kein Personal war in der Nähe. Der Regionalexpress der Strecke Elsterwerda-Chemnitz fuhr ohne ihn weiter.
"Als ich früh einen Anruf von Rocco erhielt, konnte ich es nicht fassen", sagte am Donnerstag Vater Uwe Weiß. Der Junge war vor seinem ersten Arbeitstag aufgeregt, sei eine Stunde früher sogar aufgestanden und schon eine Viertelstunde vorher auf dem Bahnhof gewesen. "Rocco möchte Industriekaufmann lernen, hat so viel Hoffnungen in die Praktikumsstelle in den Winterferien gesetzt", meinte der 49-Jährige. Der Junge ist schwer behindert, leidet an einer Wirbelsäulenverengung, sodass er Koordinationsschwierigkeiten hat, erzählte der Vater weiter. Doch er sei sehr selbstbewusst, verfolge beharrlich sein Ziel. "Deshalb wollte er ganz selbstständig mit Bus und Bahn zu seinem Betrieb kommen", sagte der Vater. Er hätte nicht gedacht, dass das so kompliziert sein kann. Er habe ihn mit dem Auto dann selbst nach Chemnitz gefahren, damit er pünktlich seine Praktikumsstelle antreten konnte. Auf seine Beschwerde bei der Deutschen Bahn sei aber bis Donnerstg nicht reagiert worden.
"Wir haben zwei Tage lang den zuständigen Lokführer nicht erreicht", erklärte Abend Bahnsprecher Jörg Bönisch am Donnerstag. Der Mann hätte zwei Tage frei gehabt, man habe ihn nur kurz sprechen können. "Erste Untersuchungen haben ergeben, dass der Lokführer nicht Schuld hat." Näheres wolle die Bahn am Freitag mitteilen. "Fakt ist: Der Zug rollt auf dem Bahnhof ein. Bei Stillstand wird die Türblockade aufgehoben. Der Reisende kann per Knopfdruck die Tür öffnen. Bevor der Lokführer wieder abfährt, muss er sich über den so genannten Serviceblick vergewissern, dass keiner mehr zusteigen möchte. Erst dann betätigt er die Türblockade, sodass die Türen nicht mehr zu öffnen sind", erklärte er den Vorgang. Bönisch kann sich nicht erklären, warum der Junge nicht gesehen wurde. "Aber der Bahnhof in Ottendorf liegt in einer Kurve, vielleicht war die Ecke schlecht einsehbar. Aber: Der Lokführer hat Erfahrung, kennt die Gegebenheiten. Um diese Zeit steigen hier drei Personen zu."
Ein ähnliches Schicksal hatte vor knapp einem Jahr Petra Mühlstädt aus Limbach-Oberfrohna ereilt. Am 28. Mai wollte die blinde 46-jährige Frau zu ihrer Schwester von Burgstädt über Leipzig nach Halle fahren. Beim Einsteigen schloss sich plötzlich die Zugtür. Der Blindenhund der behinderten Frau war bereits im Zug, ihr Arm wurde eingeklemmt. Sie rannte einige Meter neben dem abfahrenden Zug, bis sie sich aus der Tür befreien konnte. "Ich habe heute noch Albträume, fahre nur sehr widerwillig mit der Bahn", sagte am Donnerstag die Frau. Ihre Augenärztin habe ihr empfohlen, ein Mobilitätstraining zu machen, damit sie die Ängste vor der Bahnfahrt abbaue. Doch weil die Bahn jegliche Verantwortung abgelehnt und abgestritten habe, dass es zu diesem Vorfall gekommen sei, habe sie Strafanzeige gestellt. Das Verfahren laufe noch, bestätigte auch Bahn-Sprecher Bönisch.


