Hiobs-Botschaft vom Kirchenturm
Immer mehr Eisen-Hartguss-Glocken geben den Geist auf-Bronzeglocke von St. Georgen wird generalüberholt
Schwarzenberg. Schwarzenberg. Irgendwie reißen die Hiobsbotschaften aus den Gotteshäusern im Erzgebirge nicht ab. Eine Kirchgemeinde nach der anderen vermeldet, dass ihre Glocken im Turm altersschwach sind-oder schlimmer noch: gar Risse haben. In Lößnitz wurde das Geläut der Johanniskirche im Februar stillgelegt, auch die Emmauskirche in Schwarzenberg-Neuwelt muss seit kurzem ohne "himmlische Schalle" auskommen. Sankt Wolfgang in Schneeberg hat eine lädierte große Glocke, die nur noch zu besonderen Anlässen geschwungen wird. Sankt Georgen zu Schwarzenberg beklagt Glocken-Sanierungsrückstand, in Rittersgrün werden sie nicht mehr lange klingen. Und auch im Kirchturm von Mater Dolorosa, katholische Kirche zu Aue, ist Gefahr förmlich im Verzug: Das dortige Geläut aus Eisenhartguss sollte nach Experteneinschätzung bald gewechselt werden. Ähnliches gilt in Scheibenberg und Bad Schlema.
Warum gerade jetzt so viele Läut-Anlagen der Region den Geist aufgeben, liegt wohl am speziellen Gang der Geschichte: "In den beiden Weltkriegen wurden ja enorm viele Bronzeglocken zwangsrekrutiert und umgeschmolzen - etwa zu Bombenhülsen. Doch die Kirchen wollten ihre Gemeindeglieder ja weiterhin zu Gottesdiensten rufen - also musste Ersatz her", erklärt der Glockensachverständige Gerd Schlesinger aus Schwarzenberg. "Eine damals gängige Lösung bestand in so genanntem Eisenhartguss. Der ist preiswerter, hat aber zwei Nachteile: Erstens müssen solche Glocken - im Vergleich mit tongleichen aus Bronze - bedeutend größer und schwerer sein. Zweitens sind sie wegen des spröderen Materials viel anfälliger. Man gibt ihnen - bei exzellenter Qualität-im Höchstfall 100 Jahre Wirkzeit." Daher mag es kommen, dass diese Glockengeneration nun nach und nach unbrauchbar wird.
Gerd Schlesinger wird dieser Tage oft gerufen, um alte Geläute in Augenschein zu nehmen - mit meist ernüchternder Diagnose. Aber neue Glocken fallen nicht vom Himmel und oft fehlt für den Kauf das Geld. Wenigstens ist für das alte Geläut in Schwarzenberg Land in Sicht: Man hat die einstige Bronzeglocke der Kirche wieder gefunden und 2009 ihrer Heimat zugeführt. Derzeit wird das gute Stück im bayerischen Nördlingen generalüberholt. Schweißer der dortigen Firma Lachmeyer haben sie nach Ausbesserung etlicher Blessuren erst jüngst komplett zum roten Glühen gebracht. Diese Prozedur bewirkt eine Neuausrichtung der Molekülstrukturen - schädliche Spannungen im Glockenkörper lösen sich und die Gefahr neuer Risse wird eingedämmt. Das gute Stück bleibt also läutfähig, kommt an seinen alten Platz im Turm. Dann will man schrittweise das noch vorhandene Eisenguss-Geläut durch ein Bronzenes ersetzen. Dafür sammeln die Schwarzenberger eifrig Spenden: Wenn es hoch kommt, müssten sie für neue Glocken, eine neue Aufhängung aus Holz und die Montagearbeiten bis zu 60.000 Euro berappen. Immerhin hat das Landesamt für Denkmalpflege dafür Zuschüsse in Aussicht gestellt. Doch zunächst erhält die alte Glocke für gut zwei Jahre einen Ehrenplatz im Foyer der St.-Georgen-Kirche.


