Frauentag vielerorts nicht mehr in Mode
In Rathäusern und im Krankenhaus gibt es keine Blumen für die Mitarbeiterinnen mehr - Zahl der Vollzeitarbeitsplätze für Frauen nimmt ab
Stollberg. Die Blumenläden des Altkreises Stollberg sind auf eine erhöhte Nachfrage zum Frauentag vorbereitet. Dass es tatsächlich zum großen Geschäft kommt, glaubt Constanze Pechstein vom Blumengeschäft in der Herrenstraße in Stollberg eher nicht: "Noch vor einigen Jahren boomte das Geschäft. Jetzt kommen immer weniger Männer in den Laden und wenn, kaufen sie meistens nur kleine Sträuße", so die Verkäuferin.
In vielen Ämtern und Ratsstuben der Region gibt es am Montag weder eine Feier noch Blumen für die Mitarbeiterinnen. "Nein, wir machen dazu nichts", sagte stellvertretend für viele der Beigeordnete der Stadt Zwönitz, Klaus Epperlein. Auch im Stollberger Kreiskrankenhaus werden die Mitarbeiterinnen ohne eine Blume nachhause gehen, sagte am Freitag die Geschäftsführerin der Einrichtung, Andrea Morzelewski. Als in der Einrichtung ein Mann als Geschäftsführer das Zepter schwang, sah das anders aus: Noch 2007 bekamen hier die Mitarbeiterinnen als kleine Aufmerksamkeit eine Tulpe geschenkt.
Ob Blumen oder nicht: Für die 56-jährige Konfektionsnäherin Gerit Kleiminger aus Oelsnitz spielt das keine große Rolle. Für sie ist und war der Frauentag schon immer eine politische Angelegenheit. Erinnern kann sie sich an die Frauentagsfeiern zu DDR-Zeiten: "Hoch im Kurs standen Frauen, die viele Kinder hatten und möglichst in drei Schichten arbeiteten. Manchmal war das eher peinlich. Heute haben wir das andere Extrem: Es passiert so gut wie gar nichts mehr. Der Frauentag, eigentlich ein Ehrentag, scheint aus der Mode zu kommen. Obwohl noch immer die Frauen nicht gleichberechtigt sind." Eine Stollbergerin, die in einem Discounter als Pauschalkraft arbeitet und ihren Namen nicht genannt haben möchte, ergänzt: "Ich finde, auch im Jahr 2010 haben Frauen viel an Ungerechtigkeiten zu ertragen. Was wir für einen Stundenlohn bekommen, und was wir dafür leisten müssen - einfach schlimm."
Nach Angaben der Arbeitsagentur Annaberg-Buchholz sind im Altkreis Stollberg über 10.500 Frauen sozialversicherungspflichtig beschäftigt - entspricht 47 Prozent aller Beschäftigten. 2227 Frauen sind arbeitslos, das sind 43 Prozent aller Arbeitslosen. Die Frauenarbeitslosenquote liegt bei 10,6 Prozent.
Zwar gibt es nach dieser Statistik weniger arbeitslose Frauen als arbeitslose Männer. Allerdings liegen die Einkommen, wie sie in typischen Frauenberufen in der Dienstleistungsbranche, im Gesundheitswesen und im Handel gezahlt werden, im Schnitt unter den Einkommen in typischen Männerberufen - obwohl meistens kein kürzerer Ausbildungsweg dahintersteckt. Annelie Schneider von der Gewerkschaft Verdi im Erzgebirgskreis bestätigte, dass zum Beispiel manche Discounter den Frauen niedrigste Löhne zahlen. "Hier fordern wir die Frauen auf, Mut zu zeigen und ihren Lohn einzuklagen", so Schneider. "Bei Schlecker gingen Beschäftigte an die Öffentlichkeit und hatten damit Erfolg."
Dass mehr als jede dritte der 51.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen im Erzgebirgskreis in Teilzeit arbeitet, teilte die Regionsvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Sabine Zimmermann, mit. Die Zahl stieg 2009 um über 1000 an - bei gleichzeitigem Rückgang der Vollbeschäftigung um 1314 Arbeitsplätze. Auch bei den Minijobs seien die Frauen im Agenturbezirk Annaberg klar in der Mehrheit: 2009 gingen 11.842 von ihnen einem Minijob nach, aber nur 6683 Männer. Zudem seien Frauen häufiger von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen. Zimmermann forderte daher Hilfen für Frauen beim Wiedereinstieg ins Berufsleben.


