Im Ein-Personen-Stück "Erste Stunde" zeigte Schauspieler David Zimmering (r.) am Dienstag Flöhaer Mittelschülern, wie man sich fühlt, wenn man gemobbt wird - hier eine Szene mit Benjamin Kern.
Foto: Claudia Dohle
Die Masse grölt und zeigt auf einen
Das Ein-Personen-Stück "Erste Stunde" widmet sich dem heiklen Thema "Mobbing an der Schule"
Flöha. Flöha. Jana* ist neu in der Klasse. Dem sportlichen Mädchen fällt es schwer, Anschluss zu finden. Sie ist unauffällig. Die Mitschüler wissen, dass sie nicht bei ihren Eltern wohnt. Und weil sie sich nicht so auffällig kleidet wie die anderen Mädchen in der Clique, sitzt sie meist nur still in der letzten Bank im Klassenzimmer. Doch als da dieser junge Mann in den Deutschunterricht der siebenten Klasse hineinplatzt, fühlt sie sich unangenehm berührt. "Erste Stunde" heißt das Ein-Personen-Stück vom Mittelsächsischen Theater, mit dem Schauspieler David Zimmering seit drei Jahren durch Gymnasien und Mittelschulen der Region tourt. Am Dienstagvormittag schockierte er mit seinem Auftritt die Siebtklässler der Mittelschule Flöha-Plaue.
Die 13-Jährigen sind unsicher. Bedrückende Stille. Nichts erinnert daran, dass sie eben noch - nach dem Stundenklingeln - gelärmt haben. Eine unscheinbar gekleidete Gestalt, gebeugt und das Basecap tief ins Gesicht gezogen, betritt die Klasse. Einige Mädchen kichern. "Also gut, bringen wir es hinter uns. Ich gebe euch fünf Minuten, in denen ihr mit mir machen könnt, was ihr wollt. Wie viele seid ihr? 26? Also: 26 gegen einen - wo ist das Problem?", fragt der junge Mann die Klasse. Die grölt.
Schimpfwörter werden herausgeschrien - kein Unterschied zwischen Mädchen und Jungen. Es gibt keine Grenzen. Die meisten machen mit und begreifen gar nicht, dass sie schon mittendrin sind. Mittendrin im heiklen Thema Mobbing, mittendrin im Stück. Der Gast stellt sich vor, schreibt Jürgen Rickert, seinen Namen, an die Tafel. Der Neue fragt nach demjenigen, der sonst in der Klasse gemobbt wird. Wieder grölt die Menge, und alle Finger zeigen auf einen Jungen in der letzten Reihe. Manche zeigen aber auch auf Jana. Warum ist ausgerechnet der Junge dran? "Weil der genauso einen beknackten Schlüsselanhänger umhängen hat wie sie", ruft ein Mädchen und erntet die Anerkennung der Meute. "Der nervt einfach." "Der ist fett ..." Das Opfer in der hinteren Reihe grinst und rutscht verlegen auf seinem Stuhl hin und her. Die Masse gegen ihn fühlt sich im Recht und ist stark, stark gegen einen ...
Wer ist schon mal gemobbt worden? Auf die Frage des Schauspielers heben fast alle ihre Hände. Wo fängt Mobbing an? "Wenn ich jemanden dumm angucke", ruft einer. "Dissen!", sagt ein anderer. (Anmerkung der Redaktion: Dissen stammt vom englischen Verb disrespect, discriminate oder discredit und steht als Abkürzung für diskreditieren oder diskriminieren.) Und wie fühlt man sich, wenn man gemobbt wird? Es sei beschissen, erzählen die Mittelschüler. Man fühle sich dumm und schlecht.
Etwa 45 Minuten dauert Jürgens Monolog, der ab und an zu einem Dialog wird - jedoch immer wieder von lautstarken Zwischenrufen der Schüler unterbrochen wird. Er erzählt, dass er Angst hat, weglaufen will, sich nicht auf den Unterricht konzentrieren kann. In seiner neuen Klasse auf Zeit stößt er nicht nur auf Verständnis. Er wird laut ausgelacht. Immer wieder. So wie Jana auch, die im Ein-Personen-Stück für kurze Zeit ein Podium findet als sie erzählt, dass sie gerne mit ihren Freunden rausgeht und Basketball spielt. Die Clique wendet sich angewidert ab. Mit Jana wollen sie nichts zu tun haben, sagen die Mädchen frei heraus. Mobbing gibt es offensichtlich an jeder Schule.
*Name von der Redaktion geändert


