Seit 120 Jahren ist die Gaststätte Hentschel in Göritzhain in Familienbesitz. Barbara Walther und Christian Hentschel klagen über einen Rückgang bei Familienfeiern, seit das Bürgerhaus Konkurrenz macht.
Foto: Mario Hösel
Machen Bürgerhäuser Gaststätten kaputt?
Dorfgemeinschaftshäuser werden mit viel Geld am Leben gehalten - Gastwirte klagen über die Konkurrenz
Rochlitz. Rochlitz. Christian Hentschel aus Göritzhain ist nicht so gut zu sprechen auf die Orte, in denen sich heutzutage die Dorfgemeinschaft trifft. Er bekomme die Existenz von Bürgerhaus, Jugendclub und Gartenheim schon zu spüren, klagt der Gastwirt aus dem Lunzenauer Ortsteil. Seit es die Einrichtungen gibt, hat er festgestellt: "Die Familienfeiern sind bei uns erheblich zurückgegangen." Vorwiegend Stammgäste und die ältere Generation halten dem Kneiper seither die Treue.
Für ihn sei der Broterwerb als Gastwirt inzwischen ein Überlebenskampf, berichtet der 55-Jährige. Ein paar Wanderer am Wochenende, die Poolbillardspieler und der Catering-Service könnten die Verluste durch die Abwanderung der Gäste nicht ausgleichen. Dennoch will Hentschel die über 120-jährige Familientradition bis zum Rentenalter fortsetzen. Und er hat sogar ein wenig Verständnis für die Leute, die bei Feierlichkeiten der kostengünstigsten Variante den Vorzug geben.
Für 80 Euro feiern in Göritzhain
Das sieht der Lunzenauer Bürgermeister Ronny Hofmann (CDU) genauso. Man könne nicht vorschreiben, wo die Leute ihre Feste feiern. "Wir sehen das Bürger- und Vereinshaus als ein ergänzendes Angebot und nicht als Konkurrenz zu den Gaststätten." Da man sich im Bürgerhaus um alles selbst kümmern müsse, sei davon auszugehen, dass zumindest bei der Speisenversorgung örtliche Gasthöfe oder Partyservice-Anbieter zum Zuge kommen, vermutet er. Anke Heilmann vom Gebäudemanagement der Stadtverwaltung ergänzt: "Dass solche Häuser als Treffpunkt für Vereine und die Bevölkerung gebraucht werden, zeigt die Vermietung in 32 Fällen im Jahr 2010." Zu zahlen sind in Göritzhain pro Tag 80 Euro - ein Angebot, von dem auch immer mehr private Nutzer für Familienfeiern Gebrauch machen.
Königsfeld leistet sich was
In den Dörfern in der Nachbarschaft sieht es ähnlich aus. So leistet sich die knapp 1600 Einwohner zählende Gemeinde Königsfeld gleich drei öffentliche Einrichtungen. Der größte Kostenfresser mit mehr als 3000 Euro ist das Dorfgemeinschaftshaus Stollsdorf. Im 100 Einwohner zählendem Ortsteil Weißbach fielen für die Heimatstube vergangenes Jahr knapp 1300 Euro Betriebskosten an. Einnahmen kamen nur 230 Euro - bei ganzen fünf Tagen Nutzung. Ein finanzielles Loch von 2700 Euro jährlich klafft zwischen Einnahmen und Ausgaben im Gemeindehaus Penna. Von den dortigen 25 Veranstaltungen waren immerhin 13 Familienfeiern.
Dennoch will der Königsfelder Bürgermeister Frank Ludwig (parteilos) von der Bezuschussung keinen Zentimeter abrücken. "Der Bau der Vereinshäuser, unterstützt mit Fördermitteln, war eine richtige Entscheidung", sagt er . Oft seien die Häuser heute der einzige Treffpunkt, in dem sich noch öffentliches Leben im Ort abspielt.
8200 Euro Zuschuss in Seelitz
Mehrkosten in Höhe von rund 8200 Euro entstehen jährlich der Gemeinde Seelitz für die Unterhaltung der vier Dorfclubs und eines Vereinshauses. Recht wirtschaftlich nehmen sich dabei der Dorfclub Köttern und der in Zschaagwitz aus. Ausgaben von insgesamt 7845 Euro stehen Einnahmen in Höhe von 6032 Euro gegenüber. Der Dorfclub im 150 Einwohner zählenden Kolkau riss 2010 ein Loch von knapp 3000 Euro in die Gemeindekasse. "Das ist größtenteils die Begegnungsstätte für Vereine, die die Räume kostenfrei nutzen können. Das handhaben wir in allen fünf Einrichtungen so", erläutert der Seelitzer Bürgermeister Thomas Oertel (parteilos.). Für Familienfeiern kosten die Räume dort pro Tag zwischen 15 und 100 Euro.
Bei diesen Preisen kommt Thomas Bemmann, Inhaber der Gaststätte "Zum Wind" in Seelitz ins Grübeln. Obwohl an der Staatsstraße 250 günstig gelegen, hat die Einkehrstätte arge Existenznot: "Ich führe den Gasthof nur noch alleine", berichtet Bemmann. Falls mal Großstädter bei ihm einkehrten, lobten die oft, wie preiswert es hier sei. Die Leute im Ort hingegen klagten, es sei zu teuer. Der Gastwirt ist verzweifelt: "Ich kann doch nicht zwei verschiedene Preise für Einheimische und Auswärtige machen."


