Enrico Bräunig Enrico Bräunig: Strebt einen neuen politischen Stil in Klingenthal an.

Foto: Archiv

Abwasserzweckverband als Klotz am Bein

Der künftige Klingenthaler Bürgermeister Enrico Bräunig übernimmt einen städtischen Haushalt mit einem 600.000-Euro-Loch

Klingenthal. Klingenthal. Enrico Bräunig ist der Sieger der Klingenthaler Bürgermeisterwahl. Beim 2. Wahlgang am Sonntag konnte der 38-Jährige fast 48 Prozent der Stimmen aus sich vereinen. Mit dem früheren Landtagsabgeordneten der SPD sprach gestern Thorald Meisel.

"Freie Presse": Noch einmal Glückwunsch zur Wahl. Ging die Feier am Sonntagabend in der Tierparkgaststätte noch lange?

Enrico Bräunig: Ja, es war schon etwas spät geworden.

"Freie Presse": Hat sich Klingenthal mit Ihnen für die politische und finanzielle Isolation der Stadt entschieden, wie es im Wahlkampf besonders seitens der CDU suggeriert worden war?

Bräunig: Das war in der Tat ein sehr problematischer Wahlkampf. Nein, ich glaube, die Klingenthaler haben nach Personen entschieden. Und ich stehe mit meiner Person dafür, dass es einen Wechsel des Politikstils in der Stadt geben soll.

"Freie Presse": Im Wahlkampf vor der Entscheidung am Sonntag waren Sachthemen von Machtfragen verdrängt worden. Ist das aus Ihrer Sicht ein Grund für die Politikverdrossenheit der Bürger? Mehr als die Hälfte der Klingenthaler ist schließlich am Wahltag zuhause geblieben.

Bräunig: Die geringe Wahlbeteiligung ist kein spezielles Klingenthaler Problem. Ein Teil der Leute bleibt zuhause, weil sie der Meinung sind, dass sich eh nichts ändert, ein anderen Teil fühlt sich als Verlierer der Entwicklung der vergangenen Jahre, und hat resigniert.

"Freie Presse": Zum 1. April sollen Sie das Amt des Bürgermeisters antreten. Welches Erbe übernehmen sie?

Bräunig: Erst einmal einen Haushalt mit einem Loch von 600.000 Euro. Das ist kein Pappenstiel. Der in Abwicklung befindliche Abwasserzweckverband Klingenthal/Zwota hängt der Stadt wie ein Klotz am Bein. Der Gemeinde Zwota geht es nicht anders. Ich will deshalb mit meinem künftigen Zwotaer Amtskollegen Thomas Hennig von den Freien Wählern in Dresden einen neuen Versuch unternehmen, für dieses große Finanzproblem eine Lösung zu finden.

"Freie Presse": Ein Beginn der Amtszeit mit einem 600.000-Euro-Loch ist alles andere als einfach. Wo können und wollen Sie trotzdem Schwerpunkte setzen?

Bräunig: Beginnen kann man mit Themen, die kein Geld kosten. Dazu gehört ein Personalentwicklungskonzept in der Stadtverwaltung bis 2020. Das gibt es bislang nicht. Es wird aber gebraucht, da in den nächsten zehn Jahren etwa ein Drittel der Beschäftigten in den Ruhestand gehen wird. Ein weiterer Personalabbau in kommunalen Einrichtungen ist aber nicht möglich. Um einen Ausgleich zu schaffen, müsste die Stadt jährlich bis drei Lehrlinge ausbilden.

"Freie Presse": Sie erwähnten eingangs, dass Sie einen neuen Politikstil ins Rathaus tragen wollen. Wie soll sich das nach außen darstellen?

Bräunig: Für das Ansehen, dass die Arbeit der Stadtverwaltung unter den Einwohnern genießt, gibt es schon noch Entwicklungsmöglichkeiten, gerade was die Bereiche Service und Dienstleistungen für die Bürger betrifft. Städte wie Plauen und Reichenbach haben dabei gute Erfahrungen mit Bürgerbüros gemacht. Vielleicht können wir diese auch für Klingenthal nutzen.

"Freie Presse": Als SPD-Abgeordneter saßen Sie bislang allein im Stadtrat. Für das Bürgermeisteramt traten Sie als parteiloser Einzelbewerber an, da Sie als Stadtoberhaupt für alle Klingenthaler Bürger da sein wollen. Wie soll aus Ihrer Sicht künftig die Arbeit im Stadtrat aussehen?

Bräunig: Als Bürgermeister ist für mich jede Fraktion von gleicher Bedeutung für die künftige Arbeit. Ich werde mit allen Fraktionen Gespräch führen, welche Vorstellungen es dort gibt. Ich glaube nicht, dass es im Klingenthaler Stadtrat noch einmal zu einer Blockadehaltung kommen wird, wie es Ende der 1990er Jahre der Fall gewesen war. Das kann sich bei den Problemen, die in Klingenthal gelöst werden müssen, niemand mehr leisten.

 
erschienen am 08.03.2010
 
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