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"Es wird alles abgeschraubt, was nicht niet- und nagelfest ist"

Grenzstadt Klingenthal von Diebesbeutezügen nach Buntmetall überrollt

Klingenthal. Eine Welle von Diebstählen und Einbrüchen schwappt derzeit über die Stadt Klingenthal im Vogtland, die direkt an der Grenze zu Tschechien liegt. Seit Mitte Juni registriert die Polizei eine Serie von 30 Fällen, vornehmlich wurde Buntmetall entwendet. Die Delikte begrenzten sich auf zwei Straßenzüge, die parallel zur Landesgrenze verlaufen. Der Schaden betrage bisher etwa 30.000 Euro. "Die Zahl der Fälle stieg sprunghaft an", sagt Jan Meinel, Sprecher der Polizeidirektion Südwestsachsen. Vergleichbares habe es zuvor nicht gegeben.

Folge für "Kripo live" geplant

Der Fall ist so ungewöhnlich, dass für August Dreharbeiten für eine Folge der MDR-Sendung "Kripo live" über die Diebstahlserie geplant sei.

Die Heimat der Täter vermuten die Beamten im Nachbarland. Erst in der Nacht zu gestern wurde ein 50-jähriger Autofahrer an der Straße zur Grenze angehalten. In seinem Fahrzeug fanden die Ermittler Werkzeug und Altmetall. "Wir haben das Problem, dass wir das Metall nicht zuordnen können", sagt Meinel. Der Mann durfte weiterfahren. Dachrinnen aus Kupfer und teure Werkzeuge seien besonders begehrt. Einerseits rechnen die Beamten die Serie den gestiegenen Werkstoffpreisen zu. "Aber es wurden wohl auch immer mehr Leute mitgezogen, als sie merkten: da gibt es was zu holen", meint Meinel. Die Polizei plant verstärkt Streifen in Zivil, um die Lage einzudämmen. Kollegen aus Tschechien und Bundespolizei seien im Einsatz. Zuletzt entdeckten die Fahnder einen Trampelpfad über die Grenze im Wald, der mit weißen Bändchen so markiert wurde, dass er auch nachts zu finden ist. Nun wird er überwacht.

Kläranlage sechsmal betroffen

Die kriminelle Energie der Diebe nimmt indes stetig zu. Auch vor Einbrüchen schrecken sie nicht zurück, um an Beute zu gelangen. So wurden Garagen aufgeknackt - manche gar mehrfach. Auch drei Wohnungen verwüsteten Einbrecher auf der Suche nach Verwendbarem. Einer Dame stahlen sie sogar die Gardinen.

Eine Kläranlage des Zweckverbandes Wasser und Abwasser Vogtland (Zwav) liegt an einer der betroffenen Straßen. Sechsmal wurde das Gebäude von Dieben heimgesucht. Schaden: etwa 10.000 Euro. "Anfangs haben sie nur Dachrinnen abgeschraubt", sagt Uwe Donath, Leiter des Bereichs Abwasser. "Aber der Hit war, als sie das letzte Mal in die Büroräume und Werkstätten einstiegen, um auch noch die Werkzeuge mitzunehmen." Die teils veraltete Computertechnik hätten die Einbrecher links liegen lassen - bis jetzt. Denn die Firma plant demnächst die Modernisierung. Spätestens dann soll ein Sicherheitssystem eingebaut werden. Neue Dachrinnen wurden indes schon angebracht: alle aus Plastik. "Die letzte Kupferrinne wollten wir nach einem Vorfall von einem Klempner abmontieren lassen", erzählt Donath. Der Termin für den nächsten Morgen war ausgemacht. Doch über Nacht holten sich die Diebe jene auch noch. "Da mussten wir schon schmunzeln", meint Donath.

Nach Lachen ist Bürgermeister Enrico Bräunig (SPD) nicht zu Mute. Seit April ist er Stadtoberhaupt. Seit Jahren habe es in der Region keine Diebstahlwelle mit solcher Vehemenz gegeben. "Der Zustand ist besorgniserregend", sagt der ehemalige Beamte der Bundespolizei. Auch in Abrisshäuser stiegen die Täter ein. Die Tageszeit spiele keine Rolle. "Es wird alles abgeschraubt, was nicht niet- und nagelfest ist", so Bräunig. "Niemand fühlt sich mehr sicher." Vergangenen Dienstag wurde einer 84-Jährigen, die an einer Bus-Haltestelle wartete, am helllichten Tag die Handtasche entrissen. Auch dieser Dieb flüchtete über die Grenze.

Der Druck auf die Verantwortlichen der Stadt wächst. Bürgermeister Bräunig, gibt den Ball weiter. "Wir fordern von der Polizei, dass sie die Drahtzieher ermittelt und den Ring sprengt." Er vermutet organisierte Kriminalität hinter den Überfällen. Was in Görlitz die Autos sind, seien in Klingenthal die Buntmetalle. Nichtsdestotrotz: Sein Wagen kam Bräunig in der Heimatstadt abhanden. Im Februar war er geklaut worden.

Diebe erweitern Beutegebiet

Die Polizei vermutet einen Familien-Clan als Täterkreis. Inzwischen würden die Diebe ihr Einzugsgebiet ausdehnen und mit der Bahn tiefer ins Vogtland reisen - nach Falkenstein oder Auerbach. Sprecher Jan Meinel: "Wir können diese Verbindung ziehen, da wir einen in Auerbach aufgegriffenen Ladendieb zuvor schon mit Buntmetall an der Grenze erwischt hatten."

 
erschienen am 29.07.2010 ( Von Nicole Jähn )
 
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