Helga Seidl bekommt heute die Verdienstmedaille des Bundesverdienstordens.
Foto: Franko Martin
"Angenehme Streiterin für den sozialen Gedanken"
Bundesverdienstorden für Helga Seidl - Reichenbacherin hat sich für Kranke, Alte und Behinderte im ganzen Vogtland stark gemacht
Reichenbach.
Reichenbach. Am Dienstag wird die Reichenbacherin Helga Seidl in der Staatskanzlei in Dresden mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet - ebenso wie zwölf andere engagierte Sachsen, unter ihnen der Schauspieler Rolf Hoppe.
Gewürdigt wird das jahrzehntelange Engagement der heute 71-Jährigen für alte, kranke und behinderte Menschen im ganzen Vogtland, das weit über ihre Arbeit als Diplom-Sozialarbeiterin der Caritas hinausging.
Vorgeschlagen worden war sie von der Liga der Wohlfahrtsverbände. "Sie war als Vertreterin der Caritas eine Pionierin der ersten Stunde in dieser Liga", erklärt Steffan Günther, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt Vogtland, Bereich Reichenbach. "Ich habe mich sehr gefreut, als ich von der Ehrung erfuhr." Er würdigt Helga Seidl als "sehr angenehme, konstruktive Streiterin für den sozialen Gedanken", für den sie sich ständig eingesetzt habe.
Helga Seidl wurde als Kind mit ihrer Familie aus Reichenberg (heute Liberec) im Sudetenland vertrieben. Geheiratet hat sie nie - für einen Ehe sei gar keine Zeit gewesen, meint sie. Bis zu deren Tod sorgte sie für die Eltern, mit denen sie seit 1966 in einer AWG-Wohnung in der heutigen Otto-Lilienthal-Straße in Reichenbach lebte.
Ihren Beruf als Sozialarbeiterin habe sie immer als "Berufung" gesehen, erklärt die gläubige Katholikin und betont: "Ich danke den vielen Helfern, die mich unterstützt haben - alleine hätte ich die Arbeit nie geschafft." Die Unterstützung nutzte sie zum Beispiel dazu, bereits in der DDR Freizeiten für die psychisch kranken Menschen aus der Rodewischer Klinik zu organisieren.
14 Tage verbrachte sie mit ihnen in katholischen Ferienheimen, zum Beispiel in Blankenhain und Naundorf: "Das war natürlich nervenaufreibend, aber es hat auch Freude gemacht - und die Kranken haben ein Jahr davon gezehrt", erinnert sie sich lächelnd.
Als Patientenfürsprecherin vermittelte Helga Seidl bei Problemen zwischen den kranken Menschen und ihren Ärzten und Schwestern, aber auch ihren Familien. Sie arbeitete im Widerspruchsausschuss für Sozialhilferecht, im Sozial- und im Jugendhilfeausschuss, in der psycho-sozialen Arbeitsgruppe, im Seniorenbeirat und anderen Gremien in Plauen und im Vogtlandkreis mit, übernahm unzählige Haus- und Klinikbesuche, engagierte sich vielfältig im Helferkreis ihrer Pfarrei.
Mit dem 70. Geburtstag hat die Reichenbacherin ihre ehrenamtliche Arbeit beendet: Man sollte rechtzeitig aufhören, meint sie, das habe sie sich lange vorgenommen. Außerdem macht ihre eine Augenerkrankung stark zu schaffen. Davon lässt sie sich jedoch nicht unterkriegen, besucht gerne Museen oder Vorträge im Neuberinhaus: "In der fünften Reihe muss ich sitzen, da sehe ich am besten." Zudem habe sie einen großen Bekanntenkreis und Patenkinder, in deren Familien sie "wie zuhause" sei: "Langweilig wird mir nie, ich bin fast immer unterwegs."


