Für Gert Mittag und Marion Balbach sind die Treffen in der Selbsthilfegruppe ein Muss. Montags wird oft "nur" geredet, dienstags trifft man sich auch zum Basteln und zu Handarbeiten.
Foto: Thomas Michel
Alkohol bleibt Teil des Alltages
Werdauer findet Halt und Unterstützung bei Menschen mit ähnlichem Schicksal
Crimmitschau. Alkohol spielte in der Familie von Gert Mittag immer eine Rolle. "Ich begann regelmäßig zu trinken, als ich 13 Jahre alt war", sagt der Werdauer, der sieben Geschwister hat. Mehr als 20 Jahre lang hat er gekippt. "Zum Schluss war es so schlimm, dass ich früh erstmal schnell zum Bäcker musste, um mir was zu trinken zu kaufen. Damit das Zittern aufhört." Mindestens zwei Flaschen Schnaps brauchte Gert Mittag zu seinen schlimmsten Suchtzeiten. Täglich. Bis seine Frau ihm die Pistole auf die Brust setzte: entweder der Alkohol oder ich.
Der heute 45-Jährige entschied sich für seine Familie. Seit sieben Jahren ist er jetzt nach Entgiftung und Klinikaufenthalt in Wiesen trocken. Solange besucht er auch die Suchtselbsthilfegruppe des Kreuzbundes in Crimmitschau, die es seit 15 Jahren gibt. "Ich wurde am Montag in Wiesen entlassen, am Dienstag stand ich hier auf der Matte", erzählt der Transportfacharbeiter, der mehrere Jahre selbst eine Gruppe leitete. "Wir können hier über alles reden, auch über Niederlagen, Rückfälle. Keiner von uns ist davor gefeit." Alkohol gehört für Gert Mittag zum Alltag, aber nicht mehr zu seinem Leben. "Beim Judosportverein Werdau, in dem drei meiner Kinder sind, schenke ich sogar Bier aus. Das macht mir nichts." Trotzdem: Die Sucht hat Spuren hinterlassen. Gert Mittag leidet an Depressionen, hat keinen Job. Aber er engagiert sich, im Sportverein, in der Selbsthilfegruppe, bei Projekten, wie Weihnachten im Schuhkarton. "Mein Leben heute ist um vieles besser als mein altes. Es hat sich gelohnt."
Auch für Marion Balbach hat sich das Leben seit zwölf Jahren grundlegend geändert. Seitdem ist ihr Mann Arvid Balbach trocken. "Wir haben 1972 geheiratet. Alles war gut. Fünf Jahre später fing er an zu trinken. Ich geriet in eine Co-Abhängigkeit, verleugnete lange seine Sucht nach außen", sagt die Crimmitschauerin. Bis ihr der Kragen platzte: "Sauf dich doch tot, habe ich zu ihm gesagt." Das rüttelte den heute 61-Jährigen endlich wach. Die Tochter, die als Arzthelferin tätig ist, gab den Eltern zusätzlich Rückenhalt. Arvid Balbach schaffte den Entzug. "Angestoßen wird bei uns zu Silvester mit Alkoholfreiem. Ich habe keine Weinbrandbohne, nichts im Haus." Arvid Balbach hat sich sogar das Rauchen abgewöhnt, aber neue "Laster" gefunden: Kaffee und Eis. Das Ehepaar ist sehr aktiv in der Selbsthilfegruppe, Marion Balbach als Gruppenleiterin, ihr Mann als ehrenamtlicher Geschäftsführer. "Die Gespräche, das Miteinander geben uns unwahrscheinlich viel Halt." Zwischen acht und zehn Frauen, Männer und Jugendliche treffen sich zweimal die Woche in den Räumen in der Kirchgasse, ohne Zwang und ohne die Verpflichtung wiederzukommen.
Kontakt: Die Suchtselbsthilfegruppe des Kreuzbundes in Crimmitschau, Kirchgasse 4, trifft sich montags 19 Uhr und dienstags 17 Uhr. Informationen gibt es unter der Rufnummer 03762 45444 oder 0176 22261354 bei Arvid Balbach.


