Die vier Statisten aus der Region waren gut über den Gefangenenchor verteilt: Erika Hähnelt und Frank Bräunlich (3. und 4. von links) sowie Ulrike Baumgarten und Mariann Willuhn (1. und 2. von rechts) hatten zuvor die Oper aus ihrer Perspektive im Garderobenzelt erlebt.
Foto: Thomas Michel
Die Oper spielt auch im Umkleidezelt
Wie die vier Statisten aus der Region die "Nabucco"-Aufführung auf Schloss Blankenhain erlebt haben
Blankenhain. Blankenhain. Etwas verloren steht Ulrike Baumgarten am Freitag gegen 18 Uhr im Torhaus des Deutschen Landwirtschaftsmuseums Blankenhain. Sie ist eine der vier Statisten aus der Region, die die "Freie Presse" und die Konzertagentur Pauli für die "Nabucco"-Aufführung der Prager Festspieloper an diesem Abend im Schlosshof ausgewählt hatten - und die erste, die am Ort des Geschehens eingetroffen ist und der Dinge harrt, die da kommen.
Dass sie im Torbogen wartet, kommt nicht von ungefähr: Es regnet schon seit geraumer Zeit, was sie freilich nicht vom Kommen abgehalten hat. Nicht nur sie nicht: Vorm Eingang zum Museum steht die Schlange bereits eine halbe Stunde vorm Einlass Punkt 19 Uhr den ganzen Berg hinauf, ein Wald von Regenschirmen. Die 57-Jährige hat sich intensiv auf ihren Auftritt im "Gefangenenchor" der Oper vorbereitet - sich eingelesen, die CD gekauft. "Mich berührt es, dass eine solche Aufführung hier stattfindet. Noch dazu freut es mich, dass es Tschechen sind, die das machen", bekennt die Werdauerin.
Als sich schließlich auch Mariann Willuhn aus Zwickau, Erika Hähnelt aus Crimmitschau, Frank Bräunlich aus Meerane eingefunden haben, teilt Produktionsassistentin Marija den Kleindarstellern mit: Treffpunkt 19.30 Uhr beim Eingang. Alle nutzen die Zeit noch etwas, sich zu ergehen. Noch ist es ruhig im Museumsareal. Nur ein paar Menschen mit wichtigen Gesichtern vom Produktionsteam eilen hin und her. Auch Marija hat noch anderweitig zu tun. Gegen 18.40 Uhr wirft die Tschechin einen skeptischen Blick in den grauen Himmel und sagt, halb Feststellung, halb Frage: "Bis 8 Uhr ist trocken!" Selbst wenn nicht - gespielt wird allemal, täte man es nicht, hätte man viel Geld zurückzuzahlen, alles ist vorbereitet, und die eigentliche Aufführung kostet jetzt keinen Cent zusätzlich.
19.30 Uhr führt Marija die vier Statisten in das Umkleidezelt hinterm Verwaltungsgebäude - ein kleines Heerlager, Stimmengewirr, warme, feuchte Luft, viele Fetzen Tschechisch, Solisten neben Statisten neben Orchestermusikern , mobile Kleiderschränke - das alles fast schon selbst eine Kulisse für eine Oper. Das Quartett wird passend zu den übrigen "Gefangenen" eingekleidet, bodenlange Hemden, grobe Umhänge, Kopftücher. Am Ende sind sie kaum wieder zu erkennen. Eigentlich sind sie erst nach der Pause in Akt 3 dran, das wäre so gegen 21.30 Uhr. Aber sie beschließen, nicht vom Zuschauerbereich aus Akt 1 und 2 anzusehen, sondern in Kostüm und Garderobenzelt zu bleiben. Ulrike Baumgarten empfindet das als genauso spannend, als sähe sie die Oper selbst: "Diese Atmosphäre - das ist der Höhepunkt. Es ist unvorstellbar, was diese Menschen leisten", sagt sie. Und das unter einfachen Bedingungen, wie Frank Bräunlich feststellt: "Man sieht, mit wie wenig Aufwand hier eigentlich Theater gemacht wird."
Rechtzeitig vor dem vorgezogenen - die Pause fällt aus - Auftritt des Gefangenenchors weist eine Ankleiderin und eine andere Statistin die vier Novizen ein: Niederknien, wenn es die andern tun, später wieder aufstehen - alles geht glatt. Ulrike Baumgartens Hochachtung gilt am Ende nicht nur den Darstellern: "1500 Leute haben bis zum Ende ausgeharrt, obwohl es die ganze Zeit geregnet hat", zeigt sie sich beeindruckt.


