An dieser betagten Maschine drückt Bernd Rabe aus Werdau zahlreiche Textilstahlnadeln in eine Holzleiste, über die in Maschinen die Fasern transportiert werden.
Foto: Thomas Michel
Werdauer hält an Vaters Erbe fest
Wo Walter Rabe drauf steht, ist Bernd Rabe drin - Er produziert Ersatzteile für Spinnereimaschinen-Oldies
Werdau. Werdau. Eine solche Produktion, wie sie mitten in Werdau stattfindet, dürfte in Ostdeutschland einmalig sein. Bernd Rabe stellt - wie einst sein Vater - Ersatzteile für alte Spinnereimaschinen her: Nadellattenbänder und verschiedene kleine Erzeugnisse. Das große Geschäft ist es nicht, eher eine Nischenproduktion. Aber Betreiber der noch immer vor allem in kleineren Betrieben ratternden DDR-Textima-Maschinen oder polnischer Bafama-Maschinen brauchen diese Teile. Hersteller von Vliesstoffen für den Auto- und Schiffsbau sind das zum Beispiel.
Die große alte Fabrik mit der Adresse Brühl 63 atmet Geschichte. Es riecht nach Holz, alten Akten und Schmiermitteln. Der 68-jährige Besitzer und Bewohner kämpft nicht gegen die Zeichen der Vergangenheit an. Er hat sich mit ihnen angefreundet, lebt in der Welt seines Vaters, dem diese Fabrik einst gehörte. Walter Rabe steht auf dem Logo, das von außen grüßt. Es zeigt einen schwarzen Raben mit einer Spindel. Es ist jedoch sein Sohn Bernd, der hier zuhause ist.
1940/41 hat sein Vater die Immobilie erworben und die Produktion von Spinnereimaschinenersatzteilen aufgebaut. So wurden zum Beispiel Vorgarnspulen hergestellt, die Spinnmaschinen mit Material beschickten. Außerdem entstanden Nadellattenbänder. In Spitzenzeiten beschäftigte der Betrieb 20 Mitarbeiter. Der Vater kehrte nicht aus dem Krieg zurück, Mutter Martha übernahm die Firma. Ihr Sohn lernte Tischler, studierte Holztechnologie, wurde dann technischer Leiter im Familienbetrieb und übernahm ihn 1975.
Doch die sozialistische Planwirtschaft machte Bernd Rabe zu schaffen. "Ich hätte das Telefon manchmal an die Wand schmeißen können", kommt ihm noch heute die Galle hoch. "Nach der Wende brach der Markt vollkommen weg", erinnert er sich. "Für vier bis fünf Frauen konnte ich Arbeit ran bekommen." Inzwischen hat sich der Mann, der jetzt Rentner ist, mit seiner schrumpfenden Nische arrangiert und bedient eine treue Kundenschar. Außerdem hat er sich auf die Herstellung von Insektenschutzfenstern spezialisiert. Gern würde er das große Gebäude vermieten. Aber mit Maklern habe er schlechte Erfahrungen gemacht, sagt Rabe. Jetzt vertraut er nur noch sich selbst.
Investieren will er nicht mehr. "Es ist alles geblieben, wie es war", stellt er mit dem Blick auf den verstaubten Charme vergangener Zeiten fest. "Ich muss nicht repräsentieren, sondern will meine Arbeit machen. Es gibt viele, die sich nicht in diese Räume reingesetzt und stattdessen alles aufs Feinste hergerichtet hätten. Aber oft existieren solche Firmen heute nicht mehr." Den Hut zieht Bernd Rabe vor seinem Vater, "weil er das alles durchdacht, ausgebaut sowie gemeinsam mit meiner Mutter eine Existenz geschaffen hat".
Wenn bei dem Mann, der gleichzeitig als Chef und Arbeiter wirkt, heute Aufträge eingehen, ist meistens Eile angesagt. Die Ersatzteile sind rar. Viel Handarbeit steckt in den Nadellattenbändern, die er im Nebenerwerb fertigt. Verarbeitet wird meistens Rotbuche. 150 Leisten in einer Arbeitsbreite von 4,5 Metern sind mit Textilstahlnadeln zu versehen. "Sehr schön ist das im Textilmuseum Crimmitschau zu sehen", rät er allen, die wissen wollen, für was seine Arbeit wichtig ist. Die eigene Fabrik ist für Bernd Rabe ein Schatz. Dessen Perlen bestehen unter anderem aus Vierseitenhobelmaschine, Bandschleifmaschine, Langlochbohrmaschine, Abrichte, Hobelmaschine und Kreissäge und allem, was ein Mann mit Tischlerblut braucht.


