Foto: Marcus Richter

"Das Gewissen darf mit diesem Abend nicht beruhigt sein"

2500 Menschen setzten am Freitag beim "Zwickauer Appell" ein Zeichen gegen Rechts - und vorschnelle Abwehrreflexe

Zwickau. Es hat etwas Heimeliges, wenn Menschen in der Vorweihnachtszeit mit Kerzen bei einander stehen. Vor einer Stunde hat Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) den Zwickauer Weihnachtsmarkt eröffnet. Doch die Glühweinbuden bleiben vorerst verwaist.

Das Zentrum Zwickaus liegt heute woanders. "Kein Platz für Nazis", steht auf dem Transparent an der kleinen Bühne, direkt vor dem Trabant-Denkmal. Zweieinhalbtausend Menschen sind zum Georgenplatz gekommen, um nach einer Mahnwache am Montag ein weiteres Zeichen gegen Rechts zu setzen. Der von Gewerkschaftsbund und Stadtverwaltung organisierte "Zwickauer Appell für Demokratie und Toleranz" soll braunem Gedankengut eine klare Absage erteilen.

Auf den Steigermarsch folgt eine Schweigeminute. Die Regionalvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Sabine Zimmermann, verliest die Namen der zehn Menschen, die durch die Hand des "Terror-Trios" starben. "Zwickau verabscheut die an Kaltblütigkeit nicht mehr zu überbietenden Hinrichtungen", ruft Zimmermann und ihre Stimme zittert.

Sie weiß, dass es heute nicht nur darum geht, der Opfer zu gedenken. Es auch darum, den Ruf einer Stadt zu retten. Ganz Deutschland spricht von Zwickau und der "Zwickauer Zelle". Niemand spricht von "Thüringischen Tätern". Über Nacht ist Sachsens viertgrößte Stadt ein Menetekel für das geworden, was schiefgelaufen ist in Deutschland. Auch die Kameraleute, die am Georgenplatz in die Menge filmen, sind weit gereist. Warum gerade Zwickau? Weil es sich hier so gut untertauchen lässt? Im "braunen Sumpf"?

Mit der Explosion des Hauses im Stadtteil Weißenborn, in dem Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos jahrelang unbehelligt lebten, kamen nicht nur Hintergründe ans Licht, es taten sich Abgründe auf. Der Schock saß tief. Erst zehn Tage später drückte Findeiß ihre Bestürzung über das Geschehene aus. Zu groß sei die Sprachlosigkeit gewesen ob der nie da gewesenen Gewalt. Doch sie ist es eben nicht: nie da gewesen. Mehr als 180 Opfer rechter Gewalt hat es laut Amadeu-Antonio-Stiftung seit 1990 gegeben. Wie viele das sind, zeigen Zwickauer Jugendliche als sie die Namen der Toten auf Stofffetzen, aufgereiht an einem Seil, quer über den Georgenplatz ziehen.

Sie wollen wiederum ein Zeichen setzen - gegen Abwehrreflexe, wie sie auch in Zwickau zu beobachten waren: Die Morde sind doch in ganz Deutschland passiert. Das ist nicht typisch für unsere Stadt. Auch an diesem Abend wird ein Satz gebetsmühlenartig wiederholt, so als würde er allein dadurch wahr. "Zwickau ist nicht braun". Richtiger ist: Zwickau ist nicht nur braun. Denn ein paar wenige rechter Gesinnung haben sich dennoch hierher verirrt. Darunter Peter Klose, ehemaliger Landtagsabgeordneter der NPD, jetzt im Zwickauer Stadtrat. Ein stadtbekannter Rechtsextremist. Zimmermann ergreift das Mikrofon, um ihn lautstark des Platzes zu verweisen. Es ist Superintendent Eberhard Dittrich, der einem Umdenken an diesem Abend am nächsten kommt. "Warum habt ihr Klose nicht auf die Bühne geholt? Mich hätte interessiert, was er zu dieser Sache zu sagen hat." Endet nicht so das Leugnen, beginnt nicht so die Auseinandersetzung?

"Es muss Schluss sein mit Wegsehen und Verharmlosen", betont auch die Oberbürgermeistern und stellt die Frage aller Fragen: "Waren wir auf dem rechten Auge blind?" - wohl wissend, dass "wir" nicht nur die Bundespolitik sein kann. Trotz Ermittlungspannen und zynischer Wortwahl: trotz "Dönermorden" und "Sonderkommission Bosporus".

Andreas Weiß sorgt sich als Besucher der Demo dennoch um den Ruf seiner Stadt. "Woran denken Sie, wenn sie Mölln hören? Oder Solingen?", fragt er und schirmt seine Kerze vor dem Wind ab. "Wenigstens wissen die Wessis jetzt wo Zwickau liegt."

Nach 45 Minuten gehen die Zwickauer im Takt des Steigermarsches nach Hause. "Das Gewissen darf mit diesem Abend nicht beruhigt sein", hat Superintendent Dittrich zuvor gefordert. Nur wenige verirren sich noch an den Glühweinstand.

 

 
erschienen am 25.11.2011 (Von Ulrike Nimz)
 
Kommentare
1
(Anmeldung erforderlich)
  • 26.11.2011
    00:31 Uhr

    angemeldeter: Herr Klose hat ein "tolle" Rede zum U-Bahn-Bau in Zwickau gehalten. Und dieser Mann ist jetzt im Stadtrat? Helau!

    http://www.heise.de/tp/artikel/25/25666/1.html

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