Stadtrat Zwickau setzt Sportriese Decathlon vor die Tür

Bebauungsplan für Handelsgebiet an der Reichenbacher Straße abgelehnt

Zwickau. 16 Ja-Stimmen, 24 Nein-Stimmen, 4 Enthaltungen: Nach dieser Absage an ein Handelszentrum am Stadtrand gab es am Donnerstagabend Applaus vom Rang. Dort saß eine Reihe von Händlern aus der Innenstadt, die nun entspannter in die Zukunft schauen. Dort saß aber auch Bernd Arzt. Von dem Planer gab es keinen Beifall, denn dessen Projekt war es, dass mit dieser Abstimmung den Bach runterging. Entsprechend wollte sich Arzt am Donnerstag auch nicht mehr äußern, sondern zunächst seine Enttäuschung verdauen.

Auf der Fläche gegenüber des Flugplatzes wollten sich ein Lebensmittelmarkt, Schuhgeschäft und Drogerie sowie der Mediamarkt ansiedeln. Zugpferd sollte der Sportartikelriese Decathlon werden, um den am heftigsten gestritten wurde. Unter den Räten gab es auch einige Befürworter des Handelsgebietes, zum Beispiel Thomas Gerisch von der Demokratischen Allianz Zwickau. "Die Frage muss sein: Ist die Ansiedlung von Decathlon von Vor- oder Nachteil für die Stadt?" Er sieht den Vorteil. Gerisch sieht aber noch etwas anderes: einen fragwürdigen Umgang der Verwaltung mit dem vermeintlichen Investor, dem Modehaus Kress. Denn nachdem das Einzelhandelskonzept beschlossen war, sei klar gewesen, dass es an der Reichenbacher Straße keinen großflächigen Handel geben kann. "Warum hat man da nicht gesagt: Passen Sie auf, Herr Kress, es geht nicht weiter?", fragte Gerisch. Rückendeckung erhielt er von Claus-Steffen Reitzenstein (CDU). Der hatte allerdings weniger den Investor im Blick, sondern den Sportartikel-Discounter. "Ich bin überzeugt, wenn sich Decathlon jetzt in Chemnitz, Plauen oder Gera ansiedelt, bricht in Zwickau das große Heulen und Zähneklappern aus."

Mario Pecher (SPD) sah das nicht so dramatisch. Er bezog sich darauf, dass Decathlon sich schon vor zwei Jahren in Zwickau ansiedeln wollte und damals damit drohte, sich bei einer Absage in Chemnitz oder Gera niederzulassen. "Wo sind sie denn?" Der Sozialdemokrat appellierte an die Räte, nicht als Kunde zu entscheiden, sondern als Stadtplaner. "Wer diesem Bebauungsplan zustimmt, gibt die Innenstadt auf."
Diese Meinung vertrat auch Martin Böttger (Grüne). Er gehörte zu den Mitgliedern des Wirtschafts- und Umweltausschusses, die vorgeschlagen hatten, aus dem Handels- ein Gewerbegebiet zu machen. Dieser Antrag wurde aus formalen Gründen nicht verlesen, weil er sich nicht auf die Betreffzeile des Beschlussvorschlags bezog.

Nach langer und emotional geführter Diskussion stellte Tristan Drechsel (Demokratische Allianz) einen Antrag auf geheime Abstimmung. Er habe den Eindruck, dass einige Räte nicht frei entscheiden könnten. Letztlich wurde offen abgestimmt. Dabei enthielt sich Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) der Stimme, obwohl die Verwaltung den Beschlussvorschlag eingebracht hatte. Doch für dessen Begründung hatte sie zuvor schon Schelte einstecken müssen. So sagte etwa Claus-Steffen Reitzenstein, er sei verblüfft, dass die Verwaltung sämtliche Argumente gegen diesen Bebauungsplan aufgeführt hatte. "Das ist schon sehr merkwürdig."
Enttäuschung nach der Absage auch bei Gerhard Neef: "Damit sind fünf Arbeitsplätze für unsere Spieler weg", sagte der Präsident des Regionalligisten FSV Zwickau. Decathlon habe ihm zugesichert, fünf Fußballer einzustellen - das sei die Art des Unternehmens, Vereine zu fördern.

 

 
erschienen am 05.07.2012 (Von Sara Thiel)
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
Kommentare
4
(Anmeldung erforderlich)
  • 15.07.2012
    21:20 Uhr

    ez70: wo bitte sollen diese grossen einzelhandelsflaechen denn sein? und gewisse markttypen benoetigen grosse flaechen. ( siehe mediamarkt usw.) hier wurde wieder kleinkariertem lobbyismus gefolgt. nicht mehr und nicht weniger!

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  • 14.07.2012
    01:42 Uhr

    Ickerbocker: Ich muss meinen beiden Vorrednern doch in aller Deutlichkeit widersprechen. Die Absage an Decathlon ist in meinen Augen vollkommen in Ordnung und städtebaulich wie wirtschaftlich richtig. die Zeit nach 1990 hat gezeigt was passieren kann wenn man jedem der mit Investitionen lockt die Tür allzu weit aufschlägt. Großmärkte auf grünen Wiesen die den Handel aus den Innenstädten nahezu rausgesaugt haben. Abbruchund Leerstand waren die Folgen. Mit der behutsamen Integrierung der der Arcaden in die historische Stadtstruktur hat man einen entscheidenden Schritt getan die Innenstadt wieder zum Einzelhandelszentrum zu machen. Man darf sich keinen Illusionen hinsichtlich der Absichten von Decathlon hingeben, man kennt das zur Genüge. Die hingesetzte Architektur ist eine bessere Markthalle, billig muss es sein. Dabei gibt es auch in zentralerer Lage genügend Flächen die sich mit ansprechender Bebauung füllen liesen und die ebenfalls als Sportgroßmarkt herhalten könnten. Aber das wäre natürlich zu teuer bzw. mit zu wenig Ausstiegszenarien verbunden.

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  • 09.07.2012
    09:13 Uhr

    Roettgers: Ich kann mich meinem Vorposter nur anschließen. Diese Entscheidung ist unverantwortlich. Man gaukelt uns Marktwirtschaft vor. Dies bedeutet in der Kurzdefinition, dass von der Politik die Rahmenbedingungen zur Umsetzung geschaffen werden müssen. Die Politik hat sich jedoch nicht einzumischen was die Entwicklung der Märkte betrifft. Hier werden Arbeitsplätze verweigert und die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt gehemmt.
    Zwickau ist schon fast beispiellos in seiner kommunalpolitischen lächerlichen Handlungskompetenz. Hier tagt mit Ausnahme einiger engagierter Stadträte regelmäßig ein Kaffeeklatschensemble das seines Gleichen sucht. Eine Oberbürgermeisterin die gar keine Meinung zur Entwicklung der Wirtschaftskraft "Ihrer" Stadt hat und sich Ihrer Stimme bei tragenden Entscheidungen enthält ist in Ihrem Amt völlig fehlplatziert. Bitte keine Entscheidungen fällen und Verantwortung übernehmen deren Tragweite bei der nächsten Wahl Einfluss nehmen könnte. Aber Frau Findeiß, dass ist Politik. Zwickau verkommt nach und nach zum Provinzkaff. Verschwendetes Potential wird den demographischen Wandel weiter vorantreiben. Und das alles aus reinem Eigeninteresse. Der Einzelhandel in der Innenstadt lebt von den Menschen die sich ohnehin gern im Zentrum tummeln. Durch ein Konkurrenzgewerbe am Randgebiet hätte es keinen Abriss gegeben.
    Wenn der Euro floppt und die Krise erst so richtig nach Deutschland schwappt (was passieren wird, denn die BRD wirtschaftet auf Pump und man muss nicht studiert haben um zu wissen das dies nicht funktionieren kann) wird es in Zwickau dank automobilabhängiger Wirtschaftsstruktur zappenduster. Bitte Frau Findeiß! Nehmen Sie Ihren Hut und machen Sie Platz für Menschen die Verantwortung übernehmen können und wollen.

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  • 08.07.2012
    11:38 Uhr

    ez70: Zu diesem Stadtrat und dieser Verwaltung gibt es nur noch Eins zu sagen: beschämend !

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