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Mahnwache vor dem Gerichtsgebäude: Aktivisten demonstrierten gestern in München mit diesem Plakat.  Mahnwache vor dem Gerichtsgebäude: Aktivisten demonstrierten gestern in München mit diesem Plakat.

Foto: Andreas Gebert/dpa

NSU: Der Mundlos-Kumpel erzählt

Im NSU-Prozess berichtet der Chemnitzer Zeuge Hendrik L. von seiner Freundschaft zu einem Mitglied des Trios.

Von Jens Eumann
erschienen am 06.03.2015

München. Adrett gekämmtes kurzes Haar, gestriegelter Vollbart und ein dunkelblaues Jackett mit fliederfarbenen Längstreifen - rein optisch war der gestern in den Gerichtssaal A 101 des Oberlandesgerichts München geladene Zeuge nicht nur salonfähig. Er wäre sogar auf einer Bootsklub-Party unter englischen Gentlemen nicht aus dem Rahmen gefallen. Anders als seine rechtsextreme Kundschaft. Die stattete Hendrik L., Inhaber der Chemnitzer Szene-Boutique "Backstreetnoise", seit Mitte der 90er-Jahre mit Kleidung und Accessoires aus, die jedes Neonazi-Herz höher schlagen ließen. Etwa mit bestickten Jacken, geziert von der Ziffernfolge 88, die unter Neonazis als Grußformel gilt: zweimal der achte Buchstabe des Alphabets, also HH, kurz für "Heil Hitler".

So "30, 40 Leute" hätten damals zu dem Chemnitzer Umfeld gezählt, das er mit solchen Jacken versorgte, räumte Hendrik L. gestern ein. "Ich hatte da so eine Stickerei an der Hand", sagte der Zeuge auf Nachbohren von Manfred Götzl, dem Vorsitzenden Richter im Prozess zum Terror des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). Bohren musste Götzl, weil sich Hendrik L. zunächst nicht erinnern wollte, wer und wie viele Leute zu seinem Freundeskreis gehörten, der sich großteils mit dem Kreis mutmaßlicher Chemnitzer NSU-Unterstützer deckt.

Als Zeuge hatte man den 39-jährigen Chemnitzer geladen, weil er nach Auffliegen des NSU im BKA-Verhör einräumen musste, dass auch er das 1998 in Chemnitz untergetauchte Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gekannt und auch nach dem Abtauchen Kontakt zu diesem gepflegt hatte. Zur Zeit der Fahndung im Jahr 1999 hatte Hendrik L. gegenüber der Polizei noch jegliche Bekanntschaft mit den drei flüchtigen Jenaern geleugnet. Damals war Hendrik L., der im Jahr 2000 neben seinem Kleidungs-Shop auch das Chemnitzer Rechtsrock-Plattenlabel "PC Records" gründete, öfter mit der Polizei in Konflikt geraten. Etwa wenn es Razzien wegen der Veröffentlichung von Platten rechter Bands gab, die im Verdacht standen, rassistisch volksverhetzend zu sein. Nach einer Razzia war Hendrik L. nach den Flüchtigen gefragt worden. Er behauptete strikt, sie nicht zu kennen.

Gestern dagegen räumte er ein, seit Mitte der 90er-Jahre Kontakt zu den dreien, vor allem zu Mundlos, gehabt zu haben. Allerdings könne er kaum noch zwischen der Zeit unterscheiden, als die Jenaer "bei uns zu Besuch" waren, und der Zeit nach dem Untertauchen. Die anonyme Verknappung "bei uns zu Besuch" veranlasste Richter Götzl zum Nachbohren. Wen er mit "bei uns" meine, wollte er wissen. "Die Stadt Chemnitz" gab L. pauschal zurück. Allerdings nur, um heruntergeputzt zu werden. Götzl wollte Namen aus dem Kreis der 30, 40 Freunde hören und drohte L. andernfalls eine langwierige Vernehmung an. Schließlich rückte L. bereits bekannte Chemnitzer Namen heraus: Thomas S., der eingeräumt hat, dem Trio den Sprengstoff TNT besorgt zu haben; Jan W., der im Verdacht steht, die erste NSU-Schusswaffe besorgt zu haben; Andreas G., der von Chemnitz nach Baden-Württemberg zog und in der Rechtsrockband "Noie Werte" spielte, mit deren Liedern frühe Versionen des NSU-Mordbekenner-Videos unterlegt wurden. Auch die Brüder Gunter und Armin F. nannte Hendrik L., die in Chemnitz damals nur die "Geklonten" genannt wurden. Als Alias genutzte Ausweispapiere von einem dieser Brüder fand man 2011 im Brandschutt des letzten NSU-Unterschlupfs an der Zwickauer Frühlingsstraße.

Er habe sich öfter, manchmal wöchentlich, manchmal einmal im Monat, mit Mundlos getroffen und diesen auch in einer Chemnitzer Wohnung aufgesucht, sagte L. gestern. An die Adresse des Unterschlupfs könne er sich nicht mehr erinnern. Seiner Zuordnung "nahe dem Südbahnhof" nach muss es sich um die Wohnung in jenem Haus an der Altchemnitzer Straße gehandelt haben, die ein weiterer Chemnitzer Kamerad von 1998 bis 1999 fürs Trio gemietet hatte.

In jene Zeit sei seine Kooperation mit Mundlos bei einem T-Shirt gefallen, das er, L. , in der Szene vertrieben habe. Das Motiv: eine baseballkeulenschwingende Version der Serien-Figur Bart Simpson in Springerstiefeln unter wehendem Kapuzenumhang, dazu der Schriftzug "Skinsons". Die Idee habe von ihm gestammt. Er habe Mundlos, der "grafisch was auf dem Kasten hatte", gebeten, das Ganze "zu verfeinern", so L. Ob er Mundlos Geld dafür bezahlt habe, wollte der Richter wissen. Immerhin berichteten andere Zeugen, das Motiv habe von Uwe Mundlos gestammt, der mit dem Shirt eine Finanzquelle im Untergrund habe erschließen wollen. "Ich kann mich nicht erinnern, ihm etwas gezahlt zu haben", behauptete L. gestern. Das hatte er zuvor noch ganz anders dargestellt, etwa in der Vernehmung durchs BKA, wo er einräumte, Mundlos Geld fürs das Shirt-Motiv gegeben zu haben. Auch in einem früher geführten Gespräch mit der "Freien Presse" hatte L. die Zahlung bestätigt, allerdings abgewinkt, es seien höchstens 100 Mark gewesen.

Auf Berichte der "Freien Presse" kam Hendrik L. gestern sogar selbst zu sprechen. Zu Unrecht sei er mit dem Lied "Döner-Killer" in Verbindung gebracht worden. Das Lied, mit dem die rechtsextreme Band "Gigi und die braunen Stadtmusikanten" im Jahr 2010, also noch vor Auffliegen des NSU, die Opfer und Ermittler der Ceska-Mordserie verhöhnte, war von "PC Records" produziert worden, also von dem von Mundlos-Freund Hendrik L. gegründeten Label. Das aber eben zu einem Zeitpunkt, als er schon lang keinen Kontakt mehr zum Trio gehabt habe, und zudem als das Label bereits in anderen Händen lag, sagt L. 2010 wurde "PC Records" von L.s früherem Partner Yves R. geführt.

Von Opferanwälten wurde L. gestern zu genau diesem Punkt in die Mangel genommen. Auch wenn das höhnende Lied kein Täterwissen offenbart, stellt sich vor dem Hintergrund der NSU-Kontakte Hendrik L.s die Frage: Was wusste eine Szene, die seit dem Jahr 2010 die Morde nahezu feierte, damals bereits über deren Hintergründe?

Ob er mit Yves R., dem zeitweisen Betreiber des von ihm gegründeten Labels, Kontakt habe, wollte Opferanwalt Carsten Ilius wissen. Habe er, so L. Auf Nachfrage räumte er ein, dass sich seine Boutique und das angeblich seit 2003 fremdgeführte Rechtsrocklabel nach wie vor in demselben Gebäude befinden. Zwar betonte L. die beiden völlig voneinander getrennten Eingänge. Allerdings musste er erneut einräumen, dass es im Inneren eine Verbindungstür zwischen den Läden gibt. "Die ist aber eigentlich immer verschlossen", beteuerte der einstige Mundlos-Freund.

Seine Kontakte zum Trio allerdings, so versicherte L. gestern erneut, seien vor Eröffnung seines Ladenlokals im Jahr 2000 abgebrochen. Gegenüber der "Freien Presse" hatte er zuvor beteuert, von der bundesweiten Mordserie an den neun ausländischen Kleinunternehmern, die im September 2000 begann, habe er bis zum Auffliegen des NSU niemals Kenntnis gehabt.

Einschüchterungsversuch gegen "Freie Presse"-Reporter

Zu einem Zwischenfall kam es am Ende des gestrigen NSU-Prozesstages auf der Empore, wo Pressevertreter und Publikum den Prozess verfolgen. Ein dem Anschein nach mit dem gestrigen Zeugen zum Prozess gekommener Gast, der im Laufe des Tages mehreren Besuchern durch einen Ring mit Emblem der "Schwarzen Sonne" (Szene-Bekenntnis zur SS) aufgefallen war, verließ nach Entlassung des Zeugen Hendrik L. nicht auf direktem Weg die Empore. Vielmehr ging er zum Platz des vom Zeugen zuvor kritisierten Reporters der "Freien Presse", beugte sich vor und raunte diesem dessen angeblich herausgefundene Privatadresse zu, versehen mit der Bemerkung: "Alles klar?"

Im Wortlaut selbst lag keine Drohung, doch verstanden alle Journalisten auf den umliegenden Sitzen den Sinngehalt der Bemerkung gleich: Pass auf, wir wissen, wo du wohnst! Justizwachleute stoppten den Mann am Ausgang und nahmen seine Personalien auf. Er habe sich über Berichte des Journalisten geärgert, sagte der Mann. Der "Freie Presse"-Reporter erstattete Anzeige. Die Polizei kündigte an, den Staatsschutz einzuschalten.

 
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