Thomas Kochan Thomas Kochan vor seinem Spirituosengeschäft in Berlin.

Foto: Antje Freese

Wie das Land - so das Trinken: Stichpimpulibockforcelorum

Thomas Kochan hat den Alkoholgenuss in der DDR erforscht - Das Land war eine "alkoholzentrierte" Gesellschaft

Berlin. Was für ein Wort! Stichpimpulibockforcelorum. Man muss diesen Likörnamen gleich hier vorn hinschreiben, so außergewöhnlich ist er. Zusammengesetzt ist das Wort aus den Anfangssilben der Zutaten der Spirituose: Stichos steht für einen Kräuterextrakt. Rum für Rum. Dazwischen etliche andere Essenzen. Es ist ein Klassiker unter den Likören, den es lange vor der DDR gab, der aber im Sozialismus erst zum Kult wurde. Warum? Darüber kann man simmelieren. Bei einem Stichpimpulibockforcelorum.

Als Thomas Kochan für seine Doktorarbeit recherchierte, erinnerten sich die Menschen aber nicht nur dieses Getränks, sondern vieler "alkoholischer Geschichten". Als er mit einer Frau aus der Oberlausitz sprach, erfuhr er von der Wodka-Bockwurst-Diät. Anfang der 1980er-Jahre "fastete" die Frau mit einer Kollegin. Früh tranken die beiden Frauen jeweils einen einfachen Schnaps, mittags gab es einen Doppelten und dazu eine Bockwurst, am Abend nochmals einen kräftigen Schluck. Mehr nicht, sie wollten ja abnehmen. Als die Frau jetzt, über zwanzig Jahre später, von ihrer eigenartigen Kur berichtete, lachte sie und schüttelte irritiert den Kopf. "Das war schon ganz schön krank, damals", sagte sie.

Ein Gläschen in Ehren

Wie trank die DDR? Für Kochan, der am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität promoviert hat, war diese Frage eine nüchterne, eine wissenschaftliche. Auf das Thema ist er gekommen, weil er etwas untersuchen wollte, das Spaß macht. Inzwischen hat ihn die Alkohol-Forschung so weit gefesselt, dass er in Berlin "Dr. Kochans Schnaps-Kultur" führt, einen Laden für edle Spirituosen. Selbst genießt er Hochprozentiges in Maßen. "Jeden Abend ein Glas." Dafür im Jahr nur fünf Flaschen Bier und zwei Flaschen Wein", überschlägt Kochan, der den Menschen den "feinen, kleinen Genuss" nahebringen möchte.

Doch zurück zum Wissenschaftler Kochan. Er entlarvt in seiner Arbeit gleich mehrere Klischees als solche. Stereotyp halten sich die Meinungen, vor allem im Westen, dass der Alkoholverbrauch im Osten höher gewesen sei als im Westen; dass das DDR-Volk sich die Realität schöntrinken wollte, und nicht zuletzt, dass die Staatsführung danach trachtete, durch Alkohol unzufriedene Bürger ruhigzustellen.

"Alles Quatsch", sagt Kochan. Er gibt natürlich eine Erklärung für den etwas getrübten Blick vieler Westdeutscher: Traditionell trank man im Westen mehr Wein, einfach, weil er dort besser wächst. Verstärkt wurde dies, als der Westen Italien als das Urlaubsland entdeckte - und damit die dortigen Weine. In Osteuropa dagegen wurde immer schon mehr Schnaps genossen. Bier ist gut, Wein ist noch viel besser und Rotwein ist am besten. Spirituosen dagegen gelten als anrüchig. "Diese Ansicht entspricht dem westdeutschen Mainstream. Dass man Schnaps genießen kann und genossen hat, leuchtet vielen nicht ein."

Auch schöngetrunken habe sich niemand die DDR, schiebt Kochan das zweite Vorurteil beiseite. "Die Menschen hatten sich eingerichtet. Und seit Walter Ulbricht war der Staatsführung der Alkoholkonsum der Bürger ein Dorn im Auge", so der Wissenschaftler. Ungezügeltes Bechern galt als Fortschrittsbremse. "Denkende Arbeiter trinken nicht. Trinkende Arbeiter denken nicht", hieß bereits 1900 eine Losung vom Deutschen Arbeiter-Abstinenten-Bund, einem Verein sozialistischer Alkoholgegner. Ulbricht, Jahrgang 1893 und Anti-Alkoholiker, startete Ende der fünfziger Jahre einen Frontalangriff auf "dunkle" Bierkneipen, gegen Schnäpse und Liköre.

Als Alternativen zu Eckkneipen pries die Propaganda Milchbars und Klubgaststätten sowie das "kulturvolle" Glas Wein. Das Schrumpfen der Spirituosenbranche war beschlossene Sache. Später entdeckten die SED-Wirtschaftsfunktionäre das profitable Geschäft neu, die Destillerien und Likörfabriken wurden zur sicheren Einnahmequelle der ansonsten defizitären Staatswirtschaft. "An Schnaps mangelte es der Mangelgesellschaft nie", so Kochan.

Er hat für seine Analyse nicht nur Statistiken durchforstet, sondern auch Zeitschriften und Zeitungen analysiert, Filme des DDR-Fernsehens angeschaut. Sein Blick war dabei immer auf die Art und Weise gerichtet, wie Alkoholkonsum thematisiert wurde. Er führte Interviews mit Zeitzeugen, befragte Kneipenbesitzer gleichermaßen wie Suchtmediziner, hat mit dem Chef eines Spirituosenbetriebes und mit Brauern gesprochen - und natürlich mit Otto-Normalbürgern. So lernte er nicht nur die Wodka-Bockwurst-Diät kennen, sondern hörte unzählige Geschichten. Dabei wirkten Markennamen wie Goldbrand und Klosterbruder, Lunikoff und Klarer Juwel, Sambalita und Stichpimpulibockforcelorum wie Reizworte.

Rolle des Bergwerksfusels

"Mit Ostdeutschen kann man sich stundenlang über Schnaps in der DDR unterhalten", spürte Kochan. Die Erinnerungen drehen sich um sündhaft teuren Rotkäppchen-Sekt, der oft kurz vor Silvester in den Läden auftauchte, um die nicht ganz legalen Verrenkungen, um an einen Karton Rosenthaler Kadarka zu gelangen, um Bierflaschen, die man in der Kaufhalle schüttelte, um trübe Chargen auszusortieren. Oder es geht um das heimliche Süffeln an der Werkbank und im Büro, um rauschhafte Hausfeste und Brigadefeiern, um das löchrige Kneipennetz, um die Null-Promille-Grenze im Straßenverkehr oder um Saufgelage bei der Nationalen Volksarmee.

Eine besondere Rolle spielte Schnaps in Bergbauregionen, wo es ihn bis 1990 als Deputat gab. Alle anderen Bezugsmarken waren nach dem Krieg abgeschafft worden. Den Zorn der Kumpel fürchtend, traute man sich nicht, den Deputatschnaps zu streichen. Sagenhaften Ruf genoss dabei der "Wismutfusel", obwohl es sich um gewöhnlichen Trinkbranntwein handelte. Unter Namen wie Klarer Juwel oder Bergkristall konnte man den "Kumpeltod" in jeder Kaufhalle erwerben. Allerdings war der Deputatschnaps für 1,12 Mark pro 0,7-Liter viel billiger als andere alkoholische Getränke.

In den Wismutschächten fungierten die Bezugs-Marken über je 0,1 Liter als Binnenwährung: Das Schweißen einer einen Meter langen Naht kostete, wenn ein anderer Kumpel die Arbeit übernahm, "100 Gramm". Über Tage tauschte man den Schnaps gegen "Bückware", entlohnte Dienstleistungen mit Berechtigungsscheinen und bekam sein Auto schneller in die Werkstatt.

Kochans Quintessenz: "Die DDR war zwar keine alkoholisierte, aber eine ,alkoholzentrierte' Gesellschaft". Auf den sprachlichen Unterschied legt er Wert. Die Bezeichnung rücke die Vielfalt des Umgangs mit Alkohol ins rechte Licht. Alkoholika galten als Rauschmittel, sie dienten als inoffizielles Zahlungsmittel, als Prämie, sie waren Arznei und jederzeit ein passendes Geschenk. Das Trinken durchzog die Freizeit genauso wie die Arbeitswelt und die Vielzahl von offiziellen und halboffiziellen Feiern. Kurzum: Alkohol spielte eine zentrale Rolle.

Doch im Herbst 1989 legten die Ostdeutschen das alkoholzentrierte System ad acta. Kochan: "Die friedliche Revolution - sie war eine nüchterne Revolution."

Literatur

Thomas Kochan: "Der blaue Würger", Aufbau-Verlag 2011, 336 Seiten, ISBN: 978-3-351-02730-8

 
erschienen am 09.04.2011 ( Von Eva Prase )
 
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